Archive for Juni, 2009

15.06.2009 von Detlef Guertler
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Beta-Journalismus

von Detlef Guertler

“Was ist Process Journalism?”, fragt sich und uns Marcus Bösch (bei turi gefunden), erzählt dann ein wenig von der Entwicklung der Nachrichten- und Berichterstattungslage über den Iran am Wochenende unter besonderer Berücksichtigung der Huffington Post, um uns dann seine Antwort zu geben:

Das ganze ähnelt eher einem Work-in-progress-Blog oder den Notizen die man anfertigt bevor man den eigentlich Artikel schreibt. Eine Art Meta-Berichterstattung: Unmittelbar, vielstimmig, manchmal voreilig, mitunter gar zeitweilig falsch!

Und das soll, so vor allem einige ganz flinke Blogger, sich process journalism nennen. Nun ja, eigentlich nennt man so etwas eher Recherche – da kann man ja durchaus zwischendurch auch so völlig falschen Schlüssen kommen, nur sollte das vor der Veröffentlichung eigentlich begradigt werden. Das Nach-Außen-Kehren der Recherche, das Veröffentlichen jedes neuen Fakten- oder Meinungsfetzens, ist im Journalismus eigentlich nur üblich bei extrem dramatischen Ereignissen (wie am 11. September 2001), wo allen Beteiligten klar… weiter lesen

14.06.2009 von Detlef Guertler
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weichquengeln

von Detlef Guertler

Hübsche Neuschöpfung von Sebastian Jost in der Welt:

Bei einem Krisengipfel im Kanzleramt warb der Deutsche-Bank-Chef bereits Mitte Dezember eindringlich für eine Bad Bank, für eine Müllkippe für faule Wertpapiere. Der scheidende Postbank-Chef Wolfgang Klein sprang ihm bei, dazu diverse Landesbanken. Sie haben den renitenten Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) weichgequengelt: Am Mittwoch hat das Kabinett den Entwurf für eine Bad Bank gebilligt.

Weichquengeln beschreibt die Tätigkeit von Lobbyisten aller Art im politischen Prozess wesentlich besser als das Pate stehende Weichklopfen. Das geht schließlich auf eine reale hausfrauliche Tätigkeit bei der ein Stück Fleisch mühsam essfertig gemacht wurde. Wer weichklopft, macht das Beklopfte also brauchbarer – wer weichquengelt, passt das Bequengelte nur besser an die eigenen Bedürfnisse an.

Ob der Welt-Text von Sebastian Jost auch in diese Kategorie gehört, möchte ich nicht beurteilen. Die Lobby-Technik der Finanzbranche ist so ausgefeilt, dass man einem Artikel nicht unbedingt ansehen kann,… weiter lesen

12.06.2009 von Detlef Guertler
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Zuvielfalt

von Detlef Guertler

“Ich weiß jetzt, warum Karstadt pleitegegangen ist”, sagte meine Frau, als sie heute vom Einkaufen zurückkam. “Ach ja? Ist dir Thomas Middelhoff im goldenen Rolls-Royce begegnet?” – “Nein. Ich war bei Lidl und bei Alcampo”, unserem marbellinischen Kaufhaus in der Shopping-Mall an der Autobahn. “Bei Lidl brauche ich 20 Minuten für den gesamten Einkauf, alles steht da, wo es immer steht, und die Aktionsware wechselt zwar, aber der Platz bleibt immer der gleiche. Und bei Alcampo wird ständig umgeräumt, das Angebot ist viel zu groß, und ich brauche mindestens die dreifache Zeit. So wie bei Karstadt eben, wenn es hier einen Karstadt gäbe.” – “Und das ist dir zu viel? Das war doch früher genau die Lösung: das gesamte Shopping-Erlebnis unter einem Dach, der Besuch im Kaufhaus war fast so etwas wie ein Kino-Besuch.” – “Das brauche ich aber nicht, oder nicht mehr. Und wann gehe ich schon… weiter lesen

11.06.2009 von Detlef Guertler
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euroisieren

von Detlef Guertler

Ich kann mir nicht helfen, das sieht auf den ersten Blick aus wie erotisieren. Und auch als englisches Verb hat euroise eine geradezu frankophone Frivolität. Um wieviel eleganter klingt dieses Verb als sein role model, das Verb dollarisieren! Aber eigentlich handelt es sich um eine völlig unerotische, rein währungstechnische Operation: die Integration einer bislang eigenständigen Währung in die Eurozone, ob offiziell oder faktisch.

