Das Gegenteil von Kredit

Noch ist nicht klar, ob an diesem Wochenende die Hypo Real Estate im Orkus landet und relevante Teile des deutschen, europäischen und globalen Bankensystems gleich mit, aber es ist höchste Zeit, sich zweier alter Herren zu erinnern, die schon Ende des 19. Jahrhunderts beschrieben haben, wie das ist, wenn „der Kredit plötzlich aufhört“:

In einem Produktionssystem, wo der ganze Zusammenhang des Reproduktionsprozesses auf dem Kredit beruht, wenn da der Kredit plötzlich aufhört und nur noch bare Zahlung gilt, muß augenscheinlich eine Krise eintreten, ein gewaltsamer Andrang nach Zahlungsmitteln. Auf den ersten Blick stellt sich daher die ganze Krise nur als Kreditkrise und Geldkrise dar. Und in der Tat handelt es sich nur um die Konvertibilität der Wechsel in Geld. Aber diese Wechsel repräsentieren der Mehrzahl nach wirkliche Käufe und Verkäufe, deren das gesellschaftliche Bedürfnis weit überschreitende Ausdehnung schließlich der ganzen Krisis zugrunde liegt. Daneben aber stellt auch eine ungeheure Masse dieser Wechsel bloße Schwindelgeschäfte vor, die jetzt ans Tageslicht kommen und platzen; ferner mit fremdem Kapital getriebne, aber verunglückte Spekulationen; endlich Warenkapitale, die entwertet oder gar unverkäuflich sind, oder Rückflüsse, die nie mehr einkommen können. Das ganze künstliche System gewaltsamer Ausdehnung des Reproduktionsprozesses kann natürlich nicht dadurch kuriert werden, daß nun etwa eine Bank, z.B. die Bank von England, in ihrem Papier allen Schwindlern das fehlende Kapital gibt und die sämtlichen entwerteten Waren zu ihren alten Nominalwerten kauft.

Hoch betagte ML-Forscher können uns vermutlich sagen, wie viel von diesem Absatz aus „Das Kapital Band III“ (Kap. 30) vom bei Veröffentlichung schon lange toten Karl Marx und wie viel von Friedrich Engels stammt. Insbesondere der letzte Satz könnte allerdings, bei Ersetzung von „die Bank von England“ durch „der US-Finanzminister“, auch von den Autoren der FTD-Rubrik „Das Kapital“ stammen.

Also: Der Kredit hört auf. Nicht für immer, aber für ein paar Stunden für alle, für ein paar Tage für viele und für immer für manche. Jeder misstraut jedem, jeder will nur noch Bargeld (mal sehen, ob am Ende des Wochenendes die Geldautomaten noch was ausspucken), und die Ökonomen machen Witze wie „Bargeld ist sicher – aber nur, wenn es nicht auf dem Bankkonto oder in Geldmarktfonds liegt“.

Wenn der Kredit aufhört, was wird dann aus der Kreditwirtschaft und den Kreditinstituten? Ökonomisch gesehen ein Restrukturierungsfall, psychologisch gesehen eine sich im Überlebenskampf gegenseitig zerfleischende Raubtierhorde, und wortistisch gesehen eine Diffiditwirtschaft. Denn so wie credere auf lateinisch „vertrauen“ heißt, heißt diffidere auf lateinisch „misstrauen“.

Könnte übrigens ein einfacher Ansatz für die jetzt notwendige Triage unter den Banken sein: Wer hat Kredit – und wer hat Diffidit?

(Hat tip to Dave Lindorff)

1 Kommentar

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  1. Da sieht man mal wieder den Vorteil, wenn man M/L in der DDR studieren mußte.Wir wußten schon lange, das der Kapitalismus ein faulendes parasitäres Gesellschaftssystem ist und keinen Kredit verdient.
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