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vonDetlef Guertler 21.09.2008

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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In den USA versuchen noch vereinzelte kluge Menschen zu verhindern, dass George Bush mit der Wirtschaft jetzt das macht, was er nach dem 11. September mit der Gesellschaft gemacht hat: Scheinbar in atemloser Eile gestrickte Institutionen sprechen vom Wohl des amerikanischen Volkes, meinen die Interessen einer extrem schmalen Elite, und lassen den Rest der Welt die Rechnung zahlen. Wir können nur viel Glück bei der Opposition gegen die Paulson-Bush-Vorschläge wünschen – angesichts der mega-düsteren ökonomischen Perspektive für das Abendland und für die ganze Welt in den kommenden Jahren wäre es für alle Beteiligten sehr hilfreich, die USA als berechenbaren Partner mit dabei zu haben. Und nicht als wild um sich schießenden Desperado.

Wortistisch interessant dürfte dabei werden, wie sich der Name dieser Wirtschaftskrise im Zuge der Verschärfung wandelt. Angefangen hatte das Ganze ja vor gut einem Jahr als Subprime-Krise oder auch US-Immobilienkrise. Beides haben wir längst hinter uns gebracht. In der nächsten Runde wurde es die Kreditkrise, und als Anfang 2008 erstmals auch die Börsen massiv in Mitleidenschaft gezogen wurden, kamen auch vereinzelt Crash-Begriffe auf, wie Subprime-Crash oder Tsunami-Crash. In der vergangenen, nun ja: sehr turbulenten Woche, trat gleichberechtigt neben die Kreditkrise die Finanzkrise, aber vereinzelt war auch schon von einer Kapitalismuskrise zu lesen.

Ich befürchte, dass sich ein anderer Begriff durchsetzen wird. Da die bislang weitgehend auf den Finanzsektor beschränkten Verwerfungen sich in den kommenden Monaten und Jahren mit Sicherheit heftig in alle anderen Wirtschaftsbranchen ausbreiten werden, und natürlich auch in alle Ecken der Welt, steuern wir wohl unvermeidlich auf eine Weltwirtschaftskrise zu. Und da diese weder kurz noch lustig werden wird, braucht sie auch einen dazu passenden Namen. Ich plädiere für „2. Weltwirtschaftskrise“ – dass aus dem „Weltkrieg“ für die Nachwelt ein „1. Weltkrieg“ werden würde, wusste man ja auch erst, als der 2. Weltkrieg tobte.

Bei den Amerikanern selbst ist die Benennung allerdings schwieriger. Dort heißt die Weltwirtschaftskrise von 1929/32 nämlich „the great depression“. The „second great depression“ geht nicht, weil das eher „die zweitgrößte Depression“ wäre. Deshalb hier zwei Varianten. Die optimistische: Die gerade beginnende Wirtschaftskrise wird als „the small depression“ bekannt werden. Die pessimistische: Der Begriff „small depression“ wird in Zukunft für die Zeit von 1929-32 verwendet – und die eigentliche „great depression“ klopft gerade erst an die Tür.

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