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Beiträge von September 2009

30.09.2009

Supperminister

von Detlef Guertler

“Warum wird Westerwelle eigentlich nicht Superminister?” fragt heute die Bild-Zeitung, die offensichtlich selbst auf diese Idee gekommen ist und ein paar Nicht-Politiker gefunden hat, die das auch so sehen. Allein schon, weil sie sehen wollen, dass Westerwelle sich Feinde macht, sich aufreibt, auch mal Nerven lässt und nicht nur kostet.

Genau aus diesem Grund will Westerwelle das natürlich nicht machen. Da kauft er sich lieber noch ein p und wird Supperminister im Auswärtigen Amt – der natürlich viel mehr zu sagen hat als ein Frühstücksdirektor, weil ein Supper viel wichtiger und kalorienreicher ist als ein Breakfast.

28.09.2009

Aktendulli

von Detlef Guertler

Wenn Sie dieses Wort nicht kennen, sind Sie entweder Analphabet oder Wessi. Ich bin letzteres, und gerade trotz mehrerer Jahre Ost-Erfahrung (und mehrerer Kinder auf ostdeutschen Schulen) das erste Mal über dieses Wort gestolpert. Man könnte es jetzt als Ossi-Wort in die Broiler-und Toni-Ecke abschieben – aber damit würden wir Paul Richard Carl Kohl furchtbar Unrecht tun, der jenes aus dem Büroalltag nicht mehr wegzudenkende Utensil im Jahr 1939 in Chemnitz erfand.

Berechtigter Chemnitzer Lokalstolz führte im Laufe der Jahre zur Ausbreitung des Wortes über das ganze Land. Von der Oder bis zum Brocken, vom Kreidefelsen bis zum Erzgebirge sprach und schrieb man vom Aktendulli, auch kurz: Dulli. Wäre Deutschland damals nicht geteilt worden, hätte die Ausbreitung sicherlich auch das ganze größere Land umfasst. Und heute würde man auch an Rhein und Ruhr, auf Sylt und auf der Zugspitze vom Aktendulli reden und ihm Kränze zum 70. Geburtstag winden.

Doch vom 10. bis zum 51. Geburtstag des Aktendullis gab es die DDR, und nur in ihr war er bekannt – und mit ihrem Dahinscheiden schien auch sein Schicksal besiegelt: Trockene, bürokratieatmende Synonyme aus westdeutschen Amtsstuben übernahmen das Kommando. Und dabei konnte der Aktendulli nun wirklich nichts zur deutschen Teilung. Er hatte auch nie etwas mit der DDR am Hut. Soll jetzt dieses Wort zum unschuldigen Opfer der deutschen Einheit werden? Ich sage: nein! Und sage Ja zum Aktendulli. Sagen Sie mit.

27.09.2009

Bundestagswortwahl

von Detlef Guertler

Nach Bundestagswahlen gibt es manchmal eine neue Mehrheit oder gar einen neuen Kanzler – letzteres bisher allerdings erst dreimal, nämlich 1969, 1998 und 2005. Und hin und wieder auch ein neues Wort, so wie vor vier Jahren die Jamaika-Koalition.

Vielleicht ja auch dieses Mal; nachdem der Wahlkampf schon keine Überraschungen bot, hat das Wahlergebnis durchaus das Zeug dazu. Und weil Überraschungen nach neuen Begriffen suchen, auf die sie gebracht werden können, wird ab heute nachmittag, wenn die Polit- und Presseprofis die ersten Trendmeldung bekommen, die Suche nicht nur nach der richtigen Mehrheit bzw. der richtigen Ausrede, sondern auch nach eben jenem richtigen Wort beginnen.

Ein paar Kandidaten stelle ich hiermit bereits zur Wahl. Geben Sie Ihre Stimme ab oder Ihren Senf dazu (via Kommentar), stellen Sie weitere Kandidaten auf oder lassen Sie sich einfach inspirieren. Sollte einer meiner (oder Ihrer) Kandidaten am heutigen Wahlabend den Durchbruch in den gesellschaftlichen Diskurs schaffen, werde ich ihn selbstverständlich heute noch mit einem Blog-Beitrag unter seinem eigenen Namen ehren.

