Archive for Dezember, 2008

12.12.2008 von Detlef Guertler
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Endhüllung

von Detlef Guertler

Die Finanzwelt steht sprachlos vor dem grössten Betrugsfall der Geschichte: Vermutlich 50 Milliarden Dollar Schaden hat der ehemalige Nasdaq-Chef Bernard Madoff bei seinen Kunden angerichtet. Sein ganzes seit Jahrzehnten laufendes Investmentgeschäft sei eine “einzige grosse Lüge”, es sei kein Geld mehr da, er insolvent und bereit, ins Gefängnis zu gehen. Und obwohl jetzt natürlich einigen die ganze Firma schon immer komisch vorgekommen ist, hat die ganze Zeit niemand etwas gemerkt.

Und ich stehe ratlos vor einem Loch in der deutschen Sprache. Denn es gab doch jemand, der es gemerkt hat. Dieser Jemand, eine gewisse Erin E. Arvedlund, hat sogar eine grosse Geschichte über die Ungereimtheiten bei Madoff in der führenden US-Anlegerzeitschrift Barron`s geschrieben, und zwar bereits im Mai 2001. Eigentlich hätte damals schon der Rest der Medien plus SEC plus Staatsanwaltschaft eingreifen müssen, und der Schaden wäre sicherlich einige Milliarden geringer ausgefallen. Aber keiner hat sich… weiter lesen

11.12.2008 von Detlef Guertler
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Bildungsfrühling

von Detlef Guertler

Die Kür des Wortes des Jahres hat in diesem Blog nichts verloren, sollte man meinen. Schließlich kann es sich da nur um Wörter handeln, die im Verlauf des Jahres schon die Medien rauf und runter getrabt sind, und die deshalb, wenn überhaupt, bereits vor längerer Zeit hier behandelt worden sein müssten. Was natürlich besonders für die “Finanzkrise” gilt, das Wort des Jahres der Gesellschaft für deutsche Sprache , die hier nicht nur einmal, sondern einige Dutzend Mal behandelt wurde, und übrigens auch nicht erst in diesem Jahr, sondern schon 2007. Rein ökonomisch klingt es ja sehr putzig, wenn in der Begründung behauptet wird, dieses Wort “bezieht „Immobilien-“, „Kredit-“, „Liquiditäts-“ und „Wirtschaftskrise“ ein”, da die Wirtschaftskrise eben erst mit gehöriger Verspätung zuschlägt, aber dafür umso heftiger (weshalb die hier bereits im September ausgerufene 2. Weltwirtschaftskrise m.E. große Chancen bei der Wahl zum Wort des Jahres 2009 haben… weiter lesen

11.12.2008 von Detlef Guertler
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Solidaritäts-Randale

von Detlef Guertler

Sonst ist die taz ja immer ganz vorne dabei, wenn es darum geht, Straßenkrawalle in neue soziale, politische oder soziopolitische Bewegungen umzudeuten. Aber diesmal keine Rede davon: Laut taz flauen die Spannungen in Griechenland wieder leicht ab, von einem Übergreifen auf andere Länder wird nichts berichtet – der Tagesspiegel hingegen weiß von Solidaritäts-Randale von Madrid bis Kopenhagen zu erzählen, und obwohl dieses Wort nun wirklich so klingt, als sei es von zugedröhnten tazlern in den frühen 80ern erfunden worden, findet sich im taz-Onlinearchiv kein einziger Treffer dafür, und auch bei Google hat es der Tagesspiegel exklusiv.

Wobei andernorts die Medien sowohl über Krawall als auch Randale hinausgehen. Mein tägliches Gratis-Käseblatt zum Beispiel, der “Marbella Express”: “La “generación de los 600 euros” se subleva” heißt dort heute die Schlagzeile – die 600-Euro-Generation lehnt sich auf. Dass die europäische Jugendrevolte, die da herbeigeschrieben wird, jetzt tatsächlich Gestalt annimmt,… weiter lesen

10.12.2008 von Detlef Guertler
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Vertreibungswitze

von Detlef Guertler

von A.S. Reyntjes

Von Frau Prof. Dr. Martina Kessel geschrieben, kann ich – am 10. Dez. 2008 in der FAZ – lesen:

