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vonDetlef Guertler 11.12.2008

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Die Kür des Wortes des Jahres hat in diesem Blog nichts verloren, sollte man meinen. Schließlich kann es sich da nur um Wörter handeln, die im Verlauf des Jahres schon die Medien rauf und runter getrabt sind, und die deshalb, wenn überhaupt, bereits vor längerer Zeit hier behandelt worden sein müssten. Was natürlich besonders für die „Finanzkrise“ gilt, das Wort des Jahres der Gesellschaft für deutsche Sprache , die hier nicht nur einmal, sondern einige Dutzend Mal behandelt wurde, und übrigens auch nicht erst in diesem Jahr, sondern schon 2007. Rein ökonomisch klingt es ja sehr putzig, wenn in der Begründung behauptet wird, dieses Wort „bezieht „Immobilien-“, „Kredit-“, „Liquiditäts-“ und „Wirtschaftskrise“ ein“, da die Wirtschaftskrise eben erst mit gehöriger Verspätung zuschlägt, aber dafür umso heftiger (weshalb die hier bereits im September ausgerufene 2. Weltwirtschaftskrise m.E. große Chancen bei der Wahl zum Wort des Jahres 2009 haben dürfte). Wortistisch gesehen ist es hingegen völlig in Ordnung, das ganze Finanzkrisengesummse auf einen Begriff zu bringen und sich die anderen dazuzudenken. Besser gesagt wäre es völlig in Ordnung gewesen, denn mit „verzockt“ und „Rettungsschirm“ sind doch noch zwei weitere Finanzkrisenbegriffe in die Top Ten gerutscht. Irgendwie inkonsequent.

Aber das wollte ich doch alles eigentlich gar nicht sagen. Sagen wollte ich, dass ich mich extremst über Platz 9 in der Top Ten der Wörter des Jahres gewundert habe. „Bildungsfrühling“ steht da, und als Begründung

beschreibt die Hoffnung, dass angekündigte Initiativen von Bund und Ländern für die finanziell und personell schlecht ausgestatteten Bildungseinrichtungen spürbare Verbesserungen bringen.

Bildungsfrühling? Wo bitteschön soll wer damit eine Hoffnung beschrieben haben? Bildungsrepublik, das ja, von Angela Merkel im Juni 2008 auf den Begriff gebracht. Auch den Bildungsgipfel und, meinetwegen, auch Bildungsrevolution haben wir dieses Jahr öfters gehört. Aber Bildungsfrühling?

Fragen wir Google, und weil da gerade so viele Treffer zur Wahl des Wortes des Jahres aufleuchten fragen wir „Bildungsfrühling -Finanzkrise“, um die alle auszusortieren. Dann bleiben ganze 79 (in Worten: neunundsiebzig) Treffer übrig.

Und wie viele davon aus dem Jahr 2008?

Die Trefferliste beginnt mit einem dpa-Feature von Karl-Heinz Reith vom 27. Dezember 2007 – nur fünf Tage an 2008 vorbei. Es folgt eine Lokalmeldung aus Salzburg über ein Bildungsfrühling genanntes Tourismus-Programm im Tennengau, immerhin aus dem März 2008. Dann ein Forschermobil-Projekt, das bereits seit 2006 einen Bildungsfrühling veranstaltet, und natürlich die Pressemeldung Bildungsfrühling bei Provadis, aus dem April 2008 und dem ehemaligen Hoechst-Stammwerk, und ein Blogbeitrag über eine Iran-Konferenz aus dem März, der mit „Der politische Bildungsfrühling naht“ beginnt.

Und das waren schon die einschlägigsten und zeitlich passendsten aus dem ganzen Trefferhäufchen. Nix mit landauf landab durch die Medien gezogen, so wenig Bildungsfrühling war nie, wortistisch gesehen zumindest. Die Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache muss sich also den Vorwurf gefallen lassen, dass sie einen von ihr für passend gehaltenen Begriff in die Top Ten der Wörter des jahres eingeschleust hat, ohne dass dieser in irgendeiner Form tatsächlich das Jahr geprägt hätte.

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