19.03.2009 von Detlef Guertler
“Spread the word. Evaporflation.” Bittet Rich Hartmann alle Leser seines aktuellen Beitrags auf der Webseite von Nouriel Roubini.
Das mache ich gerne. Aus drei Gründen:
1. Ich mag neue Wörter.
2. Ich mag Rich Hartmann. Er vereint eine tiefe Einsicht in die Finanz- und Wirtschaftswelt, ein hervorragendes Timing für Marktprognosen und einen geradezu spielerischen Umgang mit den großen, schweren, wichtigen Themen – muss ich noch extra erwähnen, dass ich mich ihm sehr verwandt fühle?
3. Ich habe das Gefühl, dass er ziemlich recht hat, wenn er schreibt, dass wir vor einer Situation stehen, die in keinem ökonomischen Lehrbuch vorkommt: “I’m not just trying to coin a word. (I have done it because there are no existing words that I am familiar with that accurately describe our current situation) I truly believe that the foundation of economics has been shaken. I really believe that we need to… weiter lesen
18.03.2009 von Detlef Guertler
Super-Idee des Sparkassenverbands-Präsidenten Heinrich Haasis für die deutsche Bankenbranche: “Wenn der Staat schon mit öffentlichen Geldern in den Wettbewerb eingreift, ist auch eine Preisregulierung für die begünstigten Unternehmen gerechtfertigt.” Damit nicht die Rettungsfonds-unterstützten Institute wie die Commerzbank seinen Sparkassen mit “nicht marktgerechten Einlagenkonditionen”, also Hochzins-Angeboten, die Kunden abspenstig machen.
Und wenn man schon beim staatlich festgelegten Einheitszinssatz für Einlagen ist: Warum nicht auch gleich für Kredite? Da gab es ja in den vergangenen Jahren auch jede Menge nicht marktgerechte Konditionen. Und wenn wir schon die Zinshöhe verstaatlichen, warum nicht auch gleich das gesamte Zinsgeschäft? Wettbewerb brauchen wir ja dann nicht mehr, gibt ja überall die gleichen Zinsen, und wenn der Staat ohnehin schon für die gesamte Branche die Einlagen garantiert, kann er die ja auch komplett übernehmen.
Ja ja, das klingt ziemlich genau so wie das Finanzwesen der DDR. Aber das wäre schon okay so: Die zähneknirschende Einsicht der Politik,… weiter lesen
17.03.2009 von Detlef Guertler
Ein wunderschönes Wort in einem ergreifenden Text von w&v-Chefredakteur Jochen Kalka über die Stadt, deren Bürger er ist: Winnenden.
Nie zuvor hat sich ein Kamerateam für diese Stadt interessiert. Gut, außer im letzten Jahr, da wurden hier ein paar Szenen gedreht. Für einen Krimi. Das war Stadtgespräch. Der Krimi von gestern ist Stadtschweigen.
(via Stefan Niggemeier)
16.03.2009 von Detlef Guertler
Wer war zuerst? Henne oder Ei? Jarchow oder Siemes? Frage ich mich bei Lektüre eines locker elf Wochen alten Schriftwechsels zwischen Klaus Jarchow und Reinhard Siemes. Jarchow schreibt u.a. über einen taz-Text von Siemes:
… traf hier ein Journalist, indem er auf die Blubb-Blubb-Blase medialer Schwallsabbler einprügelte, endlich mal nicht die Falschen.
Siemes antwortete u.a.:
tazzwei-Redakteurin Cigdem Akyol hat mir geholfen, indem sie den Beitrag straffte. Ich hatte Redundanzen wie “sprachlich inkontinete Schwallsabbler” eingebaut. Die hat sie rausgenommen.
In der Online-Version des taz-Textes ist tatsächlich kein einziges Mal das Wort Schwallsabbler zu finden. Wenn es in der Ausgangsversion war, aber von der Redaktion gelöscht wurde, hat dann Jarchow gerochen, dass es dieses Wort dort einmal gegeben haben könnte? Der einzige Google-Treffer zum Schwallsabbler ist nämlich aus Jarchows stilstand-Beitrag.
Oder hat sich Siemes nicht mehr so genau erinnert, was er eigentlich geschrieben hat, und schlicht… weiter lesen
15.03.2009 von Detlef Guertler
Für altsprachliche Puristen geht dieser Begriff natürlich gar nicht, den der hier bereits gewürdigte Roland Reuß sich ausgedacht hat. Digital kommt schließlich aus dem Lateinischen (digitus, der Finger), die -archie hingegen aus dem Griechischen (archein, herrschen), man kann also nicht einmal sagen, ob es sich hier um einen Romanizismus oder um eine Gräzismus handelt.
Aber Sprache ist ja nicht puristisch, sondern pragmatisch – weshalb wir heute auch griechisch-römisch Automobil sagen und nicht latinopuristisch Ipsomobil. Und wenn wir in Zukunft häufiger Anlass haben, über die Macht von Datenkraken zu erschauern, kann uns die Digitarchie dabei helfen, unser Schaudern in Worte zu fassen. Vielleicht trägt das sogar dazu bei, die (noch völlig ungeprägte) Digitatur zu verhindern.
12.03.2009 von Detlef Guertler
Einerseits handelt es sich um ein ganz altes Wort und ein traditionelles Produkt des deutschen Maschinenbaus. So hat etwa Pernuma aus Laupheim sowohl Loch-Entwertungsmaschinen als auch Banknoten-Entwertungsmaschinen im Angebot.
