Archive for November, 2008

30.11.2008 von Detlef Guertler
blogavatar

Länderbank

von Detlef Guertler

“Bisher war das Landesbankensystem so etwas wie die ARD. Jetzt ist es eben wie das ZDF”, zitierte der Wortist an Silvester 2007 aus der Stellungnahme des Bundesfinanzministers zur Fusion aller Landesbanken zur “Bank deutscher Bundesländer”. Die war zwar damals für März 2008 prognostiziert, aber die Landesbanken haben sich in diesem Jahre eben viel länger aufrecht gehalten, als ihre Bilanzen ihnen eigentlich erlaubt hätten.

Jetzt zerbröselt es gerade die BayernLB, und die bayrischen Sparkassen versuchen so weit wie möglich auf Distanz zu gehen, um nur ja nicht an den vermutlichen zweistelligen Milliardenverlusten beteiligt zu sein, die auf das Institut zukommen. Damit wird aus der Landesbank (halbstaatlich) eine Länderbank (ganzstaatlich), und vermutlich im kommenden Jahr eine fußkranke Gesamtländerbank, die dann zwar immer noch kein Geschäftsmodell hat, aber sich dafür einfacher abwickeln lässt als die Landesfürstenhoheitsbanken von heute.

Dass es die Länderbank schon mal gab, in Österreich weiter lesen

30.11.2008 von Detlef Guertler
blogavatar

Erderkältung

von Detlef Guertler

Die lieben Freunde von der Erderwärmungsfront werden ein kleines Problem bekommen. Just jetzt, wo sie alle Zweifler an menschgemachten Klimakatastrophen mundtot gemacht haben – wird es wieder kälter. Die Globaltemperatur will nicht steigen – oder nur, wenn man für die sibirischen Stationen im Oktober einfach mal die September-Daten einspeist. Und dann zeigt sich die Sonne auch noch monatelang fast fleckenlos, was nach Ansicht von (sicherlich von der Energiemafia bezahlten) Experten Bloggern den Auftakt zu einer dramatischen globalen Abkühlung darstellen könnte. Wenn sich zum Jahresende Uli Kulkes Prognose bestätigen sollte, dass die Erwärmung erst mal Pause macht, besteht dringender wortistischer Handlungsbedarf.

Die lieben Freunde von der Erderwärmungsmafiafront werden natürlich sofort handeln. Wär’ ja noch schöner, wenn irgendwelche dahergelaufenen Eiszeiten einem die Story kaputt machen würden, gerade jetzt, wo Tauwetter im Reich des Klimabösen angesagt ist. Deshalb kann es sich natürlich nicht… weiter lesen

29.11.2008 von Detlef Guertler
blogavatar

actimelisieren

von Detlef Guertler

In Zeiten so schwerer ökonomischer Krisen und herannahender Advente soll an dieser Stelle einmal nicht über die begonnene 2. Weltwirtschaftskrise gejammert, sondern ein Zeichen der Hoffnung gesetzt werden: Obwohl offenbar schon seit mehr als einem Jahr eine granatendumme Joghurt-Werbung versucht, das Verb actimelisieren in die deutsche Sprache einzuschleusen, gibt es immer noch erst 17 Google-Treffer dazu, und die meisten davon distanzieren sich voll Abscheu von dieser Wortschöpfung.

Danke, Deutschland, für so viel Abwehrkräfte gegen dummdeutsche Werbung.

27.11.2008 von Detlef Guertler
blogavatar

abfedern

von Detlef Guertler

von Polyphem:

Was tut Politik nicht alles, um die Rezession abzufedern. “Abfedern” hat Georg Schramm im ZDF (Neues aus der Anstalt) anders gedeutet und neu bewortet. “Volkstümlich heißt das ‘Rupfen’, Herr Pirol”, hat er seinem “Vogel”-Doktor erklärt. Beifall für Georg Schramm.

26.11.2008 von Detlef Guertler
blogavatar

dämonstrieren

von Detlef Guertler

“Gelesen habe ich das noch nirgendwo”, schreibt Wortistik-Leser Jürgen Vielmeier über das ihm eingefallene Verb dämonstrieren. Und weiter: “Eine Google-Suche dazu ergibt 25 Treffer. Einige davon dürften Rechtschreibfehler sein. Ich finde, ein interessantes Wort, wenn man sich das einmal bildlich vorstellt.”

Stimmt eigentlich. Damals, Anfang der 80er Jahre, war ich auf einer Menge Friedens-Demonstrationen gegen den Doppelbeschluss zur Nato-Nachrüstung. Die Nato hingegen war offenbar der Meinung, dass der Doppelbeschlus so etwas wie eine Friedens-Dämonstration war, ähnlich wie Teddy Roosevelts Maxime: “Speak softly and carry a big stick.” Sehr effektiv. Und sehr dämonisch.

25.11.2008 von Detlef Guertler
blogavatar

Unterlastung

von Detlef Guertler

“Unterlastung = das Gegenteil von Überlastung” schlägt Wortistik-Leser Quarktasche vor. Damit ist er zwar nicht ganz der erste, der auf dieses Wort kommt: 1200 Treffer verzeichnet Google dafür. Aber rein quantitativ steht es etwa 2000 : 1 für die Überlastung: Mehr als 2,5 Millionen Treffer fährt sie bei Google ein. Handelt es sich hier um ein Missverhältnis, oder ist die so viel stärkere Stellung der Überlast gerechtfertigt?

