Milchkannenort

von Detlef Guertler

Mit Lucie auf großer Fahrt von Berlin nach Meißen. Besser gesagt: auf langer Fahrt. Man hat die Auswahl zwischen erstens ICE nach Leipzig, Bummelzug nach Riesa, Bus nach Meißen, oder zweitens EC nach Dresden, S-Bahn nach Meißen oder drittens Bummelzug nach Elsterwerda, Bummelzug nach Coswig, S-Bahn nach Meißen. Mehr als drei Stunden braucht man mit der Bahn selbst im besten Fall, und dieser beste, und billigste, Fall geht über Elsterwerda. “Warum braucht der Zug so lang?”, will Lucie wissen. “Weil er an jeder Milchkanne hält”, antworte ich, und weil ich im Zweifel bin, ob der historische Zusammenhang zwischen Milchkannen und Bummelzügen in der jungen Generation noch präsent ist, erkläre ich ihn gleich mit.

Stunden später. Wir haben Stationen wie Luckau-Uckro, Doberlug-Kirchhain, Walddrehna, Hohenleipisch, Golßen und Rückersdorf passiert und konnten uns beim Halt in Prösen-Ost der hoch interessanten Frage widmen, ob es auch Prösen-Süd, -West, -Nord oder gar Prösen-Zentrum gibt. Als schlauer Bahnfahrer weiß ich, wie es danach weitergeht, und eröffne meiner Tochter, dass wir nur noch Frauenhain, Zabeltitz, Großenhain, Priestewitz, Niederau und Weinböhla vor uns haben, bevor wir uns dann in Coswig sputen müssen, um in nur vier Minuten von Bahnsteig 5 bis Bahnsteig 2 zu hasten, um die S-Bahn Richtung Triebischtal zu erwischen. “Lauter Milchkannenorte”, sagt Lucie, und vertieft sich wieder in ihr Buch.


3 Kommentare zu "Milchkannenort"

  1. Entzückend. Zur Zeit meiner Kindheit auf dem Lande befand sich die Molkerei, in anderen Regionen Deutschlands auch Meierei genannt, noch im Nachbardorf und der Milchkutscher holte täglich mit einem Pferdefuhrwerk die vollen Kannen. Mittags standen dann die leeren, retournierten Kannen wieder an der Zufahrt zum Grundstück. Diese Retourkannen dienten auch als Transportmittel für Molkereiprodukte wie Käse und Butter, die man ganz einfach mit einem Zettel bestellt hatte, der an die vollen Kannen geheftet wurde. Optimierte Logistik schon damals.

  2. Ergänzung zu den Buttefahrten, wie polyphem (danke für den Anstoß…!):

    Wir, vom Baunernhof “Pannofen 90″ (das war auch die Nr. der Kannen: “90″) – die erste Station des Milchkutschers, der bis nachmittags über etwa acht rumpelige Km zur Molkerei musste, ohne Kühlung für die Milch-”töten” (wie wir Kinder sagten):

    Da kriegten wir im Sommer ein oder zwei 20 L-Kannen Milch zurück: Buttermilch (die für uns – und in der Fülle, auch für die Schweine…) munden sollte. (Sonst wurde noch eine Flasche Malzbier hineingekippt.)

    Um den dummen Verlust bei halbgekernter Milch zu vermeiden, hat einmal meine neugierige Schwester die Zahnprothese meines Onkels in eine Kanne fallen lassen, die am Deckel angekratzt wurde. – Beide Inhalte kamen zurück:
    Buttermilch, die nicht angenommen worden war, vorgekaut… -und der Onkel fand seine Prothese unterm Kopfkissen wieder: Glückszähnchen!

  3. @ASR: Soso, die Schwester liebt also nicht nur Vanillepudding? Der Buttermilch werden ja viele Eigenschaften “angedichtet”. Ich reim da mal nicht mit..

    Bei uns daheim reichte es nur zu einer 10L- Kanne für die Molkerei. Milchviehhaltung vorrangig zum Eigenbedarf für die Ernährung der Großfamilie. Außer an kühle Buttermilch erinnere ich mich an sommerlich-herrliche Dickmilch mit viel Schmant oben drauf, die mit Pumpernickel und Zucker gegessen wurde. Damit sich diese göttliche Speise entwickeln konnte, musste die Rohmilch in Glasschälchen im Kuhstall auf einen Fenstersims gestellt werden. Nur dort gab es in der Luft die notwendigen Bakterien, die den Fermentierungsprozess in Gang setzten. In Milcherzeugungsfabriken heutiger Art wäre das der hygienische GAU. Die Buttermilch, die Mutter ansetzte, und die von der Natur für uns gezaubert wurde, verhält sich zu dem, was heute von Müllern an Supermärkte geliefert wird….. wie Musik zu den Produktionen von Dieter Bohlen.

    P.S.: Hörtipp zum Thema Milchkannen? “Der Fall Hagenbuch” oder Hagenbuch in Bless- Hohenstein, getextet und zur Orgel vorgetragen von Hanns-Dieter Hüsch (Ehrenbürger seiner Heimatstadt Moers am Niederrhein).

Kommentar Schreiben

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*


*