29.12.2009 von Detlef Guertler
Erster Tag des Weihnachts-Theaterworkshops. Lucie, 11, und Clemens, 8, sitzen nach dreistündiger Probe wieder im Auto. “Lucie, hast du meinen Drehtext dabei?”, will Clemens wissen. “Na klar”, sagt Lucie, und gibt ihm die vier kopierten Blätter. “Das ist aber deiner!”, protestiert der Junge. “Dein Text ist da mit drauf”, gibt sie zurück.
“Wieso überhaupt Drehtext?”, mische ich mich ein. “Das heißt doch Drehbuch.” Lucie prustet los. “Vier Seiten, das ist ja wohl kein Buch! Das ist nicht mal ein Drehheft, sondern eben nur ein Drehtext.” Wo sie recht haben, haben sie recht.
24.12.2009 von Detlef Guertler
“Papa, jetzt ist Weihtagten, oder?” – “Ja, Lucie.”
23.12.2009 von Detlef Guertler
“Und? Was essen wir an Weihnachten?”, fragt Annette ins familiäre Rund. “Lasst ihr euch doch was einfallen”, befinden die Kinder gemeinsam und verkrümeln sich wieder an ihre diversen Computer. “Und? Was essen wir an Weihnachten?”, fragt sie daraufhin mich. Ich kann mich nicht so einfach verkrümeln: Ich bin immerhin eines von zwei Mitgliedern des “Vereins zur Abhaltung historisch korrekter Weihnachtsfeiern e.V.”, der leider immer noch nicht gegründet ist.
Alles, was wir in den vergangenen Jahren an Weihnachtsessen ausprobiert haben, mag mehr oder weniger geschmeckt haben (dem inzwischen achtjährigen Clemens in der Regel eher weniger), aber weder Kürbissuppe noch Feldsalat noch Nussbraten noch noch noch können auch nur ansatzweise den Anspruch erheben, zeitlich oder regional zu jenem Ereignis vor gut 2000 Jahren in Bethlehem zu passen – was aber mit den unvegetarischen Traditionsmahlzeiten Weihnachtsgans, Truthahn oder Karpfen auch nicht besser wäre.
Aber was wäre besser?… weiter lesen
22.12.2009 von Detlef Guertler
“Mit un-materiellen Fremd-Weihnachtsgrüßen und dem eitlen Eigenwunsch, im nächsten Jahr „reich“ zu werden” meldet sich Stammkommentator und-wortvorschlager A. S. Reyntjes, und mit einer Frage: “Für die spanischen Christkindls-Milliarden (alles von Lotterie-Gewinnwollern bezahlt und vom Staat besteuert…) – gibt es da einen besonderen Ausdruck? Und für uns Deutschler gar ein Neuwort, das man sich (als Dativus non-ethicus) hier 2010 „verlottern“ kann?”
Nein, Herr Reyntjes, da gibt es kein Neuwort dafür, sondern nur ein altes: Geldwäsche. Die Milliarden des Gordo sind nämlich so viel und so steuerfrei, dass viele der glücklichen Gordo-Gewinner ihr 300.000 Euro schweres Zehntel-Los für 350.000 Euro weiterverkaufen – an Menschen, die bedeutende Geldsummen erstens erklären müssen und zweitens nicht versteuern wollen.
Aber das Fremdgrüßen, Herr Reyntjes – das finde ich interessant. Schließlich mache ich jetzt genau das: Unter meinem Namen erscheinen Grüße von Ihnen. Darf ich mich anschließen?
21.12.2009 von Detlef Guertler
von Christian Dombrowski:
21. Dezember, Beginn des Winters, Tag der Sonnenwende
„Wie die Crew eines Schiffs, das im Eissturm Kap Hoorn umrundet, darauf wartet, dass das Ruder sich knarzend gen Norden wendet, so warte ich auf die Wintersonnenwende und die länger werdenden Tage“, hat eine Freundin von mir, Dorothea Löbbermann, vor einigen Wochen geschrieben.
Was für ein prächtiges Gleichnis! Was für ein intensives Bild! Und es stimmt auch: Denn sind diese kurzen Tage nicht einfach grausam?
„Goethes gute Laune war heute wieder glänzend“, notiert Eckermann unter dem Datum des 21. Dezembers 1823. „Wir haben den kürzesten Tag erreicht, und die Hoffnung, jetzt mit jeder Woche die Tage wieder bedeutend zunehmen zu sehen, scheint auf seine Stimmung den günstigsten Einfluss auszuüben. ‚Heute feiern wir die Wiedergeburt der Sonne!’ rief er mir froh entgegen, als ich diesen Vormittag bei ihm eintrat. Ich höre, dass er jedes Jahr die Wochen vor dem kürzesten… weiter lesen
21.12.2009 von Detlef Guertler
“Mimikröse Machenschaften” betitelt Henriette Kiernan von der Trendagentur Sturm und Drang einen Artikel über den Chamäleon-Effekt. Wenn wir Gestik und Verhalten unserer Verhandlungspartners imitieren, können wir demnach die Chance auf einen erfolgreichen Abschluss ebenso drastisch erhöhen wie Kellner das zu erwartende Trinkgeld, wenn sie beim Aufnehmen der Bestellung die Order des Gastes noch einmal wortwörtlich wiederholen.
