Digitarchie
von Detlef GuertlerFür altsprachliche Puristen geht dieser Begriff natürlich gar nicht, den der hier bereits gewürdigte Roland Reuß sich ausgedacht hat. Digital kommt schließlich aus dem Lateinischen (digitus, der Finger), die -archie hingegen aus dem Griechischen (archein, herrschen), man kann also nicht einmal sagen, ob es sich hier um einen Romanizismus oder um eine Gräzismus handelt.
Aber Sprache ist ja nicht puristisch, sondern pragmatisch – weshalb wir heute auch griechisch-römisch Automobil sagen und nicht latinopuristisch Ipsomobil. Und wenn wir in Zukunft häufiger Anlass haben, über die Macht von Datenkraken zu erschauern, kann uns die Digitarchie dabei helfen, unser Schaudern in Worte zu fassen. Vielleicht trägt das sogar dazu bei, die (noch völlig ungeprägte) Digitatur zu verhindern.
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Heureka – “ipse” oder “autos-” Darüber streitet sich kein wahrer Philologe (wsa es Pleonasmus sein kann für Nichtphilologen).
… ah, da geht es gegen die pfennigscheue Anarchie der verwertbaren Zeichen…?
Opfern da alle geistigen Produktivkräftler dem “Automedon”*), dem Wagenlenker des Achill…?
Ja, im Hinblick auf Honorare und Lebensmittel (was vom lateinischen Urgrund her) sich auf Ehren oder (adjektivisch) auf „ehrenvoll“ bezog und nicht auf Materielles – ist die zinsbleckende Begriffsfreudigkeit im Schwange.
Solange es keine spirituelle Auto-Digitalisierung des Geahnten oder Geträumten gibt, sondern nur ein Begreifen und Schreiben und Verbreiten von Schriftzeichen und Texten durch auctores (deutsch: Autoren), wird es keine uniforme, einheitliche Entlohnung oder Vermarktung der Laut- oder Schriftprodukte geben, da die einheitlichen Leistungen und Anforderungen zu ungleich sind und die besten Produzenten kreativ sein wollen (und zumeist erfolgreich sind) und die Publisher materiell leistungsfähig sein müssen.
Besonders prägnante Beispiele für die Ungleichheit von Anforderungen und Entlohnungen sind die chicken Sekundärleistungen von Übersetzern; sie nehmen als Äquivalent das Geld oder die erfolgsabhängigen Zugaben, die ihnen Verlage oder Institutionen anbieten, die das Risiko der Editionen und des Verlust tragen; einer kann davon leben, hundert leben auf Kosten ihrer mitarbeitenden Freundinnen oder Frauen.
In jeder Generation von Schriftstellern, die von ihrer schriftstellerisch- künstlerischen Kreativität leben zu müssen riskieren, können nur etwa zehn von den Honoraren und Preisgeldern.
In diesem formicidaelen*) Kreativsystem für Individualisten von demokratisch organisierten Gerechtigkeitsvorstellungen der Entlohnung oder Refinanzierung zu fordern, ist ein süße, soz. pseudo-autosomale Paradoxie. Indivdualisten wollen so leben und gefüttert werden.
Genug verteilbares Geld gibt es nur ffür die Texte und Noten, dei tAten und Töne in der Massenunterhaltung; und gerade dort wird das individuelle Kassieren als Grundlage der Welterfolge und singulären Einkünfte von Stars für selbstverständlich betrachtet und genossen.
*) Formicidae (Ameisen) sind die staatenbildenden Insekten…
Wer weiß, dass Herausgeber ( von Hölderlin oder von Kleist oder Kafka) immer diese Autoren ohne Abgaben in neuen und teuren Anordnungen vermarktet haben, wundert sich, dass diese Nachtragskünstler, deren Editionen innerhalb einer Generation ersetzt sind durch andere Entwürfe, nach anderen Kriterien.
Immer sind es Verlage und Buchhändler, die diesen virtuosen Sekundär-Geistlern die Honorare überweisen.
40 Jahre, nachdem 68er für die Inhalte von Verschmähten (Heinrich Mann), Verbrannten, Exilierten (Joseph Roth, die Keun, die Seghers, Mascha Kaleko), Missachteten (Robert Walser) gekämpft haben und diese Autoren, kämpfe Heutige um Profite – ohne einen einzigen wichtigen geistigen Grundsatz eines Geistesgroßen zu vermitteln – außer nachzuplappern: „Enteignet…!“
~ *
*) Automedon -ipssissimum nomen:
Es stürzt Automedon,
Des Fahrzeugs rüst’ger Lenker,
In die Verwirrung hurtig sich der Rosse:
Er hilft dem Viergekoppel wieder auf.
Doch eh’ er noch aus allen Knoten rings
Die Schenkel, die verwickelten, gelös’t,
Sprengt schon die Königinn, mit einem Schwarm
Siegreicher Amazonen, ins Geklüft,
Jedweden Weg zur Rettung ihm versperrend.
*
Aus: Heinrich Kleist: Penthesilea. (Tübingen 1808).
Noch ein Kommentärchen als Ergänzung zu:
„Weltendatenbank“:
Von solchen Internemerismen (oder von der „Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus“ (S. Google) wusste H.H. wohl nix.
Aber er kannte Daten oder zumindest Anhaltspunket für den geistumspannenden Deutschismus. (Ergebnisse? Ungefähr 227 für ‘Deutschismus’, in 0,45 Sekunden bei Google.)
Heinrich Heine:
Zu fragmentarisch ist Welt und Leben!
Ich will mich zum deutschen Professor begeben,
Der weiß das Leben zusammenzusetzen,
Und er macht ein verständlich System daraus;
Mit seinen Nachtmützen und Schlafrockfetzen
Stopft er die Lücken des Weltenbaus.
*
Der religions- und juristisch erfahrene Kritiker Heine schrieb schon 1824/25 einige Gedichte, mit denen er sich über den Gegensatz zwischen dem Erkenntnisanspruch und der rigiden Alltagsrealität deutscher Universitätsprofessoren mokierten.
Jawoll, in der Theorie ist jeder Systemdenker kühn, in der Alltagspraxis verbleibt er häufig (nach ‚IPA’) [panˈtɔfəlˌhɛlt] … der eigenen Schreibbedürfnisse, natürlich der digitalen.
Zu: Edidtionswissenschaftler R.R. siehe:
http://www.textkritik.de/personen/rr.htm
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