24.02.2010 von Detlef Guertler
von bschl:
Gestern beim Fernsehkanalgleiten hat mich in der Sendung “Neues aus der Anstalt” der Begriff “Euroschänder” überrascht.
“Euroschänder” bezeichnet diejenigen Teilnehmer der Eurozone, die die Stabilitätskriterien so deutlich nicht einhalten, daß Sie unsere hehre Gemeinschaftswährung gefährden.
Also: Deutschland ist kein Euroschänder, weil die Kriterien nur ein bisschen nicht eingehalten werden, und weil Deutschland glaubhaft Besserung gelobt.
Griechenland ist Euroschänder, weil die Ihren Eurozonenbeitritt herbeigelogen haben. Kein Wunder, dass keiner glaubt, die Griechen könnten Ihren Haushalt frühlingsfrisch instandsetzen. Schande über Griechenland — schämt Euch!
Ich mag den Begriff “Euroschänder”, weil er einen abstrakten Sachverhalt – Vertrauen, Stabilität, Euro – zielsicher, volksnah, emotional, “aus dem Bauch heraus” in ein hübsches Geschenkpapier aus Ironie verpackt und eine ansehnliche Schleife aus Überheblichkeit darumwickelt.
20.02.2010 von Detlef Guertler
Der Suchbegriff, mit dem Menschen am zweithäufigsten in diesen Blog googeln, heißt Klicke – bislang genau 6138 mal (noch häufiger trifft nur der Wehmutstropfen). Aber erst heute gab es die ersten Versprengten, die mit der Suchanfrage Qulice bei mir gelandet sind. Für Qulice gibt es weltweit gut 1000 Google-Treffer, davon allerdings bislang keinen hier – aber Google fragt freundlicherweise: “Meinten Sie Klicke?” Nicht Clique, sondern wirklich Klicke. Und damit landet man nun mal als erstes bei mir.
Ich hätte ja vermutet, das Qulice eher eine gekünstelte Schreibweise von Kulisse ist, aber nein, alle, die bislang Qulice auf Deutsch verwendet haben, meinten tatsächlich die Gruppe.
Voll qurac gecwirlte Quace.
17.02.2010 von Detlef Guertler
So deutlich wie heute Wolfgang Münchau in der FTD hat es wohl noch keiner aus der Ökonomenzunft ausgesprochen: Deutschlands Wirtschaft ist zu stark, Deutschlands Einkommen sind zu niedrig, nur wenn Deutschland das ändert, ist der Euro noch zu retten. In Münchaus eigenen Worten:
Ich bin immer erstaunt, wie selbst intelligente Menschen oft nicht verstehen, dass ein Ungleichgewicht – ob nun im Euro-Gebiet oder international – logischerweise eine Entwicklung ist, die zwei Parteien betrifft. … Die Ungleichgewichte im Euro-Gebiet bestehen aus südeuropäischen Defiziten, spanischen vor allem, und deutschen Überschüssen. … Wenn wir diese Entwicklung nicht in den Griff bekommen, wird es zu irreparablen Verzerrungen im Euro-Raum kommen. Deshalb müssen beide Seiten korrigieren. … Die Deutschen sollten nicht denken, dass mit einem deutschen Haushaltsdefizit von null – worauf die Schuldenbremse hinauslaufen wird – und einem hohen strukturellen Überschuss im Privatsektor eine Währungsunion ohne Transfers überlebensfähig ist.
Danke für diese Deutlichkeit.… weiter lesen
13.02.2010 von Detlef Guertler
In Lothar Lemnitzers Wortwarte das Partizip “verburkat” als Beschreibung einer in eine Burka gehüllte Frau gefunden. Dann sofort das dazugehörige Verb burkaen oder verburkaen ausprobiert – klappt aber nicht. Sieht alles furchtbar aus, lässt sich kaum aussprechen und zumindest bei mir ist das Gehirn immer wieder auf bunkern oder verbunkert gesprungen. Sieht so aus, als müssten wir damit leben, im Deutschen kein Verb für das Verhüllen in Burkas zu haben. Es gibt Schlimmeres für eine Sprache.
Reizvoll hingegen scheint mir das Adjektiv burkaesk. Ansehnlich, aussprechlich, assoziativ und mit dem Hauch an Bizarrität, der ja auch von dem Kleidungsstück ausgeht. Und zudem jederzeit auf nicht-modische Bereiche übertragbar. Auch Gebäude, Gedanken und insbesondere Gedankengebäude können ganz schön burkaesk daherkommen.
08.02.2010 von Detlef Guertler
Cousin Markus zu Besuch in Marbella. Den ganzen Abend versucht er mir klarzumachen, dass ich mich mehr bewegen soll – jeden Tag eine halbe Stunde schwimmen, und nach einem halben Jahr seien garantiert meine Schmerzen in der Schulter verschwunden.
Ich spiele auf Halten: Noch in diesem Monat werde ich bei jenem Orthopäden vorbeischauen, der meine Schulter gerade durch den Tomographen geschickt hat; vielleicht stellt der beim Blick auf die Bilder ja fest, dass Bewegung genau das verkehrte Rezept wäre.
Markus widerspricht. Er führt das Beispiel eines Freundes an, “auch so ein Bewegungs-Asi wie du”. Das Wort gefällt mir auch nicht. Annette vermittelt: Da klänge doch “aus bewegungsfernen Schichten” viel besser. Wo sie recht hat, hat sie recht.
02.02.2010 von Detlef Guertler
Das wäre mal wirklich eine lohnende Aufgabe für die Aktion Lebendiges Deutsch:
Bei einem Workshop am Gottlieb-Duttweiler-Institut bemerkte der Moderator Andreas Weigend, dass die deutsche Übersetzung für “sharing” reichlich unpassend ist. Sharing bedeutet ja, dass man etwas gemeinsam hat, was vorher nur einer hatte, es ist also etwas Verbindendes, Additives oder gar Multiplikatives. Die deutsche Übersetzung “teilen” betont aber gerade das Auseinandernehmen, das Trennende, Subtraktive oder eben Distributive. Sharing bedeutet, dass hinterher jeder mehr hat als vorher. Teilen bedeutet, dass einer hinterher weniger hat als vorher. In der materiellen Welt durchaus plausibel, in der digitalen Welt ziemlich grotesk.
Weil der Workshop in wenigen Minuten weitergeht, komme ich jetzt leider nur dazu, das Problem zu stellen. Aber vielleicht fallen Ihnen ja ein paar mögliche Lösungen ein.