30.05.2009 von Detlef Guertler
“Ich kann mich nur den Vorlobern anschließen”, schreibt “S” in einem Kommentar zu einem wirklich hochinteressanten Beitrag im Bremer Sprachblog über die fast unendlich vielen Wörter der Eskimos für Schnee Bedeutungen des scheinbar unschuldigen Wörtleins “wir”.
Anstatt mich nun auch noch dort dem Lob anzuschließen, lobe ich lieber hier “S” für das Wort “Vorlober”. Bei gefühlt 92 Prozent aller Festakte wäre dieses Wort wesentlich besser am Platz als der regelmäßig verwendete “Vorredner”.
Da das Wörtchen “vor” ähnlich viele Bedeutungen hat wie “wir”, könnte theoretisch ein Vorlober auch etwas anderes sein, nämlich jemand, der den Tag vor dem Abend lobt oder jemand, der anderen vormacht, wie sie richtig loben. Aber diese theoretische Verwechslungsgefahr besteht nicht, wenn es sich um eine Fest- oder Dankesrede handelt. Wenn ich jemals in die Verlegenheit kommen sollte, eine solche zu halten, verwende ich es bestimmt – wer macht mit?
25.05.2009 von Detlef Guertler
Jürgen Vielmeier, Chefredakteur von freshzweinull, hat im NDR-Medienmagazin “Zapp” einen Beitrag über die Netzsperren gesehen. Dort sagt Thomas Hoeren, Professor für Medienrecht, in Minute 09:48 – ob gewollt oder nicht – “… es leidet der arme Internetnutzer, der VERFASSUNGLOS vor dem Internet steht …”
“Wäre das vielleicht etwas für Ihre Wortistik?”, fragt Vielmeier. Es wäre nicht, es ist. Das erinnert mich sofort an die “vaterlandslosen Gesellen”, als die vor einem Jahrhundert die Sozialdemokraten beschimpft wurden, was man sich damals durchaus als Ehrentitel anheften durfte.
Und in der Tat gibt es bereits einen Nachweis für den Gebrauch des Begriffs “verfassungslose Gesellen”: in einem Spiegel-Interview vom 28. Januar 2002 mit dem Ex-Verfassungsrichter und späteren Fast-Finanzminister Paul Kirchhof. “Wenn die größten Konzerne des Landes aber, wie wir es jetzt erleben, keine Körperschaftsteuer mehr bezahlen, sind die Lenker dieser Firmen dann verfassungslose Gesellen?”, fragte damals der nicht genannte… weiter lesen
24.05.2009 von Detlef Guertler
Von Christian Dombrowski:
Warum wünscht man sich „Gesundheit!“, wenn einer niest, sagt aber keinen Ton, wenn einer hustet? Obgleich Husten, medizinisch betrachtet, zu durchaus größeren Sorgen Anlass bietet als Niesen?
Vermutlich, weil Niesen jäh an die Ohren schlägt. Das Überraschungsmoment ist stärker.
Husten kündigt sich umständlich-langwierig an, während das Niesen einem rapiden kleinen Überfall gleicht, der die Mitwelt heimsucht. Nur aus diesem Grund fühlt man sich überhaupt genötigt zu reagieren, fürchte ich. Das Wort „Gesundheit!“ ist kein dringlicher Wunsch, eher eine Art Abwehrzauber – eine sinnleere Äußerung, willkürlich aus der Luft gegriffen.
Eigentlich täte es IRGEND ein Wort.
Da gibt es nun in Sichtweite der griechischen Stadt Nauplion die kleine Insel Burzi (häufig auch „Bourtzi“ transkribiert). Sie liegt mitten in der Hafeneinfahrt und zeigt, zum Greifen nah, eine venetianische Festung. Die Insel ist grade einmal so groß wie die Festung – viel mehr Platz ist da auch nicht – und… weiter lesen
23.05.2009 von Detlef Guertler
Von den Mehrheitsverhältnissen her ist Horst Köhler eindeutig der schwarz-gelbe Präsident – die Biene-Maja-Koalition hat sich heute mit 50 Prozent plus einer Stimme durchgesetzt.
Von den Inhalten her ist Köhler so schwarz-grün, wie es sonst nur Oliven sein können. Die “neue, ökologische industrielle Revolution”, die er einen Tag vor seiner Wiederwahl in seiner Rede zum 60. Geburtstag der BRD forderte, könnte geradezu bei den Grünen abgeschrieben worden sein.
Ist sie aber nicht. Sie ist bei der taz abgeschrieben. Am 7. März 2009 schrieb Peter Unfried in einem seeeehr langen Text über Michael Braungart: “Braungart predigt die ökologisch-industrielle Revolution.” Und genau eine Woche später, am 14. März 2009, steht in der Passauer Neuen Presse in einem Interview mit Horst Köhler dieser Satz: “Wir sollten uns in Deutschland ganz gezielt eine neue, ökologische industrielle Revolution vornehmen.” Von einer Quellenangabe stand da nichts, Köhler hat sich also… weiter lesen
22.05.2009 von Detlef Guertler
“Was wisst ihr noch von eurer Babyheit?”, fragte uns Clemens gestern abend. Nichts natürlich – aus seiner Kindheit mag man sich noch an das eine oder andere erinnern, aber auch die klügsten Eltern mit dem besten Gedächtnis haben keine eigene Erinnerung an ihre Zeit als Baby; allenfalls das, was ihnen von anderen wiederum erzählt wurde, kann ihnen einfallen.
Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum die deutsche Sprache das Wort Kindheit sehr wohl, die Babyheit hingegen gar nicht kennt. Aber ein bisschen ungerecht ist das schon. Vielleicht könnten wir uns dann wenigstens auf einen Mittelweg einlassen: die Kleinkindheit?
21.05.2009 von Detlef Guertler
von Christian Dombrowski
Ein Geburtstagswissenschaftler: Ist das jemand, der die Geburtstagsbräuche verschiedener Völker und Zeiten miteinander vergleicht? Oder die himmlisch-irdischen Bedingungen für ein bestimmtes Geburtstagskind untersucht? Oder die berühmtesten Zauberer und Zauderer, Fälscher und Väter, Jongleure und Journalisten hinsichtlich ihrer Geburtstage miteinander in Beziehung setzt?
Wie dem auch sei: Herzlichen Glückwunsch zum 45.!
21.05.2009 von Detlef Guertler
Es gibt unzählige von Etiketten, die man Eminem aufkleben kann und aufgeklebt hat. Seit dieser Woche gibt es ein neues: Skandalclown. So wurde er nämlich in einem Vorspann bei Spiegel Online bezeichnet: “Er war der Megastar und Skandalclown des HipHop, dann tauchte er ab. Doch jetzt ist Eminem zurück – provokativer denn je.”
Eminem – ein Clown???? Bisher gab es nur einen, der als Skandalclown bezeichnet wurde, nämlich Christoph Schlingensief (erstmals in der Zeit Anfang 2006), und zu dem passt dieses Etikett in der Tat. Aber zu Eminem?
Das Skandalclown-Etikett steht wohlgemerkt nicht im eigentlichen Text des Spiegel-Gesprächs mit Eminem (in dem es vorwiegend um Drogensucht, Schreibblockaden und Gewalt geht) auch nicht dort im Vorspann (für den möglicherweise ein echter Kulturredakteur verantwortlich zeichnet), sondern in jenem Anreißer-Text, der für das Interview auf Home- und anderen Pages wirbt, und dort mutmaßlich von einem absoluten Eminem-Nichtkenner… weiter lesen
18.05.2009 von Detlef Guertler
Die Leitartikel der FTD sind, anders als die Rubrik Das Kapital, von äußerst schwankender Qualität. Und wenn Christian Schütte dort heute schreibt:
Die Bundesrepublik ist auf der einen Seite viel zu klein und zu demografisch überaltert, um noch einmal ernsthaft Großmachtfantasien zu entwickeln. Sie ist auf der anderen Seite aber auch viel zu groß und reich, um sich einfach zu den weltpolitischen Gartenzwergen zu stellen. So sehr sich das auch mancher wünscht.
dann ist zumindest der erste Satz eher Wunsch als Wirklichkeit. Danach wird es dann richtiger, und der manche, der sich ein Gartenzwerg-Deutschland wünscht, hat den Titel “Gerneklein” tatsächlich verdient.
Im Text von Schütte kommt der Begriff “Gerneklein” nicht vor, nur in der Überschrift. Und da die Überschriften der FTD in allen Ressorts eine hohe Originalitätsquote haben, vermute ich, dass wir diesen Begriff eher den Überschriftenmachern als dem Leitartikler verdanken. Danke, liebe Überschriftenmacher.
17.05.2009 von Detlef Guertler
Eine noch, aber nicht mehr lange unbekannte Krankheit: Cedulitis hat, wer in seinem Depot “cédulas hipotecarias” hat, also spanische Pfandbriefe. Anders als bei deutschen Pfandbriefen handelt es sich bei diesn um hochgradig unwerthaltige Wertpapiere, da erstens in Spanien auf geradezu kriminelle Weise die Wertgutachten für Immobilien nach oben manipuliert wurden, da zweitens in Spanien die Immobilienpreise seit zwei Jahren dramatisch sinken und noch einige Jahre weiter sinken werden, und da drittens die Zahl der faulen, also nicht mehr bedienten Hypothekenkredite in ähnlich dramatischem Tempo steigt. Ach ja, und viertens laufen die cédulas nur fünf bis sieben Jahre, während die dahinter stehenden Hypotheken auf 20 bsi 30 Jahre abgeschlossen wurden, so dass die spanischen Banken in den kommenden Jahren seeeehr viele Investoren brauchen, die in die auslaufenden Cedulas neu einsteigen.
Wie hässlich diese “Anlage”form ist, weiß Edward Hugh besser als ich. Wer immer Cedulas hat oder über Erwerb nachdenkt, sollte auf… weiter lesen
16.05.2009 von Detlef Guertler
Beim ersten Mal hatte ich gedacht, ich hätte mich verhört – oder Simonetta Carbonaras Deutsch nicht richtig verstanden. Aber als ich in ihrem Vortrag beim Hamburger Trendtag das Wort noch ein zweites Mal hörte, konnte es kein Zufall mehr sein: Sie sagte “Zuvielisation”, nicht Zivilisation.
Bei der Party am Abend fragte ich noch einmal nach. Natürlich, sie hatte Zuvielisation nicht nur gesagt, sondern auch gemeint. Ihre eigene Idee? Ja, sagte sie, aber nicht neu. So etwa, sie überlegte einen Moment, so etwa 1999 habe sie das Wort erstmals verwendet (zumindest für 2002 findet sich auch ein Beleg im Netz), es sei aber noch kaum aufgegriffen worden.
Möglicherweise nur, weil die Zeit damals noch nicht danach war. Aber auf dem Weg durch die Weltwirtschaftskrise müsste es eigentlich bald passieren, dass Massenkonsummüdigkeit cool wird und weniger mehr. Schön, wenn es dann schon Zuvielisationskritiker gibt.