Archive for Juni, 2009

30.06.2009 von Detlef Guertler
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Preiszerfall

von Detlef Guertler

Wenn ein Produkt deutlich billiger wird, verfällt in Deutschland dessen Preis – in der Schweiz zerfällt er. Zumindest für einen Teil der Fälle, um die es hier geht, sollte der Preiszerfall auch in Deutschland Einzug halten: nämlich für all jene, in denen es sich um eine nicht dauerhafte, nicht endgültige Verbilligung handelt.

Denn der Verfall ist in meinen Ohren etwas Endgültiges: Eine Option ist nach ihrem Verfallstag nicht mehr existent, ein verfallenes Haus ist eine nicht mehr renovierbare Ruine, und wer vom Verfall der Sitten redet, glaubt auch nicht mehr daran, dass sich die Moral noch mal zum Besseren wendet.

Der Zerfall hingegen ist nur irreversibel, wenn es um Atomkerne geht. Ansonsten enthält er noch die Möglichkeit der Umkehr – und er ist, anders als der Verfall, vom ersten Moment an anwendbar: Wenn bei einem alten Haus die ersten Ziegel vom Dach fallen, kann man davon reden, dass… weiter lesen

26.06.2009 von Detlef Guertler
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aufflotten

von Detlef Guertler

Schreck in der Morgenstunde. Die Enterprise-Autovermietung, Filiale Friedrichstraße, ruft an, der Wagen, den ich gleich abholen wollte, ist nicht da. Und in allen Filialen ganz Berlins gibt es keinen freien Wagen. Gibt es denn sonst eine Lösung, die er mir vorschlagen könne, will ich wissen – immerhin muss ich gleich nach Meißen, Kind, Kegel und Zeugnis aus dem Internat abholen. Na ja, druckst mein Gegenüber, es gäbe da noch eines, ein einziges Auto: einen Transporter. Aber den könne ich auch für den Preis des eigentlich bestellten Ford Fiesta haben.

Ich bitte mir zehn Minuten Bedenkzeit aus, checke die Angebote der Konkurrenz – aber heute morgen haben in Berlin nicht nur Sixt, Hertz und Europcar, sondern auch Krauter wie Robben&Wientjes keine Wagen mehr verfügbar. Also gut, dann doch einen Fiat Ducato.

In der Enterprise-Filiale angekommen frage ich den Mitarbeiter, der gerade meine Daten aufnimmt, ob das ein Indiz für eine Konjunkturbelebung… weiter lesen

25.06.2009 von Detlef Guertler
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Ganzkörperjuckreiz

von Detlef Guertler

“Vor zehn Jahren war ich noch leidensfähiger”, gesteht Oliver Heieck, Chefkommunikator von PwC Deutschland, “aber wenn ich heute bei einer Veranstaltung zwei schlechte Vorträge höre, bekomme ich Ganzkörperjuckreiz und muss leider die Veranstaltung verlassen.” Eine einleuchtende Begründung.

Am Abend war er dann doch wieder da, im Hotel Maritim in Berlin. Aber da gab es ja auch keine Vorträge mehr, sondern die Preisverleihung “Best of Corporate Publishing”, für Kunden- und Mitarbeitermagazine, Geschäftsberichte und anderes, was Unternehmen eben so veröffentlichen. Gut, dass der Ganzkörperjuckreiz nachgelassen hatte, denn für das PwC-Kundenmagazin gab es den BCP-Award in der Kategorie “B2B Finanzdienstleistungen/Immobilien/Consulting”.

Und weil es das erste Mal seit einem Luftballonweitfliegewettbewerb in der 2. Klasse war, dass ich einen Ersten Preis gewonnen habe, als Chefredakteur eben jenes Magazins, sollte das, finde ich, einfach mal gesagt werden.

24.06.2009 von Detlef Guertler
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Hochdeutscher

von Detlef Guertler

“Woher kommt eigentlich der NametutnichtszurSache?”, will Lucie (10) am Frühstückstisch wissen. “Aus Schwaben vermutlich”, antworte ich, “zumindest redet er ziemlich Schwäbisch.” – “Wusst` ich`s doch, dass der kein Deutscher ist”, triumphiert Lucie. “Natürlich ist ein Schwabe ein Deutscher”, protestierte ich, doch Lucie gibt sich nicht so schnell geschlagen: “Aber kein Hochdeutscher.”

