“Lucie ist zu jung für ihr Alter” ätzt die große Schwester Leonie beim Lebkuchenhausverzieren. “Lucies Gehirn ist erst acht, obwohl sie schon zehn ist.” Das lässt sich Lucie natürlich nicht bieten: “Dann ist Leonie zu alt für ihr Junger”, sagt sie. “Junger gibt’s gar nicht”, trumpft Leonie auf. “Gibt’s wohl”, gibt Lucie zurück, und wendet sich an mich. “Papa, du hast doch damals auch geschrieben, dass es die Kleine gibt, obwohl es eigentlich immer die Größe heißt.”- “Stimmt, Lucie.” – “Dann kannst du doch jetzt auch schreiben, dass es Junger gibt: Wenn jemand nicht alt, sondern jung ist, hat er eben kein Alter, sondern Junger.” – “Okay, mach’ ich.”
Archive for Dezember, 2008
Großes Unternehmen, mittelgroßer Auftrag, Rechnung wie vereinbart. Nur leider kein Zahlungseingang wie vereinbart.
Das Unternehmen möchte den nächsten Auftrag erteilen, ich möchte nur gegen Vorkasse annehmen, aber das, sagt der zuständige Abteilungsleiter, mache man grundsätzlich nicht.
Dann wäre es vielleicht besser, die Rechnung des alten Auftrags zu bezahlen, bevor man den nächsten Auftrag vergibt, erwidere ich – mein Vermieter und mein Finanzamt warten ja auch grundsätzlich nicht darauf, dass meine Kunden bezahlen, sondern wollen pünktlich ihr Geld haben.
Ach, ist das noch nicht passiert? Der Abteilungsleiter gibt sich verwundert – er werde das sofort nachprüfen. Schon eine Stunde später hat er geprüft: Da ist tatsächlich etwas liegengeblieben, aber das hat er jetzt geregelt, mit dem nächsten Zahlungsschwung werde meine Rechnung beglichen.
Das war vor zehn Tagen. Wenn diese Zusicherung gestimmt hätte, hätte vorgestern das Geld auf meinem Konto sein müssen. War es aber nicht. Also bei der Honorarbuchhaltung des Konzerns… weiter lesen
Heute morgen einen merkwürdigen Berliner Radiosender gehört, der, oh wundersame Wege des Journalismus, einen Kommentar von Hans-Ulrich Jörges zur Konjunkturprogrammpaketsdiskussion sendete. Kein sehr erhellender Kommentar, von dem mir nur hängen blieb, dass die Begriffskonditoren im Kanzleramt sich den “Aufbau West” gebacken hätten, um sowohl Stammtisch West als auch Stammtisch Ost bedienen zu können.
Und da, wie ich heute abend beim Googeln feststellen konnte, Herr Jörges schon 2003 und 2004 den Begriffskonditor verwendete, ja, man sogar vermuten könnte, dass er der Begriffskonditor des Begriffskonditors ist, möge ihm hiermit bis zum Beweis des Gegenteils das Urheberrecht zugesprochen werden – auf dass ihm wenigstens einmal aus der Blogosphäre ein freundliches Wort gewidmet werde.
Ich schätze Wolfgang Münchau sehr. Sehr. Er ist so ziemlich der einzige deutschsprachige Ökonom, der klare Analyse, profunde Sachkenntnis und ebensolchen Realismus vereint und sich dann auch noch verständlich ausdrücken kann. Er ist also der einzige Ökonom, den ich derzeit gerne als Berater der Bundesregierung sähe, weil er als einziger deutscher Ökonom die Gewähr dafür bietet, dass sein Rat die Wirtschaftspolitik tatsächlich besser macht.
Ich teile auch Münchaus Kritik am Verhalten der Bundesregierung in der aktuellen Finanzkrise, insbesondere an der Kanzlerin:
Wenn eine globale Depression naht, müssen zwei Dinge geschehen. Man muss international koordinieren, und man muss alles daransetzen, den Absturz der Konjunktur zu verhindern. … Die Bürger erwarten von ihrer Regierung in solchen Zeiten Führungsstärke. … Wenn diese Führungsstärke nicht da ist, treten nicht nur wirtschaftliche Verwerfungen auf, sondern auch politische. Finanzminister Peer Steinbrück mag momentan der Liebling deutscher Stammtische sein. Das wird sich schnell ändern, wenn… weiter lesen
Noch herrscht ein wenig Durcheinander bei Wikipedia. Gibt man in der englischen Version ZIRP ein, landet man bei der “Zero Interest Rate Policy”, also einem Leitzins von Null oder fast Null Prozent – heute morgen stand als Beispiel noch das “contemporary Japan” dabei, aber seit gestern wird ja auch in den USA geZIRPt. Das weiß Wikipedia bestimmt auch bald.
Lässt man sich allerdings von dieser Seite auf die deutsche Version verweisen, landet man bei der “Zukunftsinitiative Rheinland-Pfalz”, die außer der gleichen Abkürzung nichts mit einer Nullzinsen-Politik zu tun hat.