Andererseits ist es ein ganz neues Wort, von dem Heidelberger Literaturwissenschaftler Roland Reuß heute in der FR für den “Bücherschlucker” Google geprägt (gefunden bei Turi). “Enteignet die schamlosen Enteigner” fordert Reuß, und weiter:
Worum geht es? Es geht um den gewaltsamen Versuch, ein in einem langen Prozess erstrittenes Verfügungsrecht durch einfaches Verfahren in ein bloßes Einspruchsrecht zu transformieren und dabei entstehende Kollateralschäden durch ridiküle finanzielle Zahlungen abzugelten. Dabei geht Google immer schamloser zu Werke und enteignet kollektiv die europäische Produktion an Büchern ihrer spirituellen und materiellen Basis.
Nun ist Reuß nicht der erste, der sich an der Googleschen Ver- bzw. Entwertungspraxis stößt, aber meines Wissens der erste, der deshalb die Enteignung des Enteigners,… weiter lesen
11.03.2009 von Detlef Guertler
von A.S. Reyntjes:
Schon bekannt als Neuwort? … soll auf Fußballrasen sich austoben… – wie Gelegenheit zum „rasenden Samstags- oder Sonntagsfußball“ – was zum ‚Rosenfußball’ sich ver-ball-hornen könnte.
Mit dem Wort „Schleichjubel“ konnte ich zuerst nichts verbinden:
Schleicht der Jubel? Jubelt der Schleich?
Oder muss es heißen: Jubelt ein Scheich?
Da musste ich das Textchen in der netzeitung lesen, und ich erfreute mich wiederholter Maßen an diesem beseelten, nicht nur im Torschuss ausdrucksstarken, auch verbal begabten Stuttgarter Mario Gomez: „Gomez unter «Schleichjubel»-Verdacht“.
Ja, ein seltener Fuß- und Schnabel-Vogel der Werbe-Mario; … und ein seltenes Wörtchen: „Schleichjubel“, genau so wie „’Schleichjubel’-Verdacht“.
– Alle Googelierungen bezogen sich auf eben diesen unterhaltsamen und fleißigen Gomez.
09.03.2009 von Detlef Guertler
“Ich melde mich gleich telefonisch bei Ihnen”, wollte ich einem Kunden mailen, aber das hätte er missverstehen können, schließlich hatte er mir extra gesagt, dass er heute nur auf dem Handy erreichbar sei. Also verlängerte ich “telefonisch” zu “mobiltelefonisch”, was ich noch nie benutzt hatte, aber in diesem Fall schien es mir doch sinnvoll zu sein.
Danach scheiterte ich allerdings zu meinem großen Ärgernis bei Google mit dem Versuch herauszufinden, wie oft denn “mobiltelefonisch” schon benutzt wurde. Auch in Anführungszeichen geschrieben, was ja eigentlich bedeutet “genau so und nur so”, gab mir das Googlemonster knapp 15 Millionen Treffer, auf der ersten Trefferseite tauchte aber kein einziges Mal “mobiltelefonisch” auf, sondern immer nur “Mobiltelefon”.
Das, dummes Google, habe ich nicht gesucht. Ich kann es, dummes Google, überhaupt nicht ausstehen, wenn du versucht, schlauer zu sein als ich und meine vermeintlichen Schreibfehler so korrigierst, dass ich gar keine Chance mehr… weiter lesen
08.03.2009 von Detlef Guertler
“Bitte bitte”, schreibt mir ein Herr John, “könnten Sie mal ganz ordentlich lästern über den seit einiger Zeit besonders in der TAZ penetrant verdrehten Gebrauch der beiden Wörter “nutzen” und “nützen”? Ich schreie immer laut auf, weine und fluche und falle vom Sofa, wenn etwas “jemandem nutzt” oder jemand “Möglichkeiten nützt”. Können Sie einen ganz bösen Text veröffentlichen, der die Nichtsnütze geißelt? Das wäre mir von sehr großem Nützen, wissen Sie.”
Eigentlich, dachte ich mir, muss ich ja selbst gar nicht mehr böse sein – der obige Absatz ist ja schon böse genug. Und eigentlich, dachte ich mir auch, kann das Problem doch auch gar nicht so groß sein. Ist doch klar, dass man etwas oder jemanden nutzt (wie: benutzt), aber dass mir etwas nützt (wie: nützlich ist). Also, dachte ich mir, schreibe ich hier einfach noch das niedliche Neuwort Nichtsnütz hin, und gut. Machte aus alter Gewohnheit noch schnell… weiter lesen
07.03.2009 von Detlef Guertler
Mit Lucie auf großer Fahrt von Berlin nach Meißen. Besser gesagt: auf langer Fahrt. Man hat die Auswahl zwischen erstens ICE nach Leipzig, Bummelzug nach Riesa, Bus nach Meißen, oder zweitens EC nach Dresden, S-Bahn nach Meißen oder drittens Bummelzug nach Elsterwerda, Bummelzug nach Coswig, S-Bahn nach Meißen. Mehr als drei Stunden braucht man mit der Bahn selbst im besten Fall, und dieser beste, und billigste, Fall geht über Elsterwerda. “Warum braucht der Zug so lang?”, will Lucie wissen. “Weil er an jeder Milchkanne hält”, antworte ich, und weil ich im Zweifel bin, ob der historische Zusammenhang zwischen Milchkannen und Bummelzügen in der jungen Generation noch präsent ist, erkläre ich ihn gleich mit.
Stunden später. Wir haben Stationen wie Luckau-Uckro, Doberlug-Kirchhain, Walddrehna, Hohenleipisch, Golßen und Rückersdorf passiert und konnten uns beim Halt in Prösen-Ost der hoch interessanten Frage widmen, ob es auch Prösen-Süd, -West, -Nord oder gar Prösen-Zentrum gibt. Als… weiter lesen