Interessanter Ansatz. Als ich in Schriesheim bei Heidelberg aufs Gymnasium ging, gab es dort zwar jede Menge eingeborener Kurpfälzer, darunter auch einige, die in breitestem Kurpfälzisch kommunizierten, aber so etwa ab der 8. Klasse wurden letztere immer seltener – beim Abitur waren die Hochdeutschen unter sich. Vermutlich lässt sich auch heute noch ähnliches erleben. Zumindest für soziolinguistische Studien (und Gürtlersche Frühstücke) müsste das Substantiv Hochdeutscher also eigentlich brauchbar sein.

22.06.2009 von Detlef Guertler
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Goognose

von Detlef Guertler

Lasst uns, liebe Deutschschreibende und Deutschreibendinnen, schnell diesen Begriff besetzen. Denn wenn wir ihn verwenden, spricht er sich ungefähr “gucknose”, was ja auch wirklich ein schönes Wort für einen schnellen Blick in die nahe Zukunft ist. Für das also, was Google gerade intensiv zu vermarkten versucht, die Möglichkeit, aus der quantitativen oder geografischen Entwicklung von Suchanfragen auf die nahe Zukunft zu schließen.

Das hat hervorragend geklappt beim Eurovision Song Contest, wo Google sich früh auf den späteren Sieger (weiß eigentlich noch jemand, wie der heißt?) festgelegt hatte, und das könnte jetzt auch klappen bei der Vorhersage der Arbeitslosenzahlen für den kommenden Monat, die DIW-Chef Klaus Zimmermann, seit Horst Sieberts Tod zum zweitdümmsten deutschen Ökonomen aufgestiegen, mit Hilfe von Google-Daten in Angriff nehmen will.

Doch, ich finde das gut. Ich bin ein großer Freund von allen Formeln, Instrumenten und Rezepten, die behaupten, in die Zukunft blicken zu können, und… weiter lesen

21.06.2009 von Detlef Guertler
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Dünensporn

von Detlef Guertler

von Christian Dombrowski:

Die Möwen fliegen tief; über der See kündet sich ein Gewitter an mit Donnerrollen. Es ist bald über uns. Wir flüchten eine Düne hinauf in ein Strandrestaurant, das rasch voll wird von nassen frierenden Menschen. Orkanartiger Sturm, Regenstürze und zornige helle Blitze. Die See verändert sich, bringt hohe Wellen hervor. Wir sind nicht sicher, ob das kleine Lokal auf dem Dünensporn überhaupt einen Blitzableiter hat …

So könnte eine Seegeschichte anfangen (oder eine Liebesgeschichte). Neuprägungen lassen sich gut in bildhaften Texten verstecken. Dann laufen sie beim Lesen unaufdringlich mit unter und verlieren den Charakter des Gemachten, den sie sonst vielleicht hätten. Keiner stößt mit den Augen an und denkt sich: „Ach – ein neues Wort! Interessant! Regenstürze?! Dünensporn?! Ungewöhnlich!“

Der Wortistik zum dritten Geburtstag – auf dem Dünensporn des Jahres. Ad multos annos!

Regensturz = besonders heftig herabstürzender Regen
Dünensporn = der schmale, oberste Bereich einer… weiter lesen

19.06.2009 von Detlef Guertler
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Bonismus

von Detlef Guertler

Über die Wortwarte auf einen Kommentar zu einem Tagesspiegel-Artikel und über diesen zum Wikipedia-Eintrag “Gutmensch” gekommen, wo es heißt:

Begriffe mit ähnlichem Inhalt und ähnlicher Verwendungsgeschichte sind auch in anderen Sprachen Teil des alltäglichen politischen Diskurses, z.B. italienisch “buonismo” (Bonismus, Guttuerei, Gutmenschentum).