Dumm für die pfälzische ZIRP, dass aufgrund der an Heftigkeit zunehmenden, sich zur 2. Weltwirtschaftskrise auswachsenden Rezession die US-Leitzinsen noch ziemlich lang in der Null-Ecke bleiben werden, und die europäischen Leitzinsen auch auf gutem bzw. schlechtem Weg dorthin sind. Aus der Distanz zeigenden Großbuchstaben-Variante ZIRP wird sich bald die besser handhabbare Zirp entwickeln,… weiter lesen
“Los Papa, Playmobil!”, ruft Clemens, und will mich in sein Zimmer ziehen. “Erst aufräumen”, antworte ich, “wir fliegen morgen wieder nach Deutschland, da muss dein Zimmer vorher aufgeräumt sein.” – “Aber das geht doch nicht”, wendet Clemens ein, “ich kann doch das Playmobil erst aufräumen, nachdem wir gespielt haben.” Stimmt eigentlich. “Aber dann fang doch wenigstens schon mal an, die Bücher wieder ins Regel zu stellen”, schlage ich vor. “Okay, anräumen”, sagt Clemens, und läuft los, dreht sich noch mal zu mir um und sagt: “Aber du kommst mit.” – “Gleich, Clemens”, antworte ich, “ich muss erst noch das Anräumen in die Wortistik eintragen.”
Bei den Zertifikaten haben ja in den vergangenen Monaten einige Anleger schmerzlich bemerkt, dass es sich um eine Anlageform handelt, die bei Pleite des Emittenten zu einem Totalausfall führen kann. Beim Genussschein dürfte einigen diese Erkenntnis erst noch bevorstehen. Trotz des so hübsch klingenden Namens ist der Genussschein-Besitzer nämlich im Ernstfall noch schlechter dran als der Zertifikate-Besitzer: Genussscheine gelten bilanziell als Eigenkapital, Zertifikate als Anleihen, und bei Pleiten kriegt der Anleihe-Gläubiger in der Regel zumindest einen Teil seines Einsatzes zurück, während die Eigenkapital-Eigner ebenso regelmäßig leer ausgehen.
Wenn die Weltwirtschaftskrise zuschlägt, wird deshalb noch so mancher Genussschein zum Verdrussschein werden – nicht nur die der Stadtsparkasse Köln/Bonn.
Über das angebliche Jugendwort des Jahres muss hier nicht mehr viel gesagt werden, weil fast alles, was dazu gesagt werden muss, bereits vor drei Monaten von Anatol Stefanowitsch gesagt wurde:
Jugendlichen zu unterstellen, sie interessierten sich für solche Parties ausreichend, um ein Wort dafür zu erfinden zeigt, wieviel die Macher der Liste von Unter-Dreißigjährigen verstehen. Der einzige echte Treffer, den ich finden konnte, ist ein Zitat aus einer Büttenrede — dass die ein Jugendlicher gehalten hat, darf bezweifelt werden.
Ergänzen möchte ich lediglich eine Quelle, die bereits am 30. Dezember 2006 das Wort Gammelfleisch in der hier gefragten Bedeutung verwendet hat – den Wortisten, als er wie jedes Jahr zu Silvester in der WELT einen Rückblick auf das kommende Jahr publizierte:
Sage keiner, die Skandale des Jahres 2007 hätten keinen Unterhaltungswert gehabt. Schon der erste in dieser langen Kette gab da die… weiter lesen
In Lothar Lemnitzers Wortwarte (herzlichen Glückwunsch zum baldigen Umzug nach Berlin) taucht diese Woche der Schokolaus als Neuwort auf. Nun gibt es zwar bereits ein paar Treffer für dieses Wort, aber gemessen an der Häufigkeit, mit der die wesentlich buchstabenmächtigeren Synonyme auftauchen, ist der Schokolaus geradezu ein Waisenknabe:
Schokonikolaus: 5570 Google-Treffer
Schokoweihnachtsmann: 5390 Google-Treffer
Schokoladennnikolaus: 3020 Google-Treffer
Schokoladenweihnachtsmann: 5060 Google-Treffer
Schokolaus: 632 Google-Treffer
Man kann sich ja drüber streiten ob dieses Spitzenprodukt der Weihnachtssüßwarenindustrie eine sinnvolle Bereicherung des Speisezettels darstellt, auch die Qualität der dafür verwendeten Schokolade ist durchaus diskutabel - aber wortistisch gesehen ist der Schokolaus eindeutig die beste dieser fünf Alternativen.
(Dass meine Tochter Lucie mir nach Lektüre dieses Textes demonstrativ die Haare krault, sollte man nicht überbewerten: Die Verwechslungsgefahr zwischen altem Mann mit weißem Bart und kleinem Plagegeist mit sechs Beinen ist verschwindend gering.)
Klaus Jarchow hat im Stilstand mal wieder neugewortet. Oder heißt es geneuwortet? Jedenfalls heißt die entsprechende Passage so:
Bei den Dickschiffwörtern vollends, bei diesen sprachlichen Großindustrieanlagen für Sinnproduktion – ob nun ‘Kultur’, ‘Gesellschaft’, ‘Kunst’, ‘Technologie’ oder ‘Freiheit’ – hat noch nie jemand in der Realität etwas geortet, was diesen ‘Begriffen’ entspräche. Vom ‘Staat’ lässt sich kein Foto machen: Trotzdem gibt das Phantasiegebilde einem Haufen von Beamten den Lebensunterhalt, weil wir gewissermaßen alle diesem sprachlichen Märchen glauben.
Jarchow macht gleich zwei Anläufe, um den Begriff Dickschiffwort plastisch zu machen – obwohl ja das Dickschiff als solches auch schon über eine gewisse Plastizität verfügt. Das ist zum einen Indiz für Jarchows manchmal etwas überwortenden Stil, zum zweiten aber auch Zeichen einer eher mäßigen Deutlichkeit des Begriffs: Wortteile aus drei verschiedenen Bilderwelten, zusammen ziemlich viele Buchstaben, vor allem ziemlich viele Konsonanten, und das als Sammelbegriff für zwar getragene, aber… weiter lesen