„Deshalb suche ich Menschen, die sich an Witze aus der NS-Zeit oder der unmittelbaren Nachkriegszeit erinnern, beispielsweise zum Problem der Vertreibung.“
Das ist neuempirische Kulturforschung: Lachen über Hitler, über die Vertreibung und noch mehr, was wir heute noch nicht wissen?
Einleitung und Überschrift klingen noch solide:
„Lachen über Hitler
Eine Suchanfrage: Wer kennt Witze aus der NS-Zeit?“
Und so endet’s, sprichwörtlich fidel&final:
„In einem Buch möchte ich die verschiedenen Bedeutungen von “Deutschem Humor in der Epoche der Weltkriege” ausloten. Deshalb suche ich Menschen, die sich an Witze aus der NS-Zeit oder der unmittelbaren Nachkriegszeit erinnern, beispielsweise zum Problem der Vertreibung.
Zuschriften bitte an: Prof. Dr. Martina Kessel, Fakultät für Geschichtswissenschaften, Universität Bielefeld, Postfach 10 01 31, 33501 Bielefeld, oder… weiter lesen

08.12.2008 von Detlef Guertler
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Super-Contango

von Detlef Guertler

Es war einmal vor langer langer Zeit, als noch niemand hierzulande von Heuschrecken oder Hedge-Fonds gehört hatte, da schoss sich ein eben noch stolzer deutscher Konzern mit Öl-Termingeschäften so dermaßen selbst ins Knie, dass er bald danach zu existieren aufhörte. Metallgesellschaft hieß dieser Unglücksrabe, und er hatte ein so komplexes System von Risiko und Absicherung gestrickt, dass ihm vermutlich gar nichts Schlimmes passiert wäre, hätte er nur die paar Dutzend Milliarden Dollar flüssig gehabt, die er aufgrund einer plötzlich aufgetretenen Anomalie der Ölpreis-Entwicklung an Nachschussverpflichtungen leisten musste. So auf Anhieb hatte ich das alles nicht verstanden, als Ziemlich-Jung-Wirtschaftsredakteur mit Hauptaugenmerk auf die Treuhandanstalt, aber dankenswerterweise schrieb das Handelsblatt damals auf vollen zwei Seiten die Entwicklung und die Hintergründe des Metallgesellschafts-Desasters auf, und auch wenn nicht mehr die ganze Story nacherzählen kann, so habe ich sie doch über viele Jahre immer wieder als Musterbeispiel für ordentlichen Wirtschaftsjournalismus erwähnt und mir ein… weiter lesen

08.12.2008 von Detlef Guertler
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Konsumdoping

von Detlef Guertler

Wer nicht möchte, dass die Deutschen Schecks vom Staat bekommen, muss ein anderes Wort dafür finden als Konsumgutscheine. Heike Göbel hat es in der FAZ gefunden: Konsumdoping. Ein Wort, das wunderbar auf alles passt, was sich die USA nach dem 11. September an Wirtschaftspolitik geleistet haben: Kauft kauft kauft, damit der Feind sieht, dass man uns Amis nicht beikommen kann. Unter Reagan hatte das ja schon mal geklappt, damals als der Feind Sowjetunion hieß und im ökonomischen Wettrennen verlor wie einst Carl Lewis gegen Ben Johnson.

Auf die aktuelle Lage in Deutschland passt das Wort zwar gar nicht – hier wäre es lediglich ein zugegeben heftiges Stück nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik nach einem Jahrzehnt angebotsorientierter Schmalkost. Aber das scheint die FAZ nicht weiter gestört haben. Die Unternehmerverbände werden sich bedanken.

07.12.2008 von Detlef Guertler
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Schwarzgeldriese

von Detlef Guertler

von A.S. Reyntjes:

Schwarzgeldriese – dieses Neuwort gibt es lt. Internet-Suchmaschinen nicht, nicht bei Google, nicht bei yahoo, nicht bei metager..: Bei der letzthinnnigen Uni-Such-Tüftelei (mit ihren Spezialsuchereien) aber kriegt man gleich eine passende Bank eingesendert, die sich angesprochen gefühlt haben muss in ihrem Suchmaschinen-Inventar, wo man sich auch beim Begriff „Schwarzgeld…“ einzuclicken wusste.