Interessant, ja, und auf jeden Fall einen Selbstversuch wert, zumindest wenn man Kellner ist. Hier stellt sich allerdings die Frage, ob mimikrös das richtige Adjektiv zur Mimikry ist. Bislang gibt es nämlich noch keins – wenn überhaupt, wird mimikryartig verwendet. Was eine ordentliche Lösung ist, wenn es um so etwas ähnliches wie Mimikry geht, aber ziemlich unordentlich, wenn es sich tatsächlich um Mimikry handelt. Mimikrös klingt zwar etwas unappetitlich (ich werde unweigerlich an Gekröse erinnert) , aber was wären denn Alternativen dazu? Mimikrytisch? Mimikrisch? Mimikrybig? Alles nicht besser, oder? Also… weiter lesen
20.12.2009 von Detlef Guertler
“Nein, das sollst du nicht schreiben”, sagt Leonie (14). “Das hat mir NametutnichtszurSache persönlich erzählt.” – “Aber wie soll ich meinen Lesern denn sonst erklären, was umreihenfolgen sein soll?” – “Also gut”, sagt sie. “NametutnichtszurSache hat eine Reihenfolge seiner “Lieblingsbeschäftigungen”: Sport, Freunde und Musik. Aber manchmal denkt er, dass das auch anders sein könnte – weil Freunde ja eigentlich wichtiger sind als Sport…” – “…oder weil eines Tages “Freundinnen” wichtiger sein könnten als “Freunde”", werfe ich ein. “Oder noch ganz anders”, antwortet Leonie. “Jedenfalls müsste er dann seine Lieblingsbeschäftigungen umreihenfolgen.”
“Da, wo Peter Sloterdijk schreibt: Du mußt dein Leben ändern, würdest du also eher schreiben: Du mußt dein Leben umreihenfolgen?” – “Aber nicht mit ß.”
18.12.2009 von Detlef Guertler
“Einen Wortistik-Eintrag hat er sicher verdient”, meint Hauszyklop polyphem über “diesen Begriff, den Springer-Döpfner in der aktuellen Debatte um Bezahl-web-Inhalte benutzt oder sogar erfunden hat”. Und in der Tat scheint es, als habe Mathias Döpfner diesen Begriff geprägt: erst in der Diskussion mit Ariana Huffington beim Monaco Media Forum im November, und jetzt noch mal im Interview mit dem Manager-Magazin. Falls jemand eine ältere Fundstelle auftut, her damit, ich habe keine gefunden. Vielleicht irgendwo eine versprengte Nennung, ähnlich wie bei allen anderen politischen Richtungen, die mit Web kombiniert praktisch inexistent sind:
Websozialisten: 7 Google-Treffer
Webliberale: 8 Google-Treffer
Webkonservative: 8 Google-Treffer
Webdemokraten: 8 Google-Treffer
In den Extrem-Ecken des Politspektrums waren bislang nur die Webnazis häufig genannt (5720 Google-Treffer). Dank Döpfner haben die Webkommunisten jetzt aufgeholt (5300 Google-Treffer derzeit). Erstaunlich rar machen sich die Webanarchisten (nur 52 Treffer), wohingegen die eher ökonomie-extremistisch verorteten Webpiraten… weiter lesen
17.12.2009 von Detlef Guertler
Wenn ein Trend in die Jahre bzw. in den Mainstream gerät, kann er einfach wieder verschwinden bzw. sich als Begriff auflösen, weil er zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Oder er provoziert einen Gegentrend, der eigentlich nichts anderes ist als die Rückkehr zum Zustand vor Erfindung des eigentlichen Trends.
So entstand das Singletasking. Es schafft bei Google erst läppische 42.300 Treffer, während Konkurrent Multitasking 6,5 Millionen Treffer und gleich zwei Wikipedia-Einträge vorweisen kann, einen für Menschen, einen für Maschinen. Als Begriff ist Multitasking entstanden, als es etwas Besonderes war, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen (was eigentlich immer noch etwas Besonderes wäre, weil man im Multitasking eigentlich lediglich mehrere Dinge gleichzeitig nicht erledigt). Das Gegenteil, das serielle Abarbeiten von Aufgaben, hatte hingegen keinen Namen, weil es schlicht der Normalfall war: Wir nannten es Arbeit.
Irgendwann wird es wahrscheinlich auch wieder so genannt. In der Zwischenzeit muss man jedoch den… weiter lesen
15.12.2009 von Detlef Guertler
Im einzigen ernstzunehmenden spanischsprachigen Wirtschaftsmedium burbuja.info einen wunderbaren Beitrag gefunden, der einen einzigartigen spanischen Beitrag zur ökonomischen Theorie und Praxis beschreibt, nämlich den Unmarkt. In meiner vielleicht etwas holprigen auszugsweisen Übersetzung:
Der Unmarkt ist etwas völlig anderes als der Markt: Er ist ein Mechanismus, um Reichtum durch den Untausch von Gütern zu schaffen und zu erhalten. In einem Unmarkt gibt es Unkäufer und Unverkäufer. Ihre wichtigste Aufgabe ist es, Unpreise festzulegen, bei denen sich Güter nicht verkaufen. Die Unkäufer wären zwar gerne Käufer, bräuchten dafür allerdings einen Kredit, den sie von den Banken natürlich nicht bekommen. Sollte doch einmal ein Unkäufer einen Kredit erhalten und es schaffen, zum Unpreis etwas zu kaufen, wird der Unverkäufer erschüttert feststellen, dass er sein Gut schlecht verkauft hat. Die übrigen Unverkäufer werden daraufhin sofort ihre Unpreise erhöhen, um einen weiteren Schlechtverkauf zu vermeiden. Diese Erhöhung der Unpreise führt automatisch zur… weiter lesen