30.09.2008 von Detlef Guertler
Wie steigert man “schwarz”? Während sich seit Jahrzehnten die Fantasie höchst kreativer Werbetexter darum dreht, immer neue Steigerungsformen von “weiß” zu finden, steht das ebenso farblose und extreme Pendant vom anderen Ende der Helligkeitsskala etwas im Abseits. Klar, bei der Kleidung eben jener Werbetexter gab es schon seit jeher mannigfache Variationen – von Anthrazit über mattschwarz und rußschwarz bis nachtschwarz. Aber das waren alles nur Variationen, keine Steigerungen.
Also sind wir jetzt wohl darauf angewiesen, dass die Wirtschaftsjournalisten ihre Fantasie sprießen lassen. Schließlich folgt derzeit ein schwarzer Freitag auf den nächsten, und von den schwarzen Montagen wollen wir gar nicht erst reden. Bzw. sollten wir jetzt wohl reden, denn gestern war ja einer. Die Kollegen von der richtigen taz (hier wird ja nur gebloggt) sind sich des Problems durchaus bewusst: “Noch schwärzerer Montag” heißt da die Überschrift, und der Text beginnt mit “Ein weiterer grottenschwarzer Montag in Washington:”… weiter lesen
30.09.2008 von Detlef Guertler
Dass die Entwicklung der Bankenkrise eine gewisse Ähnlichkeit mit den Flutwellen nach einem Seebeben hat, ist hier erstmals vor gut acht Monaten vermerkt worden: “Es handelt sich um eine Welle, die aus einem weit entfernten Beben (Subprime-Krise in den USA) entstanden ist, die sich aber anders als Erdbebenwellen nicht verläuft, sondern so lange fast unbemerkt weiterwandert, bis sie irgendwo bricht. Und dort, wo sie bricht, zerstört sie alles, was ihr in den Weg kommt. Ihre Zerstörungskraft wird unter anderem dadurch gesteigert, dass die Menschen nach langen sorglosen Jahren keine Erfahrung mit Tsunami-Wellen haben – sie glauben, dass ihnen nichts passieren kann, weil sie so weit vom Epizentrum des Bebens entfernt sind.”
Jetzt suggeriert FTD-Onlinechef Anton Notz, dass es sich auch bei der Erdrutschniederlage der CSU bei der vorgestrigen Landtagswahl um ein solches Wellenereignis handelt – sonst würde er wohl kaum das Wort CSUnami verwenden. Die Zerstörungskraft… weiter lesen
29.09.2008 von Detlef Guertler
Wir wissen zwar jetzt noch nicht genau, was ein Staatsfinanzierer eigentlich so den Tag über macht, und wie sich ihm dabei plötzlich ein Liquiditätsloch von 35 Milliarden Euro auftun kann, aber die Lage bei Hypo Real Estate und ihrer Tochter, dem “Staatsfinanzierer” Depfa, wird schon dafür sorgen, dass wir das in den kommenden Stunden und Tagen erfahren werden.
Wenn wir den in dieser Angelegenheit gut informierten Medien Handelsblatt und FTD glauben dürfen, werden von den insgesamt 35 Milliarden Euro “Risikoabschirmung” 26,6 Milliarden vom Bund getragen. Womit wir den seltenen Fall eines staatsfinanzierten Staatsfinanzierers erleben dürfen. Weshalb sich für die weitere Berichterstattung doch anbieten würde, nicht mehr von “Depfa, der Staatsfinanzierer” zu reden, sondern von “Depfa, der Staatsfinanzierte”.
28.09.2008 von Detlef Guertler
Aus der “Spiegel”-Titelstory von morgen:
“Dass die USA dabei sind, ihre einzigartige Stellung in der Welt einzubüßen, dass sich die Welt auf ein „postamerikanisches Zeitalter“ zubewegt, wie Fareed Zakaria, der Chefredakteur von „Newsweek International“, glaubt, ist natürlich nicht nur eine Folge wirtschaftlicher Fehlentwicklungen. Auch politisch hat Washington viel von seiner Fähigkeit verloren, anderen Staaten vorzuschreiben, wo es langgeht.”
Nö, Kollegen. Wenn es ein Zeitalter gibt, in dem nicht mehr die USA die einzige Supermacht der Welt sind, dann wird es nicht post-irgendwas heißen, sondern anhand der dann geltenden Regeln oder Mächte benannt werden. Dann heißt es zum Beispiel triadisch (Europa, Amerika, Asien mit ihren jeweiligen regionalen Vormächten Deutschland Frankreich England Russland, USA, China) oder tribalistisch oder madmaxistisch oder eben nach jener Ideologie, die heute noch gar nicht existiert aber irgendwann demnächst den Kapitalismus herausfordern wird.
Die Übergangszeit dahin, in der wir uns mindestens seit dem 11. September 2001… weiter lesen
26.09.2008 von Detlef Guertler
Zweimal Sojawürstchen aus dem Bioladen an der Ecke, macht 6,80 Euro, ich zahle mit einem 20er. “Papa, du kriegst noch Rückselgeld”, erinnert mich Lucie. “Rückselgeld? Nicht Wechselgeld?” – “Wechselgeld stimmt ja nicht, weil du die 20 Euro ja nicht gewechselt kriegst. Du kriegst ja nur den Rest zurück. Also das Rückselgeld.” – “Und wieviel Rückselgeld bekomme ich?” – “Jetzt ist Wochenende, da mache ich keine Mathe.”