1. Überhang-Koalition: Kommt zustande, wenn eine Parteiengruppe nur durch Überhangmandate zu einer Stimmenmehrheit im Bundestag kommt. Ist diesmal nach den Prognosen rechnerisch für Schwarz-Gelb denkbar und wäre juristisch korrekt. Käme auf diese Weise allerdings eine Regierung zustande, die weniger Stimmen bekommen hat als die gesammelten Oppositionsparteien, wäre das politisch zumindest anrüchig – Überhang-Koalition wäre der etwas abwertende Begriff dafür.

2. Erpattung: Wenn es zu einem Patt zwischen Schwarz-Gelb und Rot-Rot-Grün kommt, und eine Mitte-Rechts- bzw. Mitte-Links-Koalition nur daran scheitert, dass FDP und Grüne sich zu fein dafür sind, kann eine Erpattung der deutschen Parteienlandschaft konstatiert werden. Eine große Koalition wäre dann das kleinste, weil einzig verbleibende Übel. Wer aber schon erpattet in den Ring geht, wird kaum die volle Distanz von vier Jahren durchhalten.

3. Entmerkelung: Jedes Zweitstimmenergebnis unter den 35,2 Prozent der vergangenen Bundestagswahl wird als persönliche Niederlage von Angela Merkel gewertet werden und in der CDU die Machtfrage aufwerfen. Reicht es trotzdem für Schwarz-Gelb, dürfte aufbrodelnder Unmut noch einmal gedämpft werden können – da gäbe es schließlich ein paar mehr Posten an die Schwarzen zu verteilen. Eine Neuauflage von Schwarz-Rot mit einer CDU unter Vorwahlergebnis dürfte aber den Anfang vom Ende der Ära Merkel bedeuten. Spätestens in zwei Jahren wäre das Kanzleramt dann entmerkelt.

4. Piratisierung: Ist nicht nur zu konstatieren, wenn die Piratenpartei 1,5 Prozent oder mehr schafft (das war das Ergebnis der Grünen bei ihrem ersten Antreten 1980), sondern kann auch darüber hinaus als Begriff für die Oppositionsarbeit der einst kleinen, jetzt vermutlich deutlich größeren Parteien verwendet werden: die ganze Zeit auf der faulen Haut liegen, keine ernstzunehmenden Alternativen zur Regierungsarbeit anbieten, sondern nur große Töne spucken, und sich am Ende den schwer schuftenden Großparteien die Früchte ihrer Arbeit entreißen. Ein bisschen unappetitlich, aber verständlich: Würden FDP, Grüne oder Linkspartei den Bürgern klar machen, was sie eigentlich verändern wollen, würden sie natürlich nicht mehr gewählt.

24.09.2009

Generation Golf plus

von Detlef Guertler

von polyphem:

Heute war ich mal wieder per PKW in deutschen Großstädten unterwegs und habe nach über 2 Mio. Kilometern, die ich in meiner Laufbahn auf der Fahrbahn als Selbstfahrer bisher zurückgelegt habe, etwas festgestellt.

Es ist nicht mehr die “Generation Golf”, die da unterwegs ist. Nein, es ist die “Generation Golf plus”. Gerontologie auf vier Rädern. Motorisierte Rolatoren.

Ent-nervt und ent-kräftet grüßt Polyphem.
(Zum Glück weiß Niemand, wie alt ich bin)

23.09.2009

Unwahlkampf

von Detlef Guertler

In der Wortwarte entdeckt, wo als Fundstelle ein Leserkommentar vom 14. September auf der Zeit-Homepage angegeben wurde. Der allerdings kam einige Tage später als die offensichtliche erste Verwendung dieses Wortes, nämlich in einem Artikel von Christian Schüle im Rheinischen Merkur. “Der Unwahlkampf 09 ist das Sinnbild einer entspiritualisierten, enttraditionalisierten Gesellschaft”, schreibt Schüle dort unter anderem. Was im Umkehrschluss bedeuten müsste, dass unsere Gesellschaft vor kurzem noch spirituell und traditionell war, weil bislang kein Bundestagswahlkampf jemals als Unwahlkampf bezeichnet wurde.

