http://blogs.taz.de/wortistik/files/2018/01/Bildschirmfoto-2018-01-17-um-19.11.19.png

vonDetlef Guertler 18.09.2009

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

Mehr über diesen Blog

von Christian Dombrowski:

Die meisten Verben auf –eln zeigen Bewegung an, Bewegung auf kleinem Raum. Wer „wandelt“, macht eher kurze Schritte als lange, wer „rodelt“, fährt bloß Hügelchen herunter, wer „würfelt“, „schaufelt“, sich „prügelt“, „kegelt“, „wedelt“, „hechelt“ oder sich Luft zu“fächelt“, tut das stets mit Bewegungen, die nicht ausladend sind und die sich meist wiederholen. – Die Endung –eln geht generell dahin, den Verben das Großräumig-Ernsthafte zu nehmen, ähnlich wie die Endung –erl das im bayrisch-österreichischen Sprachraum bei Substantiven tut: Man denke an „Hunderl“, „Schmankerl“, „Tascherl“ oder „Tschapperl“ (Hitlers Kosewort für Eva Braun). Wer „blödelt“, „schwindelt“, sich hin“flegelt“, „jodelt“ oder sich „räkelt“, ist nicht ganz für voll zu nehmen – und so weiter. Deswegen tragen auch viele Verben der erotischen Annäherung, bei der das spielerische Element mit einer – nun ja: Bewegung auf kleinem Raum zusammenfällt, eben diese Markierung: lächeln, busseln, schnäbeln, tändeln, streicheln, füßeln, kuscheln, vögeln … Et cetera!

Aus dieser Quelle lassen sich viele Neuworte schöpfen. „Sucheln“ wäre also gewissermaßen ein Suchen im Diminutiv – ein Suchen, das nur obenhin geschieht, nicht mit Ernsthaftigkeit. Wer „zörnelt“, ist nicht richtig böse. Oder: Eine Szene in Tucholskys „Schloß Gripsholm“ spielt im Zug, da heißt es: „Wir fuhren. Die Prinzessin schlief. Ich denkelte so vor mich hin.“ Man merkt sogleich: Dies „Denkeln“ ist nicht eben ein Ringen um Erkenntnis, eher ein die Seele Baumeln lassen…

Übrigens: „Googeln“ steht außerhalb dieses Sprachzusammenhangs. Es lässt sich auf ein englisches Kunstwort zurückführen (ein „Googol“ war in der Vorstellung des kindlichen Mathematikers Milton Sirotta eine riesengroße Zahl), womöglich sogar auf einen Rechtschreibefehler, die Quellen sagen da Unterschiedliches. Wir können uns – verkindelt, wie wir nun einmal sind –bestimmt noch viele neue Verben auf –eln ausdenken. Die werden aber vermutlich meist in die Sphäre des Kleinräumig-Unernsten fallen, so wie die Verben, die es schon gibt.

verkindelt = auf eine albern-fröhliche Weise kindisch

sucheln = ein Suchen, das nur obenhin geschieht und nicht mit Ernsthaftigkeit betrieben wird

zörneln = zürnen, aber nur ein bisschen

denkeln = die Gedanken spielen lassen, ohne Anstrengung und Anspruch

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/wortistik/2009/09/18/denkeln/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • @ polyphem: Ihren Smiley weiß ich zu schätzen, werter Zyklop. Wären Sie nicht der Ältere, würde ich Ihnen jetzt das Du anbieten …
    @ Christa: „Lädeln“ ist hübsch. Man sieht gleich die bunten Straßen und Läden vor dem inneren Auge. Das geschieht beim Wort „shoppen“ nicht. „Shoppen“ ist viel nüchterner, – Gibt es sonst noch Vorschläge und Neuentdeckungen auf -eln? Ge- oder Erfundenes?

  • Meine schweizer Schwägerin geht lädeln (lädala), wenn sie ein bißchen einkaufen geht, also bummeln und Schaufenster gucken zusammen. Man kann es auch shoppen nennen.

  • Lächeln als „Erotische Annäherung mit Bewegung auf kleinem Raum. .“
    gefällt mir, werter C.D. Da bekommen Sie von mir jetzt ein „long-distance-smile.“ 🙂
    Grips-Holm. Wie der Name schon sagt, hat das was mit denkeln zu tun.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.