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vonDetlef Guertler 25.10.2008

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Nein, natürlich hat Nouriel Roubini nicht von mir abgeschrieben, als er im Januar 2008 prognostizierte, dass der ölpreis wieder auf 60 Dollar pro Barrel sinken würde – ich hatte ja Silvester 2007 auch von einem Rückgang auf 50 Dollar je Barrel geschrieben.

Als Roubini damals im selben Beitrag von Stag-Deflation schrieb, hatte ich mir lange überlegt, ob ich das als Neuwort hier aufführen sollte. Ich hatte mich dann dagegen entschieden – weil das Wort „Deflation“ völlig ausreicht: Eine deflationäre Entwicklung, die mit ordentlichem Wirtschaftswachstum einhergeht, war und ist mir nicht vorstellbar, Deflation, also sinkende Preise, sind vielleicht nicht theoretisch, aber praktisch immer mit Stagnation oder Rezession verbunden.

Jetzt hat Roubini diesen Begriff wieder ausgegraben; und er ist noch unangebrachter als im Januar. Denn jetzt ist ja wohl klar, dass von ökonomischer Stagnation vielleicht in China oder Indien die Rede sein kann, während der Rest der Welt in eine Rezession hässlichster Grössenordnung hineinläuft. Aber weil inzwischen ziemlich viele Menschen in ziemlich aller Welt an Roubinis Lippen hängen, steht zu vermuten, dass sich diesmal dieser Begriff sehr schnell weltweit ausbreiten wird. Wenn Ihnen also demnächst die Stagdeflation über den Weg läuft, dann können Sie, darauf wetten, dass der Sprecher Roubini gelesen hat, und nichts von ökonomie versteht.

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https://blogs.taz.de/wortistik/2008/10/25/stagdeflation/

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kommentare

  • Eine Deflation mit gleichzeitigem gesunden Wirtschaftswachstum gibt es nicht nur theoretisch, sondern gab es auch schon ganz praktisch. Allerdings meines Wissens nach nur vor der Aufhebung des Goldstandards.

    Gegen Stag-Deflation als Begriff ist außer die Schreibweise nichts einzuwenden. Er passt allerdings nicht zur aktuellen Wirtschaftsentwicklung, weil nun ja wohl eher von einer Kontraktion auszugehen ist. Stagnation ist geschönt.

  • @TomB: Die Stammleser von RGE verstehen eine ganze Menge von Ökonomie – weshalb sie statt Stagdeflation auch weiter Depression sagen werden. Aber wie sogar der alten Dotcommern noch gut bekannte Henry Blodget jetzt bemerkte, hat sich zuletzt geradezu eine Roubini-Bubble gebildet – weshalb die Wahrscheinlichkeit relativ hoch ist, dass auch weniger ökonomiebewanderte sich gerade mit ihm beschäftigen.

    Blodgets Analyse vom 15.10:

    Und Blodgets Quelle, Analyst Gregor Macdonald, am 14. 10.:

    Und Macdonalds Quelle: ein Kommentar des Wortisten auf rgemonitor, in dem am 11.10. mutmasslich erstmals der Begriff „Roubini-Bubble“ verwendet wurde.

  • Roubini umschreibt IMO die anstehende depression, ohne es depression zu nennen. Stagdeflation klingt ausserdem exotischer als Stagflation.

    PS Hatte bisher nicht den Eindruck dass die Leser von RGE nichts von Ökonomie verstehen

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