Ich würde da eher Wolfgang Münchau folgen, der in der FTD die aktuelle Nicht-Auseinandersetzung als Zwischenstation auf dem Weg zur Etablierung eines Fünfparteiensystems sieht, in dem dann jeder mit jedem koalieren können müsste, was im Fall einer Schwarz-Gelb-Regierung im Jahr 2013 erreicht wäre, im Fall einer Neuauflage von Schwarz-Rot schon ein bis zwei Jahre früher, weil die diesmal keine ganzen vier Jahre halten dürfte. Dann würde der Unwahlkampf von heute schon bald wieder hitzigen Gefechten weichen.

Aber das kann man jetzt auch noch die paar Tage bis zur Wahl abwarten. Denn die wird ja trotz Unwahlkampf keine Unwahlergebnisse bringen.

21.09.2009

Schuldenschlucht

von Detlef Guertler

Von bschl:

Heute habe ich mich über den Spiegel gefreut, der in seinem Titelbeitrag das Wort “Schuldenschlucht” verwendet.

Google findet “Schuldenschlucht” ganze 5 mal, wir können also getrost von einem Neuwort sprechen.

Ich mag “Schuldenschlucht”, weil es a) so schön alliterativ und b) so plastisch ist.

An einer Schlucht stehen wir, blicken und stürzen in sie. Die Schlucht kann klaffen, und Kräfte mögen sie reißen.

“Schuldenschlucht” ist viel schöner als die vor einigen Jahren aufgekommenen Haushalts- oder Finanzlöcher…

21.09.2009

Breilibü

von Detlef Guertler

In der Studentenvertretung irgendeiner der vielen Berliner Unis gibt es das schon länger: ein “Breites linkes Bündnis”, offiziell Breilibü abgekürzt. Ralf Fücks von der Böll-Stiftung hat es vor anderthalb Jahren schon mal für den Bund gefordert und macht es jetzt wieder im stiftungseigenen Wahlblog (an dem ich auch mitschreibe).

So wie die Illnersche Tigerentenkoalition (mit grünen Rädern untendran) für Schwarz-Gelb ist auch Breilibü für Rot-Rot-Grün eine etwas infantilisierende Wortschöpfung, die der harten Politik einen weichen Spiel-Charakter geben soll. Das ist Ausfluss einer Epoche, in der scheinbar die Wirtschaft alles bestimmte und die Politik nur ein bisschen kaspern konnte bzw. musste. Diese Epoche ist zwar bereits vorbei, aber das politische Personal hat es noch nicht so richtig begriffen (das ökonomisch übrigens auch nicht). Okay, dann werden eben erst die nächsten Wahlen bitterer Ernst, mit Tiger- und Volksfrontkoalitionen.

19.09.2009

churchillen

von Detlef Guertler

Wer gechillt ist, ist cool, meinen meine Töchter. Und wer gechurchillt ist, ist auch dann cool, wenn`s heiß
ist, meint mein Kollege Alain Egli vom GDI Gottlieb Duttweiler Institute in der gerade erschienenen Ausgabe der von mir chefredigierten Zeitschrift GDI Impuls. Ein kleiner Auszug:

Wins­ton Churchill ließ sich als britischer Premier­minister im Krieg auch von widrigsten Verhält­nissen nicht unterkriegen – und siegte. Diese sogenannte Resilienz zeichnet gerade in Krisen­zeiten die überlebensfähigsten und ­-willigsten Unternehmen aus. Doch Resilienz gibt es jetzt auch schon im Regal: «Survival Stores» bieten alles Notwendige fürs Churchillen: günstige Le­bensmittel, haltbare Kleidung und Fahrrad statt Auto.

In der älteren Generation mag es durchaus Vorbehalte dagegen geben, dem Ex-Kriegsgegner Churchill ein eigenes Verb in der deutschen Sprache zu verehren. Aber es gibt nun mal niemand, der so wie er die Tugenden des Durchhaltevermögens verkörpert (ohne allzusehr in die Untugenden des Starrsinns zu verfallen). Und möglicherweise finden die Jüngeren das Neuverb ja ganz schön gechillt.

