soziale Weltmarktwirtschaft

von Detlef Guertler

Eigentlich sollten Weihnachts- und Neujahrsansprachen ja getragen-besinnlich daherkommen. Nur ja nichts, was die festtägliche Stimmung und Verdauung stören könnte! Während sich Horst Köhler (Deutschlands bester Beweis für die Mediokrität jener Gruppe leitender Angestellter, die noch vor kurzem als Top-Manager gefeiert wurde) zu Weihnachten wie üblich an diese Vorgabe hielt, schießt Angela Merkel zum Jahreswechsel scharf. Da gibt es nämlich eine Passage in ihrer Neujahrsansprache, die geradezu als Renaissance des deutschen Sendungsbewusstseins verstanden werden kann. Der Wortlaut:

Die weltweite Krise berührt auch Deutschland. Finanzielle Exzesse ohne soziales Verantwortungsbewusstsein, das Verlieren von Maß und Mitte mancher Banker und Manager – wahrlich nicht aller, aber mancher – das hat die Welt in diese Krise geführt. Die Welt hat über ihre Verhältnisse gelebt. Nur wenn wir diese Ursachen benennen, können wir die Welt aus dieser Krise führen. Dazu brauchen wir klare Grundsätze: Der Staat ist der Hüter der wirtschaftlichen und sozialen Ordnung. Der Wettbewerb braucht Augenmaß und soziale Verantwortung. Das sind die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft. Sie gelten bei uns, aber das reicht nicht. Diese Prinzipien müssen weltweit beachtet werden. Erst das wird die Welt aus dieser Krise führen. Die Welt ist dabei, diese Lektion zu lernen.Und das ist die Chance, die in dieser Krise steckt, die Chance für internationale Regeln, die sich an den Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft orientieren. Ich werde nicht locker lassen, bis wir solche Regeln erreicht haben.

Das heißt doch nichts anders als: Am deutschen Wesen soll die globale Ökonomie genesen. Was bei uns als soziale Marktwirtschaft so erfolgreich ist, soll nun auch als soziale Weltmarktwirtschaft verbreitet werden – und Angela Merkel als Fahnenträgerin vorneweg.

Das fände ich, mit Verlaub, großartig. Denn genau das fordere ich seit nunmehr ziemlich genau sechs Jahren. Zum Beispiel so:

Unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem ist das produktivste, menschenfreundlichste, stabilste und zukunftsfähigste, also kurz: das beste System, das auf dem Weltmarkt der Systeme im Angebot ist.

Oder so:

Die Bilanzierung nach deutschem HGB verspotteten US-Wirtschaftsprüfer in der Vor-Enron-Ära gerne als „Mickey-Mouse-Accounting“. Aber ganz offenbar ist das US-System auch dann besser geeignet, wenn man in der Bilanz Erträge darstellen möchte, die es in der Realität gar nicht mehr gibt. Um in der gleichen Wortwahl zu bleiben: Wenn die Deutschen Mickey-Mouse-Accounting betreiben, betreiben die Amerikaner „Kater-Karlo-Accounting“.

Oder so:

Ordnungspolitik deutscher Provenienz ist der bislang einzige als gangbar erwiesene Mittelweg zwischen den gefährlichen Extremen von Staatswirtschaft und Laissez-faire-Kapitalismus: Die Politik sorgt dafür, dass die Wirtschaft dafür sorgt, dass die Menschen gut essen, trinken, wohnen etc. können. Erst setzt die Politik den Rahmen für die Entfaltung der ökonomischen Dynamik, und dann darf die Wirtschaft in der Wirtschaft stattfinden. Dass die Staatswirtschaft gefährlich ist, dass sie alleine nicht funktioniert, braucht heute wohl keine Begründung mehr. Die Freunde der reinen Marktwirtschaft sind hingegen heute noch so unbelehrt wie Erich Mielke 1989.
Und, ach, noch ganz viele Beispiele mehr, alle aus meinem Buch “Vorbild Deutschland”, das im Februar 2003 bei Eichborn veröffentlicht wurde. Und weil das Buch vergriffen ist, gibt es hier und heute erstmals, als Neujahrsgeschenk sozusagen, das ganze Manuskript von damals als kostenlosen Download (pdf).
In diesem Sinne ein gutes neues Jahr!


