Zuweisermarketing

von Detlef Guertler

Plötzliches Schaudern: Krankenhäuser bezahlen Fangprämien an Ärzte, die ihnen Patienten überweisen! Krankenhauslobbyisten meinen, es handle sich um Einzelfälle – dabei handelt es sich tatsächlich allenfalls um Auswüchse eines seit der jüngsten Gesundheitsreform florierenden Systems. Denn seither werden Krankenhäuser von den Kassen nicht mehr entsprechend ihrer Kosten bezahlt (das war eine Einladung zum unwirtschaftlichen Wirtschaften), sondern nach Fallpauschalen: Ein Blinddarm ist ein Blinddarm und wird honoriert wie ein Blinddarm.

Die Konsequenz: Eine Klinik, die überleben will, braucht Fälle. Und da sich diese Fälle in den seltensten Fällen unaufgefordert in der Aufnahme melden, müssen sie von irgendwoher kommen, in der Regel vom behandelnden Arzt. Und deshalb müssen Kliniken “Zuweisermarketing” betreiben.

Dazu gibt es schon längst dicke Bücher. Ein kleiner Auszug aus dem Vorwort zu Zuweisermarketing mit sektorenübergreifender Kommunikation:

Der Erfolg eines modernen Krankenhauses entsteht heute nicht mehr allein durch perfekte Leistungen am Patienten im stationären Bereich, sondern auch bei der strategischen Lenkung, Dosierung und Veredelung der Patientenströme im Klinikvorfeld, sowie beim Schnittstellen-Management der Patientenübergabe zwischen ambulantem und stationärem Bereich. Im Mittelpunkt stehen deshalb suffiziente Bemühungen des Krankenhauses, durch gezielte Maßnahmen die Zufriedenheit der einweisenden Ärzte zu erhöhen. Gelingt es nicht, das Augenmerk auf die Zielgruppe der niedergelassenen Ärzte zu lenken, ist die Zukunftsplanung des Krankenhauses von Unsicherheit geprägt. Um dieser Unsicherheit zu begegnen, ist die Entwicklung eines Marketingkonzeptes eine wichtige Voraussetzung für die optimale Beziehung zwischen den einweisenden Ärzten einer Region und der stationären Einrichtung.

Schnittstellen-Management der Patientenübergabe.
Veredelung der Patientenströme.

Auch die direkte Honorierung des Arztes durch das Krankenhaus wurde schon 2003 im Deutschen Ärzteblatt thematisiert:

Infolge der Abrechnung nach Fallpauschalen im stationären Sektor werden künftig immer mehr Tätigkeiten in den ambulanten Bereich verschoben, weil sich die Liegezeiten in den Kliniken verringern. Hier ist die Vergütungsfrage nicht geklärt. Eine Beteiligung der niedergelassenen Ärzte an der Fallpauschale ist folgerichtig und den Krankenhäusern auch deshalb anzuraten, damit sie haftungsrechtlich auf der sicheren Seite sind.

Für die Beteiligten handelt es sich offensichtlich um ein komplexes Thema der effizienten oder suffizienten Steuerung von Geld- und Patientenströmen, das eine logische Konsequenz der ökonomisierenden Gesundheitsreform ist. Und wie so oft, wenn komplizierte Begriffe dicht aneinandergereiht werden, versteckt sich dahinter eine einfache Wahrheit. Ex-Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer bringt es im (auch von mir mitbestückten) Wahlblog der Heinrich-Böll-Stiftung auf den kleinstmöglichen Punkt:

Fangprämien? Wir haben zu viele Krankenhäuser.


4 Kommentare zu "Zuweisermarketing"

  1. Patientenveredelung, brrr!
    Aber dass wir zu viele Krankenhäuser haben, kann ich aus meiner Erfahrung sogar für das Ballungszentrum Berlin nicht bestätigen – bei nicht akuten Operationen (sagenwirmal Arthroskopie des Knies …) beträgt die Wartezeit für Patienten recht einheitlich mehrere Monate (zumindest für Kassenpatienten, bei Privatpatienten sieht es anders aus). Das dürfte in einem Markt mit Überangebot eigentlich nicht sein. Auch mehrstündige Wartezeiten in der Notaufnahme (meine letzte im UKBF, mit meiner Mutter: 6 Stunden trotz Einlieferung mit der Feuerwehr) dürfte es bei einem Überangebot nicht geben; da müssten die Ärzte eigentlich schon auf die Patienten warten.

  2. “Medicus curat, natura sanat .”

    - gemäß den Investitionen, die der Arzt mit seinem Einkommen, mit den öffentlichen Kampagnen und Streiks und anderen Tricks (z. B. dem Verkauf des Wochenend- und Feiertagsnotdienstes an Kolleglen gegen Schwer-Bares…) wieder reinspielen will.

  3. Unser Gesundheitssystem ist krank und wird angeblich durch Reformen kuriert. Von Reform zu Reform zeigen sich jedoch neue Verfallssymptome. Die Findigkeit der Ärzte und der Pharmaindustrie, nach jeder Reform das Hintertürchen zu finden, durch das man aus dem Vollen schöpfen kann, ist phänomenal. Das spricht nicht für die Autoren der Reformen.

    Das wird sich wohl erst ändern, wenn der/die Patient/in endlich Einblick in die Abrechnungen der Ärzte erhält und das System so strukturiert wird, dass er/sie ein Interesse daran hat, dass seine/ihre Versicherung nicht geplündert wird, weil er/sie das schließlich über die Beiträge finanzieren muss. Diese Einsicht ist leider nicht sehr verbreitet. Wenn ich so argumentiere, höre ich des Öfteren, dass man sich das dann eben in irgend einer Weise wieder “herausholt”, wo man andernfalls die Kasse nicht in Anspruch genommen hätte.

  4. Wie es im Land eurer “Besatzungmacht” vorgeht: Eine 2 Millionen Stadt in Texas – wer kein Geld hat oder keine Versicherung (48 Millionen in USA sollen keine Krankenversicherung haben) – der muss immer in das “public hospital” ziehen – also das “University Hospital” – die durchschnittliche Wartezeit fuer “walk-ins” (also nicht angeliefert von dem Notdienst) – ist 24 (vierundzwanzig) Stunden. Im Veterans Hospital fuer Veteranen welche dienstverbundene Gebrechen haben – ist die Wartezeit mindest 16 (sechszehn) Stunden. Im Staatkrankenhaus fuer Geisteskranke wird eine Krankenschwester zum Krueppel geschlagen weil – “no safety in number” keine anderen Angestellten helfen konnten – aus Personalmangel ( aber die US Streikraefte werden jetzt um 60,00 erhoeht – in in der selben Stadt entsteht ein neues riesiges US Militaer Medizin Zentrum fuer $ 4 Millarden und 9,000 Angestellten.)

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