Geschichtsgymnasium
von Detlef Guertler“Ich will auch auf so ein besonderes Gymnasium”, fordert Clemens. Der ist zwar mit 8 Jahren noch etwas jung dafür, sieht aber bereits Handlungsbedarf. Seine älteste Schwester Leonie ist vor zwei Jahren auf das Hochbegabtengymnasium St. Afra im sächsischen Meißen abgewandert, und seine andere Schwester Lucie geht ab nächster Woche auf die Salzmannschule, ein Sprachengymnasium im thüringischen Schnepfenthal.
Nun sind wir im Moment zwar etwas angespannt bei dem Gedanken, das dritte Kind irgendwo zwischen dem mecklenburgischen Greifswald und dem westfälischen Holzwickede unterzubringen, aber natürlich sollte dem Jungen recht sein, was den beiden Mädchen billig ist – schon gar, wenn der Vater gerade ein ganzes Buch lang dafür plädiert, jedem Kind die bestmögliche, individuell zu ihm passende Bildung zu ermöglichen.
“Was soll das denn für ein Gymnasium sein, Clemens?” – “Ein Geschichtsgymnasium natürlich.” Natürlich, was sonst. Wir Eltern schauen uns fragend an: Gibt es sowas überhaupt? Dann schauen wir fragend bei Google nach, und stellen fest: Es gibt Musikgymnasien und Sportgymnasien, Kunstgymnasien und Sprachgymnasien, Technikgymnasien und sogar Schachgymnasien – aber kein Geschichtsgymnasium.
Das bringt mir zwar jetzt ein neues Wort – aber in knapp zwei Jahren mutmaßlich ein massives Problem. Oder gibt es gerade irgendwo in der Republik eine Initiative zur Gründung eines Geschichtsgymnasiums, die zum Schuljahr 2011/12 startbereit wäre?
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„Von Zukunftsplänen, da red ich nicht oft:
das Leben, es hat seine Mucken!
gibt`s wieder was Neus – und ich hoff, daß man`s hofft –
dann lass ich es gerne drucken.“ (Eugen Roth)
Trotzdem: zwei Versuche zum Thema “Geschichte” als schulische Leitidee:
Primum consilium:
Georg Wilhelm Friedrich Hegel
Seine Rede zum Schuljahresabschluß am 29. September 1809
Zum biografischen Hintergrund:
Als Redakteur der Bamberger Zeitung erhielt Hegel 1808 Verbindung nach Nürnberg, wo er auf Vermittlung seines Freundes Niethammer ab November 1808 als “Professor der Vorbereitungswissenschaften” Rektor des „Egidiengymnasiums“ ernannt wurde.
Hegel unterrichtete dort Philosophie, Germanistik, Griechisch und höhere Mathematik.
Aus der Rede: „(…) Die hiesige Stadt hat die Wohltat einer neuen Schuleinrichtung um so lebhafter erkannt, je größer und allgemein gefühlter das Bedürfnis einer Veränderung war. (…)”
Der vollständige Text der Rede:
http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=3267&kapitel=1#gb_found
Heute heißt das altehrwürdige „Aegidianum“ “Melanchthon-Gymnasium”:
http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Logo_Melanchthon_Gymnasium_N%C3%BCrnberg.jpg
Die website der Schule meint es ‘arg’ gut mit: „SALVETE ! WELCOME ! XAIPETE ! WILLKOMMEN!“:
http://www.melanchthon-gymnasium.de
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Secundum consilium:
Joachim Heinrich Campe (29.6.1746 – 22.10.1818):
Sohn des Kaufmanns Burkhard Hilmar Campe, der seinen Adelstitel abgelegt hatte, besuchte ab 1760 als einer der ersten Schüler die „Amelungsbornsche Klosterschule“ zu Holzminden, das heutige Campe-Gymnasium). Er prägte den Begriff „Geschichtsforschung“: die „Forschung in der Geschichte und das Forschungsergebnis und stellte fest den „Reichthum an ganz neuen Geschichtsforschungen“.
Das Gymnasium präsentiert sich hier:
http://cgh.hch-ws.de
Campe…? – Als Sprachpurist? Na, als Sprachkritiker, der cirka 300 Verdeutschungen fand für Fremd- oder Lehnwörter, die sich durchsetzten.
Für das Wort „Chaos“ schlug er „Wust“ vor – ein Wort, das es aber schon in vielerlei Bedeutung im Barock gab:
„Wo dieses Freiheit ist, frei tun nach aller Lust,
so sind ein freies Volk die Säu’ in ihrem Wust. (Von Friedrich Freiherr von Logau)
Vgl. die unvollständige Wortliste:
http://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Heinrich_Campe
Folgende satirischen Neubildungen aber fanden keinen Eingang in die Alltagssprache:
Zwangsgläubiger (für Katholik), Freigläubiger (für Protestant), Heiltümelei (anstelle Reliquie) oder Menschenschlachter (für Soldat).
Campe – ein kritischer Sprachforscher!
Er war der Onkel von Julius Campe (dem der Exilant Heine alles verdankte…) und von Friedrich Campe.
Postscriptum?
Nachschrift mit Nachsicht: („Sit venia verbo“: Das Wort finde Nachsicht):
Froscheln, pardon: forschen lernen kann man in jeder Schule. Häufig gegen den ermüdenden Widerstand von Lehrern, die sich Pädagogen nennen, zumeist den (zu alten oder zu jungen) Latein-Lehrern.
Ergo:
“Gerasko d’aiei polla didaskomenos”: «Ich werde alt und lerne stets noch vieles hinzu.“ (Solon in den „Elegien“; das müsste hier eigentlich auf Griechisch stehen: „Γερασκο αει διδασκομενος.“ – Häufig wird es Aristoteles zugeschrieben; … auch eine Geschichtsaufgabe, ein philologischer Forschungsanlass.)
F o r t e s F o r t u n a adiuvat!
Clemens kenne ich ja leider nicht persönlich. Aber die Spuren, die er seit wenigen Jahren hier in der Wortistik hinterlässt, weisen auf ein ungewöhnlich sprachkluges kleines Wesen hin.
@Christian Dombroski: Wenn es zufällig bei Ihnen in der Gegend ein Geschichtsgymnasium gäbe, kämen wir sicherlich gerne mal vorbei, um uns das anzuschauen…
@ASR: Danke für die Tipps. Das Melanchthon-Gymnasium in Nürnberg entspricht sicherlich sehr gut dem, was man hierzulande am ehesten als Geschichtsgymnasium bezeichnen könnte – humanistisch eben.
Clemens stellt sich das allerdings etwas anders vor: Eher so etwas wie einen irgendwie normalen Lehrplan, und dann zusätzlich noch ein paar Geschichtsfächer obendrauf: griechische Geschichte, römische Geschichte, ägyptische Geschichte, und vielleicht auch noch ein oder zwei modernere Geschichten dazu. Und da sieht es in Deutschland offenbar nicht gut aus.