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vonDetlef Guertler 08.10.2008

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Klingt doch viel netter als „Notstandsgesetze“ oder „neue Systematik“ (Merkel) zum Umgang mit gepleiteten Banken. Und erst recht viel netter als „Staatsbankrott“. Der jetzt-Schreiber, der gestern erstmals die „Islandisierung“ im Zusammenhang mit der Finanzkrise verwendete, meint zwar, dass Island und wir nicht so recht vergleichbar wären, weil dort das Verhältnis von Banken-Bilanzen zu BIP noch viel hässlicher sei als hier, aber sooo klasse wäre es für den deutschen Staatshaushalt auch nicht, wenn er plötzlich die Deutsche Bank übernehmen müsste – oder gar, entsprechend dem isländischen Vorbild, Deutsche Bank, Commerzbank, und alle Landesbanken auf einmal.

Nun ist zwar Island tatsächlich nicht Deutschland: Mit absurd hohen Zinsen und ebensolcher Währung war die Nord-Insel lange ein beliebter Ort für die Carry-Trades, die Hedge-Fonds so gerne mach(t)en: für niedrige Zinsen (in Japan) verschulden, und dann für hohe Zinsen (in Island) anlegen. Das machte den Finanzleuten schon Sorge, als es noch gar keine Subprime-Krise gab. Und wenn solches Spekulationsgeld (Kapital wäre nun wirklich zu viel gesagt) von jetzt auf gleich wieder verschwindet, ist halt Heulen und Zähneklappern. Wie hieß es hier vor einem halben Jahr:

Das Risiko besteht einzig darin, dass die Hochzins-Währung in ihrem Kurs so weit abschmiert, dass trotz der höheren Zinsen beim Rücktausch ein Verlust entsteht – ein Risiko, das sich allerdings potenziert, wenn viele Anleger zur gleichen Zeit die gleiche Idee haben: Dann treibt ihre Nachfrage nach isländischen Kronen deren Kurs erst nach oben und erhöht die Gewinne für die ersten im Markt, und wenn alle gleichzeitig zur Tür hinaus wollen, stürzt der Kurs ab und die letzten Hedge-Fonds (und die Isländer) beißen die Hunde.

Natürlich ist hier alles ganz anders. Den Carry-Trade von Dollar zu Euro, von dem ich damals sprach, gibt es natürlich nicht, und wenn es ihn geben sollte, wird er nicht so schockartig aufgelöst. Wird sind ja groß, und Island ist klein. Weshalb wir in der Tat hoffen sollte, dass es so etwas wie eine Islandisierung nicht gibt: Island ist so klein, dass der IWF wahrscheinlich noch helfen kann. Aber eine Rettungsaktion des IWF für die Eurozone? Oder für die USA?

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