Für meinen Lieblingsökonom Nouriel Roubini, offenbar gerade im Baltischen unterwegs, ist die Euroisierung Teil jenes besten Wegs, der Lettland aus dem Total-Zusammenbruch im Gefolge der Weltwirtschaftskrise führen könnte:

The best strategy may be: depreciate the currency, euroise after depreciation, restructure private foreign currency liabilities without a formal “default”, and augment the IMF plan to limit the financial fallout.

Aber natürlich die Reihenfolge einhalten: Euroisierung ohne rabiate Abwertung der Landeswährung wird nicht funktionieren, und der aktuelle IWF-Plan für Lettland, der meint, ohne Abwertung auszukommen, kann… weiter lesen

10.06.2009 von Detlef Guertler
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Beckstage

von Detlef Guertler

“All the world is a stage”, die ganze Welt ist eine Bühne, schrieb Shakespeare in “As you like it”, und da auch Rheinland-Pfalz zur Welt gehört, ist auch dieses Ländchen eine Bühne. Und wenn sogar Kurt Beck, das Landesväterchen des Ländchens mitspielt? Aber lesen wir Wilhelm Hahne selbst:

Wenn man es jetzt noch hinbekommen würde, einen “alten Mann” aus der Eifel zu einem Kriminellen abzustempeln… – Wahnsinn! – Das Glück der Politiker wäre vollkommen. Aber – und das ist Fakt! – es gibt auch gute Staatsanwälte. Nicht alle – und jeder – spielt das Spiel mit, das gewünscht ist. – Nicht alle kennen auch den Unterschied zwischen Backstage und Beckstage.

Hahne ist etwa 76, entstammt einer motorsportbegeisterten Familie, war für diverse Autokonzerne, Rennställe und Automedien tätig, gibt noch auf seine alten Tage den Online-Dienst Motor-Kritik heraus und ist so ziemlich der einzige… weiter lesen

09.06.2009 von Detlef Guertler
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Konzern-Hyäne

von Detlef Guertler

Gerade mit meiner Frau, immerhin vor einem Vierteljahrhundert Verkäuferin in der Sportabteilung von Karstadt in Nürnberg, über das endlich eintretende Ende von Arcandor gesprochen. Wir sind uns einig, dass in den nächsten Wochen und Monaten dort viele extremst hässliche und sicherlich auch ein paar kriminelle Geschichten über Ausplünderung, Absahnen, Lug und Trug, Betrug und Untreue ans Licht kommen werden – und dass dabei NICHT der jetzige Vorstandsvorsitzende im Zentrum stehen wird, bzw. anders hervorgehoben, nicht der JETZIGE.

Wie nennt man eigentlich jemand, der das ihm anvertraute Unternehmen zugunsten des eigenen Kontos und einiger Kumpels ausgehöhlt hat, der Bilanzen mutwillig verschleiert und intransparentisiert hat, den Aktienkurs nach Belieben hat steigen und fallen lassen, nur um seine Privat-Investments zu schützen und ein paar Dumme zu finden, die irgendwelche Konzernteile oder Grundstücke übernehmen? Heuschrecke ist zu brav und schon besetzt, Vampir passt schon besser, aber eigentlich sind Vampire Feinde von außen, und dieser… weiter lesen

08.06.2009 von Detlef Guertler
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lumbacken

von Detlef Guertler

Brezelbacken kennt man, auch für jegliches andere Gebäck sowie Ziegel und Tonkunst (aus Ton, nicht aus Tönen), kann ein Verb mit -backen gebildet werden. Aber lumbacken? Und das in einem Kontext, in dem es gar nicht ums Backen, sondern um die Produktion von Zeitschriften ging? Ich brauchte eine Weile, bis der Groschen fiel: Es ging um die Klebebindung, die auf Deutsch nach ihrem Erfinder Emil Lumbeck eben Lumbecken heißt. Und wenn man das aufschreiben möchte, und wenn man gewöhnt ist, dass Fachbegriffe immer aus dem Englischen kommen, und wenn man weiß, dass der Rücken auf Englisch “back” heißt, dann nennt sich ein geklebter Zeitschriftenrücken eben Lumback, und das Tätigkeitswort dazu lumbacken.

