28.04.2009 von Detlef Guertler
Nachdem ich jetzt erstmals in einem Schreiben eines Lehrers (Name und Schule tut nichts zur Sache) von einer “Fließjacke” gelesen habe, scheint sich dieser Flauschstoff, der ursprünglich auf den Namen “Fleece” hörte, auf gutem Weg zur Eindeutschung zu befinden. Wenn man nach der Fließjacke googelt, poppen automatisch all jene Anzeigen hoch, die eigentlich auf die Fleecejacke abzielten, und LandsEnd ist sogar so freundlich, als Link nicht die Fleecejacke, sondern die Fließjacke anzubieten – auch wenn sich im Angebot keine solche findet.
In 50 Jahren wundert sich dann vielleicht jemand, dass ausgerechnet ein zwar anschmiegsamer, aber doch nicht so ganz fließender Stoff auf deutsch Fließstoff heißt, wo doch eher die Seide einen solchen Namen veredient hätte. Aber dann kann man ja jederzeit auf diesen Wortistik-Beitrag zur Erklärung verweisen.
26.04.2009 von Detlef Guertler
Okay, das Wort ist nicht nur nicht neu, sondern sogar schon ein Teekesselchen. Zum einen heißt so jener afrikanische Wüstenstaat, von dem meine Frau meint, dass man eigentlich Deutschland dorthin umsiedeln müsste (und könnte), wenn es einem mit dem Klimaschutz wirklich ernst wäre. Zum anderen ist Mali der Plural von Malus, was wiederum das Gegenteil von Bonus ist.
Größere Verbreitung fand der Malus bisher erst einmal, nämlich zur Sumpfblütezeit des Numerus Clausus, als bayrische und baden-württembergische Abiturienten dafür bestraft wurden, dass im Schnitt in ihren Bundesländern die Abiturzeugnisse besser waren als in Bremen oder Hessen. Ansonsten gibt es in der Welt viel mehr Boni als Mali.
Aber wollen wir das nicht gerade ändern? Regen wir uns nicht tierisch über die Millionen-Boni auf, die Manager bekommen, deren Unternehmen gerade an die Wand gefahren ist? Da könnten wir doch eigentlich den Malus einführen, oder? So wie ein Manager davon profitiert (und auch… weiter lesen
22.04.2009 von Detlef Guertler
Seit mehr als 60 Jahren gibt es den Begriff der Sozialen Marktwirtschaft: 1947 von Alfred Müller-Armack geprägt, 1949 erstmal in ein politisches Programm aufgenommen (von der CDU), und in Nachkriegs- und Wirtschaftswunderzeit zur tragenden Säule erst west- und dann gesamtdeutscher Identität geworden. Aber es gibt diesen Begriff nur als Praxis, nicht als Theorie, und schon gar nicht als Ideologie: Die Lehre der Sozialen Marktwirtschaft kommt ohne Formeln und Diagramme aus, braucht hingegen Gesetze und Institutionen; die Anhänger der Sozialen Marktwirtschaft haben keinen Namen, und wenn sie sich unter einem Banner versammeln wollen, so schauen sie ins Leere.
So viel Gestaltungswille in den Ordnungsrahmen der Wirtschaft investiert wurde, so wenig in den theoretischen Rahmen der Sozialen Marktwirtschaft. Der Spiegel konstatierte das bereits im November 1961:
“Der ständige Zuwachs von Wohlstand enthob die CDU/CSU der Aufgabe, für die Verteilung des Sozialprodukts auf die Schichten der Gesellschaft eine ideologisch präzis gefaßte… weiter lesen
19.04.2009 von Detlef Guertler
“Eifrige Spuckesammler” überschreiben die Kollegen vom CTRL-Blog ihren Text über die Ausweitung der Sammlung und Speicherung von genetischen Fingerabdrücken in den USA: Jedem Festgenommenen soll eine Speichelprobe abgenommen und gespeichert werden.