Es gibt sicherlich Bereiche, die hat die Überlastung exklusiv. Wenn beim Schach eine Figur zwei Deckungsaufgaben gleichzeitig erfüllen muss, ist sie überlastet, aber sie ist nicht unterlastet, wenn sie überhaupt keine Deckungsaufgabe hat. Nicht überall, wo eine Überlast konstatiert werden kann, kann ihr Gegenteil also als Unterlast bezeichnet werden. Die Unterlast ist als Begriff immer nur dann berechtigt, wenn sie ein Problem darstellt.

Aber davon gibt es wesentlich mehr, als gemeinhin so genannt werden. Das schwarze Loch, in das… weiter lesen

24.11.2008 von Detlef Guertler
blogavatar

Pensionärsprekariat

von Detlef Guertler

von A.S. Reyntjes:

Jetzt ist auch das „Pensionärsprekariat“ entdeckt worden, an ziemlich zugänglicher öffentlicher Stelle.
Von einer Sei-Zeitung, die selbst das Prekariat oder sonstige -aten nicht ungern zur Fehlkenntis nimmt.

Neuwort? Altschimpfe, neu lettriert? Google schweigt wohl noch zwei, drei Tage lang zu dieser soziologisch unwürdigen Neu-Schicht.

„Finanzkrise: Jeder, wie er kann“,
heißt es von Berthold Kohler (in der FAZ am 23. November 2008):

„Als die Finanzkrise über den Atlantik zog und wie ein Eisregen über Deutschland kam, gefror selbst Politikern für einen Moment das Blut in den Adern. Mittlerweile tut aber auch in diesen Kreisen wieder jeder, was er am besten kann. Das ist ja auch nicht schlecht. Der Bundespräsident etwa tadelt die Banker und lobt die ehrbaren Bankiers.
Der sich um die Armen, Ausgebeuteten und Geknechteten sorgende Schauspieler Sodann von der Linkspartei, der gerne Köhlers Platz einnähme, setzt sein Kandidaten-Kabarett fort:
weiter lesen

23.11.2008 von Detlef Guertler
blogavatar

Kreditersatzgeschäft

von Detlef Guertler

Banken sammeln Geld bei Anlegern ein und vergeben Kredite an Kreditnehmer, und mit der Differenz zwischen Guthaben- und Kreditzinsen zahlen sie ihre Beschäftigten, ihre Filialen, die Zahlungsausfälle von Schuldnern und ihre Dividenden. So weit das ganz klassische Modell. Was aber macht eine Bank, die mehr Anlegergeld als Kreditnachfrage hat? So wie traditionell die Postbank und vor einigen Jahren die Landesbanken, die sich noch vor dem Wegfall der Gewährträgerhaftung im Jahr 2005 günstig mit Fremdkapital eingedeckt hatten? Sooo günstig, dass man das Geld einfach in den Tresor legen könnte, war es denn doch nicht, und auch die Zinsen aufs Postsparbuch müssen ja irgendwie verdient werden. Die grenzgeniale Antwort dieser Banken: Wir machen Kreditersatzgeschäft. Das Geld, das wir eigentlich als Kredit vergeben könnten, legen wir selbst irgendwo an.

Besonders hübsch hat das die Postbank in ihrem Geschäftsbericht für 2007 formuliert: (PDF)

Der hohe Einlagenüberhang der letzten Jahre wurdeweiter lesen

21.11.2008 von Detlef Guertler
blogavatar

wirtschaftsesoterisch

von Detlef Guertler

…war bislang noch nicht dabei in der Reihe der meinen Texten und mir zugeschriebenen Eigenschaften. “Neoliberalen Mainstream” hatte ich schon, “Ideen von Oskar Lafontaine” auch, die Fähigkeit zum Volkstribun wurde mir abgesprochen, ich war unverantwortlich und hochpatriotisch, und, immerhin, “nicht ganz so offen rechts”. Na gut, da passt auch noch das wirtschaftsesoterische Buch in die Sammlung, als das Olli mein Erstlingswerk “Die humane Revolution” bezeichnet. Was daran esoterisch sein soll, ist mir zwar nicht klar geworden, aber da man unter Esoterik ja ohnehin alles und nichts verstehen kann, und unter Wirtschaftsesoterik sowieso, ist das nicht weiter tragisch. Und da eben jener Olli nach eigenen Angaben derjenige ist, der damals den Umschlag zu eben diesem Buch entworfen hat, sei ihm das ein für allemal verziehen.

21.11.2008 von Detlef Guertler
blogavatar

sitzrutschen

von Detlef Guertler

Im Abendzug von Hamburg nach Berlin. Natürlich alles voll. Vielleicht ein Platz im Restaurant? Auch nicht. Aber wenigstens im Bistro kann man sich noch stapeln. Vor allem, weil gerade eine Mitreisende ihren Platz auf dem roten Pölsterchen räumt, das den Gästen den Hauch einer Sitzplatzillusion vermitteln soll. Ihr nicht: “Stehsitzen mag ich nicht”, sagt sie zu ihrem Begleiter. “Außerdem ist das sowieso mehr sitzrutschen.”

Was erstens stimmt, und zweitens noch niemals in dieser Bedeutung verwendet wurde. Die wenigen Google-Treffer für sitzrutschen beziehen sich fast alle auf eine Fortbewegungsart von Kleinkindern. Und eine auch auf Ferkel: “Ab dem zweiten Lebenstag zeigten die Ferkel das als Körperpflege bezeichnete Verhalten: Kratzbewegungen mit den Hinterbeinen, Scheuern (Sich-Reiben ), Sitzrutschen auf der Analregion, Schaben mit dem Kopf” heißt es in der Doktorarbeit von Elke Forner, “Entwicklung von Verhaltensmerkmalen bei Saugferkeln der Rassen Deutsches Edelschwein, Piétrain und deren Kreuzung in verschiedenen Aufstallungssystemen” (weiter lesen