Logisch, klar. Nur eben komplett falsch. Und sicher ein großartiges Beispiel für die Feinde der Anglisierung der deutschen Sprache: Macht doch der Anglizismus im Kopf ehrbare deutsche Nachnamen kaputt. Wer weiß, vielleicht muss ich meine (selbstverständlich gelumbeckte)… weiter lesen

07.06.2009 von Detlef Guertler
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Gegenaberglaube

von Detlef Guertler

von Christian Dombrowski:

Viele glauben ja an Freitag, den 13., den Tag der Missgeschicke. Warum gibt es zu ihm kein Gegenstück – keinen Gegenaberglauben? Höchste Zeit, einen Tag einzuführen, an dem alles glückt, alles gelingt! An dem sich spielerisch alles zum Besten fügt. Ich schlage Sonntag, den Siebenten, dafür vor – einen Tag wie heute.
Man muss eben dran glauben. Sieben, die Glückszahl, ist ohnehin lang etabliert. Sie sticht unter den Zahlen ebenso hervor wie der Sonntag unter den Tagen. Denn an einem Sonntag war die Schöpfung der Welt vollendet, das Paradies eröffnet, Adam und Eva traten fröhlich aufeinander zu, von grunzenden Glücksschweinchen begleitet. Ich kenne zwar keine Bibelstelle, die das genau belegt, das mit den Schweinchen, aber ich will dran glauben.
Lieber Leser, seien Sie gewiss: Heute ist Ihr Tag! Sie sind ein Glückpilz. Heute ist Sonntag, der Siebte. Wenn Sie vors Haus treten, werden Sie ein… weiter lesen

04.06.2009 von Detlef Guertler
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Kapitalamt

von Detlef Guertler

von Wolfgang Wilhelm aus dem Allgäu:

Auf dem Weg in die Selbstständigkeit würde ich mich leichter tun, erstmal einen Konzern in die Pleite zu fahren: Dann wären Staatshilfen sicher, auch ohne ein sinnvolles Konzept vorzulegen. Da ich aber klein mit einer Buchhandlung anfangen möchte, muss ich mehr rechnen als reden.

Doch habe ich momentan den Vorteil, dass ich eine Existenz gründe und auf KfW- bzw. LfA-Kredite zurückgreifen kann. Porsche, Schaeffler & Co. sollen diese Kreditmöglichkeit nicht zu Verfügung stehen, weil sie ja kein Unternehmen gründen, für diese muss es also wohl jemand anderes richten.

Bernd Zeller, Zeichner des Pardon-Magazins, sieht schon voraus, wie wir Probleme in Deutschland wieder angehen werden, nämlich mit dem (auf dem?) Kapitalamt.

Das Bild dazu:

02.06.2009 von Detlef Guertler
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Gaumengymnastik

von Detlef Guertler

In Frankfurt ist Turnfest, internationales deutsches sogar (wie auch immer etwas gleichzeitig international und deutsch sein kann). Und weil dafür jede Menge Gäste nach Frankfurt kommen, internationale wie deutsche, gibt es auch eine Broschüre der Stadt mit Grußwort der Bürgermeisterin und allem was dazugehört: Schauen, shoppen, schlemmen. Und weil es sich um ein sportliches Event handelt, sind auch die Überschriften der einzelnen Kapitel “sportlich”: Einkaufsmarathon, kulturelle Rad-Schläge und eben Gaumengymnastik.

“Lecker und sportlich zugleich”, meint Wortistik-Leser Ingolf Hetzel, der auf dieses Wort gestoßen ist. Lecker ist Ansichtssache: “Apfelwein, Grüne Soße, Frankfurter Würstchen, Handkäs mit Musik und Rippchen mit Kraut” sind im Angebot. Und der sportliche Nährwert des Bembel-Stemmens dürfte sich ebenfalls in Grenzen halten. Aber dafür ist die Gaumengymnastik so wunderhübsch alliterierend, dass ihr zu ebensolchen Anlässen ein langes Leben beschieden sein dürfte.