Nun gefällt mir Spucke in diesem Zusammenhang nicht so gut: Wegen der Nähe zum Verb spucken würde ich damit eher das bezeichnen, was Menschen aus dem Mund absondern, und nicht das, was sich im Mund befindet – da ist Speichel der bessere Begriff. Und durch die klangliche Nähe zum Ort, an dem Gesammeltes aufbewahrt wird, bietet sich für diese Datenbank genetischer Fingerabdrücke der Begriff Speichelspeicher geradezu an. Aber verwendet wurde er bisher noch von niemandem.
18.04.2009 von Detlef Guertler
“Oh Mann! Grade bei DEM Wort!” entfuhr es AndreasK, als er gerade einen Kommentar im Bremer Sprachblog abgesendet hatte. “Ich persönlich find’s sehr schön. Weil es dieses schwierige Thema “deutsche Rechtschreiung” stark vereinfacht” hatte er darin geschrieben, aber natürlich “Rechtschreibung” gemeint.
Sojavanhouten tröstete ihn: “Och nö, Rechtschreiung find ich eigentlich richtig gut, so fühlt sich jedenfalls die Rechtschreibreform für mich an.”
Ich finde zwar eher, dass sich das Gebarme der Rechtschreibreformkritiker so anfühlt, aber auch so ist es ein hübsches Wort, um sich gegen überkorrekte Deutschlehrer oder sickige Schlussredakteure zur Wehr zu setzen.
17.04.2009 von Detlef Guertler
Weil Lucie, 10, beim Frühstück gerade nichts anderes zu tun hat, zitiert sie aus dem Gedächtnis drei Sätze, die sie vor Monaten mal für den Unterricht auswendig gelernt hat. “Integration ist die Eingliederung eines oder mehrerer Menschen in eine Gruppe. Das integrierte Mitglied erhält die gleichen Rechte und Pflichten wie alle anderen Mitglieder der Gruppe. Die Mitglieder der Gruppe respektieren das neue Mitglied, so wie es ist.”
(Oder so ähnlich)
Leonie, 13, versucht das nachzusprechen. “Integration ist, wenn…” – “Falsch!”, kräht Lucie, und sagt ihr Sprüchlein nochmal auf. Nächster Versuch von Leonie: “Integration ist die Eingliederung eines Menschen…” – “Schon wieder falsch!” Da hat Leonie die Nase voll. “Mir reicht’s”, ruft sie, räumt ihren Teller ab und stampft aus der Küche zurück in ihr Zimmer – nicht ohne uns vorher ein “Bad-Bye” zuzuschnauben.
“Wenn du Bad-Bye in deine Wortistik reinschreibst, ist Leonie bestimmt wieder besser gelaunt”, sagt Lucie. Hoffentlich hat… weiter lesen
16.04.2009 von Detlef Guertler
Im größten spanischen Immobilienblasenforum auf eine Diskussion über Deutschlands Ausstieg aus dem Euro gestoßen. Für die in Spanien recht hoch gehandelte Variante einer Aufspaltung der Eurozone in eine harte nördliche und eine weiche mediterrane Region hat dabei Diskutant wolf45 die Begriffe “HerrenEuro” und “UnterEuro” verwendet.
Mutmaßlich als erster. Weder für den Herreneuro im Besonderen noch für die Herrenwährung im Allgemeinen finden sich Verwendungsbelege. Dabei ist der Gedanke dahinter doch höchst attraktiv: Dem wohltönenden Ökonomensprech von Leitwährung, von Terms of Trade, Wechselkursrelationen und Kaufkraftparitäten wird die Maske heruntergerissen, zum Vorschein kommen darunter blanke Machtspiele: Wer die kontinentale Währung beherrscht, beherrscht auch den Kontinent. In der Auseinandersetzung zwischen Fed und EZB um die Position der globalen Leitwährung spielen solche Aspekte ganz sicherlich eine beachtliche Rolle.