Nun ist mein Italienisch nicht vorhanden, und mein Italien heißt Spanien, weshalb ich nicht überprüfen kann, wie verbreitet der Begriff buonismo in Italien ist. Ein kurzer Blick in die italienische Wikipedia zeigt aber: wohl nicht allzu sehr, da es keinen Eintrag zu diesem Stichwort gibt, doch immerhin geläufig, da das Wort buonismo in 18 verschiedenen Einträgen auftaucht.

Der Bonismus hingegen ist im Deutschen noch gar nicht verbreitet – obwohl doch das Gutmenschentum viel deutscher als italienisch ist. Immerhin sind Die Guten sogar schon im Nürnberger Stadtrat vertreten. Sollten wir also einfach den Bonismus einführen? Wir sollten.

18.06.2009 von Detlef Guertler
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Hohnlohn

von Detlef Guertler

“Kampf dem Hohnlohn!” exklamiert die Aktion Lebendiges Deutsch, obwohl sie eigentlich “Her mit dem Hohnlohn!” meint. Allerdings nicht ökonomisch, sondern wortistisch gesehen. Denn sie möchte “frech, doch treffend” mit diesem Begriff den des “Dumping-Lohns” ersetzen.

Das ist zwar im entdenglischenden Sinne der Aktioneure wenig hilfreich, weil der Dumping-Lohn ein fast lupenrein exklusiv deutsches Wort ist, wie Anatol Stefanowitsch mit viel Aufwand und Klaus Jarchow mit viel Meinung festgestellt haben; und es ist auch ökonomisch, sozial und wortistisch knapp bis reichlich daneben, weil das “Dumping” des Dumpinglohns sich auf eine kollektive Vergleichsgröße bezieht (in der Regel das Unterschreiten von Tarif- oder Mindestlöhnen), wohingegen der “Hohn” des Hohnlohns individuell gemeint ist: Das Lohn-Angebot des Arbeitgebers ist so niedrig, dass der so Angesprochene sich verhöhnt vorkommt.

Aber (denn auf einen Satz mit Zwar muss ein Aber folgen) der Hohnlohn könnte durchaus in den kommenden Jahren seine begriffliche… weiter lesen

17.06.2009 von Detlef Guertler
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Sozialfestung

von Detlef Guertler

Aus kalendarischem Anlass heute in einem schmalen Bändchen der “Bonner Berichte aus Mittel- und Ostdeutschland” geblättert, das ich beim letzten Bücher-Flohmarkt in Marbella für 50 Cent erstanden habe. Titel: Der 17. Juni 1953. Erscheinungsjahr: 1957. Autor: Arnulf Baring, damals 25 Jahre jung. Eine Passage daraus weckte mein wortistisches Interesse:

Das einzige Großwerk des Industriezweigs (Schwerindustrie, D.G.), das nicht streikte, war das Eisenhüttenkombinat Ost in Stalinstadt bei Frankfurt an der Oder. … Stalinstadt, “die erste sozialistische Stadt Deutschlands”, ist ein erster Versuch auf deutschem Boden, die planmäßige Umgestaltung der Gesellschaft an einem Probefall in Angriff zu nehmen. Stalinstadt ist dazu ausersehen, eine “Sozialfestung” (Stammer) zu werden, von der aus systematisch in die alte Gesellschaftsstruktur eingebrochen werden kann.

Die Festung wird hier also nicht als letztes Bollwerk gegen anbrandende Barbarenhorden gesehen, wie es heute üblich ist, wenn von der “Festung Europa” die Rede ist, sondern als befestigter Ausgangspunkt für offensive Attacken gegen… weiter lesen

16.06.2009 von Detlef Guertler
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Afrostrom

von Detlef Guertler

“Deutschland bekommt Wüstenstrom”, meldet heute die FTD. Zwar ist die Präsens-Form sehr optimistisch, weil es um Vorstudien für eventuell eines Tages zu startende Solarkraftwerke in Nordafrika gehen soll, aber an sich ist gegen ein solches Projekt ja nichts zu sagen. Der Begriff allerdings ist etwas schwierig, weil in Deutschland bereits besetzt: von einer reichlich obskuren klerikalreaktionären Truppe, die unter anderem meint, dass Homosexualität heilbar sei.

Dann lieber an einer wesentlich unreaktionäreren Bewegung andocken – und den Strom aus der Sahara Afrostrom nennen.