31.10.2009 von Detlef Guertler
von Christian Dombrowski:
„Stubenkino“ wäre ein neues Wort für Fernsehen. Denn Fernsehen ist Kino und Feuer.
Das Urkino leuchtet darin, das alte Lagerfeuer, das unseren Vorfahren Licht und Wärme, Orientierung, Geborgenheit, Schutz und Zuhause schenkte. Tiere fürchten das Feuer, Menschen finden es anziehend; sie versammeln sich um den Ort eines Brandes. Im Schein des Feuers haben sie einander immer schon Geschichten erzählt: von Tieren und Göttern, Jagd und Freundschaft, von Liebe und Schicksal. War es nicht beinahe so, als könnte das Feuer selber sprechen?
Es durfte nie ausgehen, es flackert bis heute; es übt seine urtümliche Faszination.
Stubenkino = Fernsehen
Urkino = Lagerfeuer
27.10.2009 von Detlef Guertler
“Wie lange das noch gehe, dass sich der größenbewusste Chef einer auflagengefährdeten Boulevardzeitung auf Kosten der taz profiliere”, lässt Hans-Jürgen Jakobs bei der Online-Süddeutschen einen imaginierten taz-Genossen fragen.
Das muss natürlich erfunden sein. Sowohl der taz als auch der Republik kann ja nichts besseres passieren, als dass sich eine echte Bild-taz-Kontroverse entspinnt. Masse gegen Klasse, Bauch gegen Kopf, Rechts gegen Links, Goliath gegen David, Größenbewusstsein gegen Sendungsbewusstsein, das sind ja alles Konflikte, die uns weder Politik noch Öffentlichkeit noch zu bieten haben. Wenn heute wahrhaft große Schlachten geschlagen werden, dann eben nicht mehr im Parlament oder auf der Straße, sondern nur noch entlang einer Straße - der Rudi-Dutschke-Straße nämlich, die so traulich die Hauptquartiere der Kontrahenten verbindet.
Zwar kann ich als externer taz-Blogger mit Blick aufs Mittelmeer statt auf den Klassenfeind keine jener “(vermeintlichen) Insiderinformationen aus der taz-Redaktion” beisteuern, die sich Kai Diekmann in seinem neuen Blog herbeiwünscht, aber immerhin kann ich den… weiter lesen
27.10.2009 von Detlef Guertler
Ein hübsches Wort, das FTD-Chefvolkswirt Thomas Fricke da erfunden hat:
Es kann natürlich sein, dass uns durch die Wahl (Guido Westerwelles) die Augen geöffnet wurden und Deutschland zum Abbruch bereit ist. Könnte aber auch sein, dass sich manch einer in Zweckalarmismus verliert, nur weil gerade eine neue Regierung kommt. Kein Spaß. Nachher wird wieder heillos an Dingen herumreformiert, die nicht das Problem sind. Höchste Zeit, den Politeifer auszuschalten und nachzusehen, wo die Krise eigentlich herkommt.
Zweckalarmismus ist hervorragend geeignet zur Beschreibung der Tätigkeit jedweder Lobby, die ja niemals ein “Verweile doch, du bist so schön!” von sich geben darf, sondern immer auf jene Katastrophen hinweisen muss, die drohen, wenn irgendeine Subvention oder sonstige Vergünstigung gestrichen bzw. nicht gewährt wird. Ich wäre froh gewesen, auf dieses Wort selbst gekommen zu sein, als ich das Jammern zur volkswirtschaftlich wertvollen Kernkompetenz Deutschland erhob, 2003 in meinem Buch Vorbild Deutschland (weiter lesen
26.10.2009 von Detlef Guertler
Ein Überraschungskabinett wollen manche Journalisten in den vergangenen Tagen ausgemacht haben. Nun ja, hüstel, da muss jemand ja sehr leicht zu überraschen sein – oder eben verzweifelt nach einer Überschrift gesucht haben. Gehört in die Rubrik Eintagswörter, und die hamwa hier nich.
Den Überraschungsstaat hingegen, den die Blog-Kollegen von Schröder & Kalender gefunden haben, den würde ich mir als ständige Einrichtung wünschen. Täglich eine gute Tat ist das Motto der Pfadfinder, täglich eine neue Überraschung wäre ein hübsches Motto für die neue Regierung. Wie wär`s?
24.10.2009 von Detlef Guertler
Gerade mal ein bisschen im bitfrischen Koalitionsvertrag gescrollt (pdf), vielleicht kommen ja später noch weitere Neuwortanregungen dazu. Aber fangen wir an mit Seite 58 und den letzten beiden Sätzen des Bildungskapitels:
Wir wollen Deutschland zum Exportweltmeister von Bildungsangeboten machen und die Vermarktung gezielt fördern. Bildung und Forschung werden zu einem Schwerpunkt in der Zusammenarbeit mit den Schwellen- und Entwicklungsländern.
Ich bin noch ein bisschen unschlüssig, was ich mir unter diesem Bildungsangebotsexport so genau vorstellen soll: Deutsche Berufsschulen von Santiago bis Senegal? Die Gründung von Fraunhofer-Instituten in aller Welt (nur in islamischen Ländern werden sie natürlich Herrnhofer-Institute genannt)? Pensionierte Lateinlehrer versorgen die Welt mit humanistischer Bildung? Frühpensionierte Marxismus-Leninismus-Lehrer versorgen die Welt mit antihumanistischer Bildung?