Wie weit der Herrenwährungs-Ansatz ökonomisch tatsächlich trägt, mag ich auf die Schnelle nicht beurteilen. Aber da sich Attacistas und Linksparteiler darüber grundsätzlich keine… weiter lesen
14.04.2009 von Detlef Guertler
An der Costa del Sol ist alles “de lujo”. Während anderswo in Spanien die Küsten mit Häusern zubetoniert wurden, wurden sie in und um Marbella zugemarmort. Möbel, Autos, Apartments, Häuser, Preise, alles Luxus vom Feinsten. Jetzt erstmals auch eine Hausbesetzung: 150 “Gitanos” (ob Sinti oder Roma wurde nicht mitgeteilt) haben die 34 leerstehenden Apartments der Wohnanlage “Golden Hills” in Mijas besetzt. Seit zwei Jahren ist auf der so gut wie fertig gebauten Anlage nichts mehr passiert, weil der Projektentwickler Pleite gegangen war, jetzt wird die Anlage besiedelt.
Da es jede Menge solcher fast ganz fertigen Wohnhäuser in ganz Spanien gibt, und jede Menge Spanier (und Ausländer) sich ihre Wohnung nicht mehr leisten können, dürfte sich die Villenbesetzung zu einem landesweiten Trend entwickeln. Und wenn der Trend erst einmal rollt, gibt es keine Gewähr mehr dafür, dass nur komplett leer stehende Häuser besetzt werden – schließlich gibt es ein… weiter lesen
13.04.2009 von Detlef Guertler
Gestern bei Bandy Brooks an der Friedrichstraße Oster-Eis gegessen. Die Bedienung trug ein T-Shirt mit der Aufschrift “Eisdieler”. Mag sein, dass es sich bei “Eisdieler” um ein paar nur mäßig bekannte Berliner Designer handelt, aber als Bezeichnung für die in einer Eisdiele tätigen passt es doch genausogut (und wird auch vereinzelt so verwendet).
Natürlich wird der Begriff besonders charmant durch die Assoziation mit dem Dealer. Aber könnte es sein, dass im Lauf der Jahrzehnte, und über Zwischenschritte wie den Eisdieler (oder über Witze über und von Menschen, die mit Nachnamen Dieler heißen), am Ende im Deutschen nicht mehr vom Dealer, sondern vom Dieler gesprochen wird? Oder besser: geschrieben wird – gesprochen wird der Dealer ja schon längst so. Und wenn wir vor mehr als hundert Jahren die Cakes in den Keks umwandeln konnten, sollte es doch auch irgendwann möglich sein, den Dealer… weiter lesen
11.04.2009 von Detlef Guertler
Doze ist englisch und heißt als Substantiv Halbschlaf sowie als Verb dösen. Nun mag der Halbschlaf zwar nicht Schlafes Bruder, aber doch immerhin sein Halbbruder sein, und so ist denn nicht einzusehen, warum ihm verwehrt bleiben sollte, ein eigen Verb sein Eigen zu nennen. Wenn ich regelmäßig vor dem Fernseher bei Will, Beckmann, Raab oder Schmidt einschlafe, handelt es sich ja eigentlich nicht so sehr um die Tätigkeit des Fernsehens, sondern um die des Halbschlafens. Und wenn ich nach dem Weckerklingeln noch ein kleines bisschen liegen bleibe, weil es ja gerade noch reicht, wenn ich erst bei der zweiten Runde in fünf Minuten aus dem Bett springe, bin ich in diesen fünf Minuten wohl auch ein Halbschläfer.
Auf jeden Fall jedoch betreiben Delfine das Halbschlafen. Würden sie ganz einschlafen, würden sie ertrinken. Wenn sie ruhen wollen (was sie etwa acht Stunden am Tag tun), schalten sie jeweils eine Hirnhälfte ab… weiter lesen