26.09.2008 von Detlef Guertler
Sieht mal wieder nach einem fürchterlichen Wochenende für die Finanzmärkte aus. Der Bernanke-Paulson-Krisenplan gescheitert (Gott sei Dank), die größte US-Bausparkasse Washington Mutual implodiert (wurde aber auch Zeit), der belgische Bankriese Fortis am Rande des Runs (nicht zum ersten Mal in diesem Jahr), in Hongkong die Bank of East Asia northern-rock-mäßig von Sparern belagert, und die nächste, ganz große Bank, kommt ans Kippeln: die Federal Reserve Bank der Vereinigten Staaten. “The Fed is very close to being illiquid”, schreibt London Banker, mehr als drei Viertel ihrer Bilanzsumme bestehe bereits aus toxischen “Wert”-Papieren, die sie Investment- und Geschäftsbanken im Tausch gegen US-Staatsanleihen abgenommen habe.
Was wird passieren? Ein völliges Austrocknen der Kreditmärkte, Rückkehr des Misstrauens aller gegen alle, vielleicht zwei Bankfeiertage zum Quartalsende, vielleicht auch zwei Bankfeierwochen, wenn es ganz dumm kommt, und keine Ahnung, welche Banken danach wieder öffnen werden – es ist jedenfalls immer gut, ein bisschen Bargeld… weiter lesen
25.09.2008 von Detlef Guertler
Wenn der Wort & Bild Verlag so blöd ist, die Verleihung des Selbstmedikationspreises an den eigenen Verleger mit so einer Pressemitteilung zu belobhudeln, darf er sich nicht wundern, wenn sich Klaus Jarchow bei der Suche nach einem Verb zur Selbstmedikation nicht für selbstmedizieren oder ähnliches entscheidet, sondern für “sich bequacksalbern”. Ein hübsches Verb, das sich übrigens auch außerhalb des rein medizinischen Spektrums für alle Versuche verwenden ließe, sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen.
24.09.2008 von Detlef Guertler
Regelmäßige Leser dieses Blogs werden wissen, dass sich der Wortist fast genauso regelmäßig wie hier auch im Blog von Nouriel Roubini herumtreibt, dem Ökonomie-Professor der Stern School of Business in New York, der seit mindestens zwei Jahren in geradezu beängstigender Weise Recht hat mit seinen Prognosen zur Entwicklung von Immobilien- und Kapitalmärkten, von US- und Weltwirtschaft.* Das Platzen der Immobilienblase und den Credit Crunch hat er genauso vorhergesagt wie den Zusammenbruch von ein bis zwei großen Investmentbanken und das Verschwinden der übrigen. Er kann auch sehr plausibel begründen, warum das Finanzsystem mindestens noch weitere 1500 Milliarden Dollar Verluste abschreiben muss, wieso als nächstes die Hedge-Fonds dran glauben müssen, und dass die US-Regierung ziemlich bescheuert, wenn nicht gar korrupt sein müsste, wenn sie 700 Milliarden Dollar spendiert, um die Wall Street zu retten, anstatt überschuldeten Hauseigentümern oder Produktionsunternehmen zu helfen.
Das sehen vermutlich ziemlich viele andere auch so, aber… weiter lesen
23.09.2008 von Detlef Guertler
“Ab sofort ist harter Markt, der weiche Markt ist vorbei”, sagte dieser Tage Torsten Jeworrek, Vorstandsmitglied der Münchner Rück, der FTD. Und gemeint hat er damit nicht, dass es immer schwerer wird, in seinem Markt Geld zu verdienen, sondern dass in seinem Markt die Preise steigen. Denn unter Versicherungsmanagern, und nur unter diesen, redet man vom Hartmarkt bei steigenden und vom Weichmarkt bei fallenden Preisen.
Aber warum sollen nur Versicherungsmanager so reden dürfen? Wenn, wie gestern, der Ölpreis mal eben 20 Prozent hochwuppt, müssen die armen Finanzjournalisten das “Rally” oder “Hausse” nennen. Und wenn er genauso stark einbricht, schreiben sie von “Crash” oder “Baisse”. Mit Hartmarkt bzw. Weichmarkt hätten sie dagegen Begriffe, unter denen sogar ein absoluter Börsenlaie sich etwas vorstellen könnte.
22.09.2008 von Detlef Guertler
Hübsch ausgedacht von Klaus Jarchow für einen Verriss geblähter PR-Sprache. Aber leider nimmt er das Bild im weiteren Verlauf des Textes nicht mehr auf. Dabei sieht man es doch regelrecht vor sich: Wie die Fakten pfeilgerade und -schnell auf ihn zustürmen, aber der Faktorero macht nur eine kleine, elegante Drehung mit Tuch und Hintern, und die Fakten stürmen ins Leere. Und der Faktorero in seiner prächtigen Fantasieuniform lässt sich vom Publikum feiern, und feiern, und immer wieder feiern, wenn er den Fakten eine Nase dreht, bis er ihnen schließlich mit dem lange verborgenen Degen den Todesstoß verabreicht. Olé!
Aber, mal ehrlich: So ganz will das Bild nicht auf den PR-Agenturfuzzi passen, der ist ja nur ein armes Schwein und macht seinen Job. Es passt viel eher auf Spindoktoren und Konzernkommunikatoren (aus Sicht der Journalisten), sowie selbstverständlich auf Journalisten (aus Sicht der Politiker und Manager). Aber weil sich beide… weiter lesen