Beta-Journalismus

von Detlef Guertler

“Was ist Process Journalism?”, fragt sich und uns Marcus Bösch (bei turi gefunden), erzählt dann ein wenig von der Entwicklung der Nachrichten- und Berichterstattungslage über den Iran am Wochenende unter besonderer Berücksichtigung der Huffington Post, um uns dann seine Antwort zu geben:

Das ganze ähnelt eher einem Work-in-progress-Blog oder den Notizen die man anfertigt bevor man den eigentlich Artikel schreibt. Eine Art Meta-Berichterstattung: Unmittelbar, vielstimmig, manchmal voreilig, mitunter gar zeitweilig falsch!

Und das soll, so vor allem einige ganz flinke Blogger, sich process journalism nennen. Nun ja, eigentlich nennt man so etwas eher Recherche – da kann man ja durchaus zwischendurch auch so völlig falschen Schlüssen kommen, nur sollte das vor der Veröffentlichung eigentlich begradigt werden. Das Nach-Außen-Kehren der Recherche, das Veröffentlichen jedes neuen Fakten- oder Meinungsfetzens, ist im Journalismus eigentlich nur üblich bei extrem dramatischen Ereignissen (wie am 11. September 2001), wo allen Beteiligten klar ist, dass die Berichterstattung work in progress ist, man das aber in Kauf nimmt, um möglichst viel über das Ereignis zu erfahren.

Wenn Blogger oder auch Journalisten das jetzt allen Ernstes von der Not zur Tugend erheben wollen, kann man einerseits beruhigt an der Seite stehen und beobachten: Das wird bei Faktenfehlern sehr schnell sehr teuer und von Medienanwälten entsprechend abgestraft werden. Andererseits kann es nicht schaden, einen Namen dafür zu finden: process journalism ist keiner. Da es sich hier eher um eine Beta-Version des Schreibens handelt, und sich Alpha-Journalisten dafür zu schade sein werden, schlage ich den Begriff Beta-Journalismus dafür vor.


3 Kommentare zu "Beta-Journalismus"

  1. Lieber Herr Guertler,

    ohne die unsinnige “Print vs. Online”-Debatte der letzten Wochen aufwärmen zu wollen empfehle ich Ihnen die Lektüre des folgenden Artikels: http://carta.info/10513/iran-medien/

    Ein guter abgehangener allumfassender Artikel kann das Ergebnis dieses so genannen Process Journalism sein und ist nicht automatisch das konträre Gegenstück dazu. Beta-Journalismus hin Alpha-Journalismus her – auch Medienanwälte können einen fundamentalen Wandel der Medienwelt nicht verhindern.

    Und wenn die Damen und Herren Alpha-Journalist sich nicht mal im Ansatz damit befassen wollen, dann sind sie in einigen Jahren arbeitslos. So wie einige renitente Kutscher kurz nach der Einführung des Automobils ;-)

    Beste Grüße,
    MB

  2. Dann empfehle ich, Herr Bösch, die Lektüre des folgenden Artikels:
    http://www.techcrunch.com/2009/06/13/interview-with-npr-on-process-journalism/
    Insbesondere den Satz: “We don’t believe that readers need to be presented with a sausage all the time. Sometimes it’s both entertaining and informative to see that sausage being made, too.” Dem lässt sich so allgemein durchaus zustimmen, und ich stimme auch gerne zu, dass die Vorgänge im Iran eine solche Eigendynamik entfalteten, dass es spannend war, so live wie möglich dabei zu sein.
    Ich habe übrigens im Jahr 2002 sowohl spiegel.de als auch bild.de (in dieser Reihenfolge) die Einführung einer journalistischen Form vorgeschlagen, die bei herausragenden Ereignissen diesen in-progress-Effekt erzeugt, ohne in kurzatmiges Gerülpse abzugleiten – beide haben abgelehnt. Aber das nur nebenbei.
    Ansonsten gehe ich bis auf weiteres davon aus, dass in der überwältigenden Mehrzahl der Fälle der Nutzer die Wurst lieber essen möchte, als bei deren Herstellung zuzusehen. Manchmal mag es interessant sein, bei der Produktion der Wurst zuzusehen – allerdings weit seltener, als es die Wurstproduzenten gerne hätten.

  3. Lieber Herr Guertler,

    danke dass sie mir einen Artikel zur Lektüre empfehlen den ich im ursprünglichen Blogeintrag wörtlich zitiert und verlinkt habe?! Ich glaube auch dass die Leute weiter Würste essen wollen. Nur wollen Sie genau wissen was drin ist, wer sie gemacht hat und braten und würzen wollen sie auch selbst und damit ist die Wurstmetaphorik – glaube ich – ausgereizt.

    Hätten Sie Spiegel und Bild 2002 das Versenden von 140 Zeichen-Botschaften vorgeschlagen, dann hätten auch beide abgelehnt. Inzwischen twittern beide. The Times They Are A-Changin’ – mit dieser unumstößlichen Erkenntnis verabschiede ich mich in die Nacht.

    Best,
    MB

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