Ja, solche Informationen braucht man ja als Kleinschriftsteller, um seine Gelderchen anzulegen:
Hier, bitte für Kollegen:
https://www.1822direkt.com/1822central/cms/giro-all.jsp

Schwarzgeldriese – Es gibt ihn, den gesuchten, nichtexistenten Begriff:

Ein Satiriker schreibt über das Kohl und Kirch und Kohle, dass das „Kirch-Fernsehen“ sich in Berlin eingekauft hätte:

„Am Ende wird Leo Kirch noch gierender Bürgermeister von Berlin. Der leiht sich die nötigen Milliarden beim Kollegen Berlusconi, begleicht die Berliner Schulden, und als Gegenleistung müssen alle Berliner einen Premiere-Decoder kaufen und in einem Solidarpakt zur Rettung Berlins jeden Tag fünf Stunden Kirch-Fernsehen über sich ergehen lassen.weiter lesen

03.12.2008 von Detlef Guertler
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Robidogisierung

von Detlef Guertler

“Vergessen Sie bitte nicht: 90 Prozent Ihrer Leser sind Schweizer”, sagte mir meine Verlagsleiterin vor drei Monaten, als ich in Rüschlikon meine Tätigkeit als Chefredaktor begann (der Anregung folgend, die mir Jörg Kachelmann gab, danke schön). Jetzt ist mein erstes GDI Impuls in Druck (und ab 15. Dezember im Handel, auch in Deutschland und Österreich übrigens) und das zweite in Arbeit, und ich denke inzwischen sogar dann an die Schweizer, wenn 90 Prozent meiner Leser Deutsche sind, so wie hier.

Ein Schweizer Leser ist Albert J. Kuster, und er hat mir die Robidogisierung vorgeschlagen, die bislang erst einmal, nämlich von ihm selbst bei Lanu, internetmäßig verwendet wurde. Dass weder Lanu noch einer ihrer Leser darauf reagierten, wird nicht zuletzt daran liegen, dass es sich bei ihnen nicht um Schweizer, sondern um Deutsche handelt – denn Robidog kennt man nur in… weiter lesen

02.12.2008 von Detlef Guertler
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unsyndromatisch

von Detlef Guertler

“Hast du mein Wort schon geschrieben?”, fragt mich Lucie gerade, als ich ein ganz anderes Wort hier eintragen wollte (siehe nächsten Eintrag). “Welches Wort”, frage ich, völlig un-schuldbewusst. “Na, märchen”, sagt Lucie. So wie Märchen, nur als Verb. “Ach das”, antworte ich, “das gefällt mir nicht. Das klingt nicht gut: Ich märche, du märchst und so weiter, und man braucht es eigentlich auch nicht, weil meistens noch genannt werden sollte, was mit dem Märchen so passieren soll. Es ist ja doch ein Unterschied, ob du mich bittest, dir ein Märchen vorzulesen, dir ein Märchen zu erzählen, oder mir ein Märchen auszudenken.”

“Na gut.” Lucie gibt tatsächlich klein bei. Aber nicht lange. “Hast du denn mein Wort von letzter Woche überhaupt aufgeschrieben?” – “Von letzter Woche?” -”Ja. Als wir beim Chiropraktiker waren. Ich wegen Osgoid Schlatter, und du wegen deiner Schulter.” – “Ach, ich erinnere mich wieder. Auf der Rechnung stand… weiter lesen

01.12.2008 von Detlef Guertler
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Kredit-Methadon

von Detlef Guertler

Meredith Whitney ist nicht irgendeine US-Analystin. Sie war im Sommer 2007 die einzige in der Lemmingschar der Analysten, die sich dem zur Klippe gerichteten Strom widersetzte, sie war im Herbst 2007 die erste, die über der Citigroup den Daumen senkte, sie hat noch immer den Finger am Puls der Krise und sie gilt für Fortune als eine der 50 mächtigsten Frauen der Wirtschaft.

Es heißt also etwas, wenn diese Meredith Whitney heute in der Financial Times schrieb, sie sei “more bearish today than I have been in the past 18 months”. Das allein dürfte einen guten Teil des heutigen Kurssturzes an den Weltbörsen ausgemacht haben. Als Therapie empfiehlt sie allerdings etwas, was die Kollegen von der Financial Times Deutschland (und zwar die vernünftigsten Kollegen dort, die von der Rubrik “Das Kapital”) dazu brachte, sich über “eine englische Finanzzeitung, die regelmäßig die deutsche Verzagtheit anprangert”, zu weiter lesen