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vonDetlef Guertler 11.08.2008

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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„Kurt Tucholsky ist ein media watch dog der ersten Stunde“, schrieb gestern die taz, was wiederum A. St. Reyntjes auffiel, den wiederum wunderte, für diesen „denglischen Presse-Wachhund“ schon 7.550 Google-Treffer im deutsch- und dutchsprachigen Netz gefunden zu haben.

Wobei mir die Übersetzung „Presse-Wachhund“ nicht gefallen will, weil das ja eher jemand wäre, der die Presse vor Angreifern von außen schützt (und nicht vor eigenen Fehlern), wohingegen der „Presse-Kritiker“ wieder etwas zu grob wäre (weil hier der Kritiker wohl so negativ wie in Regime-Kritiker rüberkommt und nicht so neutral wie in Theaterkritiker), der Pressebeobachter allerdings wieder zu neutral wäre. Um jemanden zu beschreiben, der seinen Beobachtungsgegenstand kritisch-distanziert bearbeitet, wäre es ja schön, wenn man da einfach -journalist anhängen könnte, aber dafür fehlt ganzen Teilbranchen wie den Reise-, den Auto- oder den Börsenjournalisten zu sehr die kritische Distanz – ganz abgesehen davon, dass man Tucholsky auch nicht gerecht würde, würde man ihn Medienjournalist nennen. Und noch weiter abgesehen davon, dass man mit der Benennung von Kurt Tucholsky als media watch dog der ersten Stunde wiederum Karl Kraus nicht gerecht wird.

So gesehen ist der Presse-Wachhund dann doch von vielen unüberzeugenden Eindeutschungsversuchen des media watch dogs die am wenigsten unüberzeugende. Aber vielleicht findet ja jemand hier noch was Besseres?

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https://blogs.taz.de/wortistik/2008/08/11/media_watch_dog/

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kommentare

  • Einverstanden. Belassen wir es beim schönen Adjektiv. Ein neuerer Wortistik-Text veranlasst mich, gleich noch was nachzuschieben. Was wäre das Gegenteil von tucho? Vielleicht turi?

  • In der Tat, Zyklop: Tucho taugt sogar als Adjektiv. Aber für wen? Ist Niggemeier tucho? Oder Matussek? Oder irgendjemand von der Achse des Guten? Ich kann mir „tucho“ als Qualitätsurteil für einzelne Texte vorstellen, aber für einzelne Satiriker, Poeten, Schriftsteller genausowenig wie für ebensolche Journalisten.

  • ASR hat Recht. Für K.T. e i n e Bezeichnung zu finden, die ihn ausreichend beschreibt, das geht nicht. Drehen wir die Sache also einfach um. Und machen „Tucho“ zum Begriff. Für kritische Journalisten, für Satiriker, für Poeten, für Schriftsteller für… und auch für Menschen. Sie/Er ist tucho. Taugt sogar als Adjektiv.

  • In meinem Kommentar zum taz-Artikel habe ich K. T. einen „Presse-Wolf“ genannt, was ja auch nicht immer seine Dichtung trifft:

    http://www.taz.de/1/leben/medien/artikel/kommentarseite/1/salat-fuer-zeitungsleser/kommentare/1/1/

    Für einen Politik- und Poesie-Kerl wie ihn e i n e wahre, treffende Bezeichnung zu finden, halte ich schon für eine einsames Begriffsgeschäft (besonders, wenn er, der solch ein deutliches Deutsch schrieb (, dass das „braune Jahrtausend“ schäumte) englisch verdogt, also: verschwiemelt werden soll.

    Als Beispiel….?

    K.T.: Olle Germanen

    Papa ist Oberförster,

    Mama ist pinselblond;

    Georg ist Klassen-Oerster,

    Johann steht an der Front

    der Burschenschaft

    ›Teutonenkraft‹.

    Bezahlen tut der Olle.

    Was Wotan weihen wolle!

    Verjudet sind die Wälder,

    verjudet Jesus Christ.

    Wir singen über die Felder,

    wie das so üblich ist,

    in Reih und Glied

    das Deutschland-Lied.

    Nachts funkelt durch das Dunkel

    Frau Friggas Frost-Furunkel.

    Die Vorhaut, die soll wachsen,

    in Köln und Halberstadt;

    wir achten selbst in Sachsen,

    dass jeder eine hat.

    Ganz judenrein

    muß Deutschland sein.

    Und haben wir zu saufen:

    Laß Loki luhig laufen!

    Wer uns verlacht, der irrt sich.

    Uns bildet früh und spät

    für 1940

    die Universität.

    Wer waren unsre Ahnen?

    Kaschubische Germanen.

    Die zeugten zur Erfrischung

    uns Promenadenmischung.

    Drum drehten wir

    zum Beten hier

    die nationale Rolle.

    Was Wotan weihen wolle –!

    *

    Theobald Tiger. In: “ Die Weltbühne“ vom 03.03.1925. Nr. 9, S. 333.

    H i e r – im textlog – gibt es einen dämlichen Tippfehler zu bewundern:

    “ Ganz zudenrein / muß Deutschland sein.“

    Vgl.:
    http://www.textlog.de/tucholsky-olle-germanen.html

  • Wie wär’s denn mit Presse-Terrier? Wer beim Wort „Terrier“ nicht gleich Berti Vogts vor Augen hat, denkt an einen Hund, der beharrlich seine Fährte verfolgt und sich einbuddelt, wenn’s nötig ist. Damit ist das Hundebild erhalten (wobei der Wachhund auch auf englisch eine wenig gelungene Metapher ist), ohne das zu martialische „Jagdhund“ zu verwenden.

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