Nur dass die derzeit aktiven Lehrer just dann, wenn hier der Lehrermangel ausbricht, regimentsweise nach China und Brasilien ausgeflogen werden, kann doch wohl nicht wirklich der Plan sein – mit wem sollte Angela Merkel denn… weiter lesen
24.10.2009 von Detlef Guertler
von Christian Dombrowski:
Die Bezeichnungen der Tageszeiten lassen sich allesamt zu Temporaladverbien umfunktionieren; man muss nur ein –s anfügen: „morgens“, „mittags“, „nachmittags“, „(feier)abends“, „tags“ und „nachts“. Nämliches gilt für die Wochentage: „montags“, „dienstags“, „donnerstags“ etc., auch die Wendung „sonn- und feiertags“ ist geläufig. „Wochenends“ aber kennt der Duden nicht. Dabei wäre es so ein praktisches Wort!
wochenends = am Wochenende, jedes Wochenende
23.10.2009 von Detlef Guertler
“Grrrr!!! Nicht dieses Wort!”, schnaubt Sie, deren Name hier nicht genannt werden darf, durch die Leitung. Seit jetzt schon viel zu vielen Wochen, ach, Monaten, sitzt sie an einem Projekt, das schon längst hätte beendet sein müssen – aber bringen Sie mal ein neues Projekt durch alle Abstimmungsschleifen eines Großkonzerns! “Du meinst deinen…” beginne ich meinen Satz, natürlich ohne jede Hinterhältigkeit, aber sie lässt mich nicht ausreden: “Im Harry-Potter-Internat Hogwarts gibt es ein Wort, das auf keinen Fall ausgesprochen werden darf, weil sonst furchtbare Katastrophen passieren: VOLDEMORT. Und bei mir gibt es jetzt auch ein solches Wort, mein VOLDEWORT sozusagen. Also schweig, wenn dir dein Leben lieb ist!”
Ist es. Also akzeptiere ich ihr Voldewort – und erweise dieser Neuschöpfung hiermit die Ehre, die ihr gebührt.
21.10.2009 von Detlef Guertler
Hat es sich doch gelohnt, mit ein paar Tagen Abstand noch einmal die uninspirierte und uninspirierende Knüwer-Kritik an der G+J-Neuerscheinung “Business Punk” zu sichten.
Aber dafür ein hübscher Satz in einer gestrigen Replik von Hans Stuhl:
Ein Hingucker mag es sein, ein Durchleser vielleicht weniger.
Denn das gefällt mir ausnehmend gut. Dieses Wort trifft genau das, was ich mir von Journalisten wünsche (von mir auch übrigens): Sie sollen keine Hingucker produzieren – sondern Durchleser. Sie sollen Texte schreiben, die länger als ein paar Zehntelsekunden die Aufmerksamkeit des Lesers fesseln. Nämlich von der ersten bis zur letzten Zeile. Okay, das mag nicht immer klappen; aber es sollte immer der Anspruch sein.
Und bei Zeitungen, Zeitschriften und anderen journalistischen Produkten sollte der Durchleser zumindest als Würze bzw. Mischungs-Element verwendet werden. Da, wo sich Hingucker, Aufmacher, Enthüllung und Scoop tummeln, sollten Chef- und andere Redakteure immer bemüht sein, auch noch… weiter lesen
20.10.2009 von Detlef Guertler
“An eurer Schule sind dieses Jahr zwei Zivis und eine…” Annette gerät ins Stocken. “Eine Ziviin?” fragt Clemens hilfsbereit. “Nein, das gibt es nicht”, sagt seine Mutter. “Zivildienstleistende sind immer männlich. Das dritte ist ein Mädchen, das ein freiwilliges soziales Jahr macht. Aber wie nennt man die?” Beim Mittagessen finden wir keine Lösung. Muss ja auch nicht sein – wenn man den Namen des Mädchens kennt, muss man keine Tätigkeitsbezeichnung mehr dazu setzen.
Trotzdem schaue ich am Abend noch mal nach. Aha: FSJler nennen die sich selbst. Gefällt mir gar nicht: Mir kommt sofort FJS in den Sinn, was ich gerne verhindern möchte; und die letzten, die Abkürzungen cool fanden, waren meines Wissens die Mitarbeiter der Staatlichen Plankommission der DDR. Da, wo man von Zivis redet, darf man meinetwegen auch FSJler sagen. Aber bitte nicht als Pendant zum Zivildienstleistenden – da würde mir der/die Sozialjahrleistende wesentlich besser gefallen. Nur zehn… weiter lesen
18.10.2009 von Detlef Guertler
Für den Engländer ist der Container, den wir Container nennen, einer von vielen Behältern, aber wir trauen uns nicht, ihn Behälter zu nennen. Womit wir ihn zwar einerseits zu einem ganz besonderen Behälter machen (gut), aber das vor allem aus mangelndem Sprachvertrauen (schlecht). Schrieb ich hier vor drei Jahren. Jetzt aber habe ich entdeckt, dass dieses Wort nicht nur für Uneindeutschung eines englischen Begriffes steht, sondern auch für die Schöpfung eines gänzlich neuen Wortes – nämlich des Verbs containern. Dabei handelt es sich, wie ich Wikipedia entnehme, um das Mitnehmen weggeworfener Lebensmittel aus Abfallcontainern.
Im Deutschen ist das eine völlig ordentliche Verb-Bildung zu einem auf -er endenden Substantiv, so wie bei Pfeffer und pfeffern. Wenn hingegen zuerst das Verb war, und dann das Substantiv, fehlt dem Verb das r, wie bei drücken – Drücker oder pfeifen – Pfeifer. Nach diesem Muster wird wiederum der das Containern… weiter lesen