Goldtstücke – schaumstoffbunt
von Detlef GuertlerDer im vergangenen Sommer begonnenen und damals fürs Erste auch zu Ende gegangenen Serie mit Neuwörtern aus dem Oeuvre Max Goldts (allgemeine Erläuterungen zum Wie und Warum der Goldtstücke stehen beim ersten seiner Art) möchte ich mindestens noch eine Folge hinzufügen, weil sich unser heutiges Neuwörtchen in einem der schönsten Loblieder auf die Innovationskraft der deutschen Sprache befindet. Das Lied, der Text also, heißt “So machen es die klugen Sprachen”, preist das “neue, ganz besonders schöne Wort” Rohlingsspindel und findet sich in dem Buch “QQ”, Rowohlt Berlin 2007, S. 58 ff. Hier nur ein paar Auszüge daraus:
“Sogar Hoffnung geht aus von der Rohlingsspindel. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Deutsche allzu widerstandslos als eine Art Dorftrottel unter den Sprachen präsentiert, der nicht in der Lage ist, für aktuelle Gegenstände aus seinem angestammten Wortschatz neue Begriffe zu bilden, und sich statt dessen auf eine Weise die ein amerikanischer Kommentator als “vorauseilende Unterwürfigkeit” bezeichnete, mit schlaffer, altersfleckiger Hand aus dem weltweit dampfenden englischen Breitopf bedient. doch eines Tages, unerwartbar, fing die schlaffe Hand zu pumpen an. Sie füllte sich mit Blut, und aus der pumpenden Faust befreite sich mit einer Kraft und einem Stolz, den man sonst nur dem Isländischen oder Finnischen und anderen törichterweise so genannten “kleinen Sprachen” zutraut – die Rohlingsspindel.
Das ist um so erstaunlicher, als sich die Neuschöpfung aus zwei Gliedern zusammensetzt, denen man, für sich genommen, allein keine Zukunft zugetraut hätte. … So machen es die klugen Sprachen: Wenn einem ihrer Wörter die Bedeutung verblasst und schließlich abhanden kommt, dann schmeißen sie es nicht weg, auf dass es in den Lexika mit einem begleitenden Grabeskreuz erscheine, sondern schauen sich um in der stets neuen Welt, um ihrem kranken Sprößling lichterlohen frischen Inhalt zu verordnen, damit er springe und strahle und guter Dinge sei. Die klugen Sprachen wissen: Zwei ehedem Schwache, zum Paar vereint, springen und strahlen am besten.”
Und warum heißt die Überschrift nicht “Rohlingsspindel”, sondern “schaumstoffbunt”? Weil in eben jenem Text eben dieses Wörtchen vorkommt, und zwar in einem wunderbaren Satz, der allen Kritikern deutscher Bandwurmsätze entgegengehalten werden sollte als Beleg dafür, dass die längsten Sätze manchmal die schönsten Sätze sind:
“Gewiss, jaja, man hat es uns erzählt, als wir in unserem kleinen Bette lagen: Aufgrund einer spindelbezogenen Verwünschung wurden einst sämtliche Spindeln eines Königreichs verbrannt, nur, jaja, wir erinnern uns milchig, eine übersah man, weil sie einem verloren harrenden Mütterchen auf einem Dachboden gehörte, und an dieser Spindel ausgerechnet musste sich Dornröschen stechen, wonach es in hundertjährigen Schlaf fiel, und man müsste wohl hundert mal hundert Menschen auf der Straße ein schaumstoffbuntes Sendermikro unter die Nase halten, bis man einen träfe, dem zum Wort Spindel etwas in den Sinn käme, das über ebenjenes Märchen hinausgeht.”
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“Wenn die Natur des Fadens ewge Länge
Gleichgültig drehend auf die Spindel zwingt,
Wenn aller Wesen unharmonsche Menge
Verdrieslich durcheinander klingt…”
Wer teilt die fliesend immer ewig gleiche Reihe
Belebend ab, dass sie sich rhythmisch regt,
Wer ruft das Einzelne zur allgemeinen Weihe,
Wo es in herrlichen Akkorden schlägt?….”
Keine Fee. Goethe. Natürlich, nicht spindelfrei.
Hab´s jetzt nicht gegooglet, hoffe aber, dass es richtig zitiert ist.
Peinlich, peinlich. Immer und ewig fließt der Verdruß.
Beim nächsten Mal werde ich doch nachlesen.
Noch ein zierlich Poem:
Der Liebe Sohn! Von Gedeih und Sprache goldtig! Bewahr’ zur Freundin
dir die Rohlingsspindel, so hilft sie treu dir das We- und Leben hindurch.
Und bist endgelangt zur Ehre des Wortens, halt fest an der friedlichen Sitte
deiner Mutter; ihr war und dir sei sie des köstlichen Spinnens Narr- und Nahrung.
Es ehrt und lehrt zu scheiden das fein-bleiche Linnen vom schmatz-bunten Schaumstoff.
*
(Vgl. Herders Gedichtlein „Liebe Tochter“; in „Zur Litteratur und Kunst“. 10, 129)
Es gibt auch simple Worte, die zur temporären Mode werden. Hört mal Radiomoderatoren oder deren Interviewpartnern zu und achtet mal darauf was plötzlich alles spannend ist.