18.09.2009

denkeln

von Detlef Guertler

von Christian Dombrowski:

Die meisten Verben auf –eln zeigen Bewegung an, Bewegung auf kleinem Raum. Wer „wandelt“, macht eher kurze Schritte als lange, wer „rodelt“, fährt bloß Hügelchen herunter, wer „würfelt“, „schaufelt“, sich „prügelt“, „kegelt“, „wedelt“, „hechelt“ oder sich Luft zu“fächelt“, tut das stets mit Bewegungen, die nicht ausladend sind und die sich meist wiederholen. – Die Endung –eln geht generell dahin, den Verben das Großräumig-Ernsthafte zu nehmen, ähnlich wie die Endung –erl das im bayrisch-österreichischen Sprachraum bei Substantiven tut: Man denke an „Hunderl“, „Schmankerl“, „Tascherl“ oder „Tschapperl“ (Hitlers Kosewort für Eva Braun). Wer „blödelt“, „schwindelt“, sich hin“flegelt“, „jodelt“ oder sich „räkelt“, ist nicht ganz für voll zu nehmen – und so weiter. Deswegen tragen auch viele Verben der erotischen Annäherung, bei der das spielerische Element mit einer – nun ja: Bewegung auf kleinem Raum zusammenfällt, eben diese Markierung: lächeln, busseln, schnäbeln, tändeln, streicheln, füßeln, kuscheln, vögeln … Et cetera!

Aus dieser Quelle lassen sich viele Neuworte schöpfen. „Sucheln“ wäre also gewissermaßen ein Suchen im Diminutiv – ein Suchen, das nur obenhin geschieht, nicht mit Ernsthaftigkeit. Wer „zörnelt“, ist nicht richtig böse. Oder: Eine Szene in Tucholskys „Schloß Gripsholm“ spielt im Zug, da heißt es: „Wir fuhren. Die Prinzessin schlief. Ich denkelte so vor mich hin.“ Man merkt sogleich: Dies „Denkeln“ ist nicht eben ein Ringen um Erkenntnis, eher ein die Seele Baumeln lassen…

Übrigens: „Googeln“ steht außerhalb dieses Sprachzusammenhangs. Es lässt sich auf ein englisches Kunstwort zurückführen (ein „Googol“ war in der Vorstellung des kindlichen Mathematikers Milton Sirotta eine riesengroße Zahl), womöglich sogar auf einen Rechtschreibefehler, die Quellen sagen da Unterschiedliches. Wir können uns – verkindelt, wie wir nun einmal sind –bestimmt noch viele neue Verben auf –eln ausdenken. Die werden aber vermutlich meist in die Sphäre des Kleinräumig-Unernsten fallen, so wie die Verben, die es schon gibt.

verkindelt = auf eine albern-fröhliche Weise kindisch

sucheln = ein Suchen, das nur obenhin geschieht und nicht mit Ernsthaftigkeit betrieben wird

zörneln = zürnen, aber nur ein bisschen

denkeln = die Gedanken spielen lassen, ohne Anstrengung und Anspruch

17.09.2009

Wertschöpfungswandel

von Detlef Guertler

Sieht so aus, als hätte es das schon immer gegeben – und zwar sowohl das Wort als auch das, was es bezeichnet. Komischerweise findet Google nur 44 Treffer dafür. Vielleicht bald noch ein paar mehr, denn in der heute erscheinenden neuen Ausgabe der von mir chefredigierten Zeitschrift GDI Impuls steht dieser Begriff auf dem Cover.

Wertschöpfungswandel, das ist mehr als der klassische Strukturwandel, mit dem ja jedes Unternehmen in jeder Branche und zu jeder Zeit zu kämpfen hat. Beim Wertschöpfungswandel kann es einem passieren, wie zuletzt der Musikindustrie im Besonderen und derzeit den Medienkonzernen im Allgemeinen, dass ganze Abschnitte der Wertschöpfungskette als Erlösquelle ausfallen, und dafür an anderen Stellen neue Refinanzierungschancen entstehen: Wenn die Kiddies Musik nur noch kostenlos runterladen, aber dafür ihr letztes Hemd opfern, um eine Konzertkarte zu kaufen, kann ein Musik-Konzern nur verlieren, wenn er sein Geschäft darin sieht, Töne auf Tonträger zu applizieren und diese zu verkaufen. Wenn er den Wertschöpfungswandel begreift und sich zusätzlich als Konzertveranstalter positioniert, hat er hingegen eine gute Überlebenschance.

In vielen Branchen glauben die Manager übrigens heute noch, dass sie von einem solchen Wertschöpfungswandel gar nicht betroffen sein können – aber die meisten von ihnen stecken schon mittendrin.