sharing

von Detlef Guertler

Das wäre mal wirklich eine lohnende Aufgabe für die Aktion Lebendiges Deutsch:

Bei einem Workshop am Gottlieb-Duttweiler-Institut bemerkte der Moderator Andreas Weigend, dass die deutsche Übersetzung für “sharing” reichlich unpassend ist. Sharing bedeutet ja, dass man etwas gemeinsam hat, was vorher nur einer hatte, es ist also etwas Verbindendes, Additives oder gar Multiplikatives. Die deutsche Übersetzung “teilen” betont aber gerade das Auseinandernehmen, das Trennende, Subtraktive oder eben Distributive. Sharing bedeutet, dass hinterher jeder mehr hat als vorher. Teilen bedeutet, dass einer hinterher weniger hat als vorher. In der materiellen Welt durchaus plausibel, in der digitalen Welt ziemlich grotesk.

Weil der Workshop in wenigen Minuten weitergeht, komme ich jetzt leider nur dazu, das Problem zu stellen. Aber vielleicht fallen Ihnen ja ein paar mögliche Lösungen ein.


3 Kommentare zu "sharing"

  1. Wie wär’s mit dem Verb zum Adjektiv gemeinnützig: gemeinnutzen. “Wir gemeinnutzen das Auto” – klingt das zu gemein?

  2. „Sharing“ lässt sich deutsch nach meinem Sprachgefühl nicht mit e i n e m Begriff übersetzen; da das englische “Original“ semantisch zu vielfältig ist und deutsche Versuche in den neuen Kontexten wie „teilen“, „teilnehmen“, „verteilen“ meist missdeutbar bleiben; erst recht in IT.
    Translatio semper invertus est. – Na, gut, das heißt männlich-vollmundig fast immer “Pater semper incertus est“: vgl. zum Aufhübschen
    http://de.wikipedia.org/wiki/Mater_semper_certa_est
    Meine neueste Beobachtung zu „Sharing“: Psychodrama-Spezis (aus der modischen Psychologie) wollen „Sharing“ terminologisch durchsetzen und sie meinen den Erfahrungsaustausch nach psychotherapeutischen Sitzungen, also Anteilnahme in de Gruppe, einfach gesagt, die Rückmeldung, neufachlich das „Identifikations-Feedback“. (Die Vokabel „Empathie“ möchte man nicht spendieren.)

    Die „alte“ Psychologie bevorzugt zumeist noch resistent gegenüber amerikanistischen Moden in der klassisch weltumspannenden Medizin aller Fachrichtungen die lateinische Grundlage der Medizin, natürlich mit vielen Anpassungen.
    Dass sich bei jungen „Medikern“ oder „Psychikern“ oder das Latein verflüchtigt, hilft zum Eigensupporten und um quick & moneysatt zu „sharen“ (wie die Vokabel es andeutet).

  3. Die taz stellt zur Leserabstimmung am 12.02.2010: als “Entscheidung des Tages” auf der titelseit online:

    http://www.taz.de

    “Entscheidung des Tages

    Die Autorin Helene Hegemann wurde mit ihrem Debütroman “Axolotl Roadkill” für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Trotz Vorwürfen, dass sie von einem Blogger abgeschrieben hat. Ist das okay?

    * Ja, Verlag und Blogger haben sich geeinigt und sie scheint ein Ausnahmetalent zu sein. Warum nicht?

    * Nein, so ein Plagiat hat keine Nominierung verdient.

    * Ich verstehe die Aufregung nicht, wir haben 2010 und leben in einer S h a r i n g – K u l t ur [gesperrt-betont durch den Kommentator].

    … und fordert zur Abstimmung auf – aber nicht über den leichtippig behaupteten Zustand des “Sharing-Kultur”. – … bei der ich mich diesmal ergo verweigere!

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