4 Kommentare zu "soziale Weltmarktwirtschaft"

  1. Ihnen ebenfalls ein gutes neues Jahr – und an dieser Stelle ebenfalls ein großes Kompliment für dieses tolle Blog, das ich immer wieder mit Gewinn und Spaß lese. :)

  2. Nein, keine Ansprache… (… ich nehme zu Weihnachten oder Silvester nur noch den Regierungs-Clown Richling ernst.)

    Nur eine Nachsprache (mit Dank für die Einsicht in die Datei des Buches “Vorbild Deutschland” :

    Ein Silvester-Scherz gefällig?
    („Soll ich abstimmen lassen unter den vier Toten, denen ich einschenken muss?“, fragt Butler James bei Miss Sophie …)

    Ich habe aus Detlef Gürtlers Buch nur diese Nominalfügung „Deutschlands Performance“ übernommen – und sie neuwörtlich aktualisiert nach einem alten Witz, der sich als auf kommunistische oder sowjet-russische Wirtschaftlichkeiten bezog.

    (Das Original, das wohl jeder erkennt, lasse ich weg.)

    Schreibt ein Journalist über Deutschland, reist auch gerne aus dem Ausland an, um sich umzutun

    Allmählich nähert man sich Berlin (Hauptbahnhof). Da sieht er vom IC aus einen Mann, der einen Graben aushebt. Daneben sieht er noch einen Mann, der den Graben wieder zuschüttet.
    Der Reisende wundert sich, als er seine Beobachtung, die unglaublich, ja fast als Projektion vorkommt, noch häufiger sieht an der Bahnstrecke.
    Bei einem überraschenden Stopp an einem Bahnsignal steigt er aus, nachdem er es geschafft hat, den Ausstieg zu öffnen…
    Aber er braucht gar nicht weit zu laufen. Er sieht einen Firmenwagen der Baumschule, von dem aus die Vorgänge ausgehen: Arbeiter in schwarzer und roter Uniform (mit Parteiabzeichen), kleine Gingko-Stämmlinge…
    Als er den Mann am Steuer fragt, was es mit diesem komischen Geschehen auf dieser Strecke an der Allee auf sich habe.
    Der Mann: “Oh, ich bin der Chef. Hier der Auftrag. – Das Ganze ist nur eine symbolische Aktion der Großen Koalition. Eine große PR, eine Hauptstadt-Performance, deren Resonanz wir hier an der Strecke testen, wo die Einfahrt nach Berlin auf Kriechgeschwindigkeit heruntergesetzt wird wg. der Objektivation unserer Maßnahmen. – Und, Glückwunsch: Sie haben nur den ersten Mann und den dritten Mann der Regierungsaktion gesehen. Der Mann von der dritten Partei ist noch nicht gefunden. Der Typ sollte als zweiter Arbeiter die Bäumchen einpflanzen in das Loch, das der erste gräbt. – Das sind die Regierungsreformen.”

    .. und das sei alles arrangiert, nicht nur die Heilschen Maßnahmen, auch der Stopp…

    Da fragt der Journalist: “Wie, auch ich.. ? – Dass ich – als Aussteiger…?”

  3. Nachdem das “Kater-Accounting” beendet ist, die besten Wünsche für das kommende “Jahr schlechter Nachrichten”. Die schlechteste wird uns vermutlich nach der Bundestagswahl erreichen……

    Ich plädiere für die Zusammenlegung der Bundesministerien für Wirtschaft sowie Arbeit und Soziales. Als Chef der Behörde schlage ich Detlef Guertler vor.
    In der Hoffnung, noch einmal mit einem braunen Auge davon zu kommen, grüßt freundlich – Polyphem.

    P.S.: Wer zum Teufel ist Kater Karlo?

  4. Kater Karlo ist für Micky-Maus das, was die Panzerknacker für Dagobert Duck sind…

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