Archive for März, 2010

30.03.2010 von Detlef Guertler
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Insinuationismus

von Detlef Guertler

Vollmundige Ankündigung von Harald Staun in der FASonntagsZ. Mitten in einer länglichen, nicht besonders geradlinigen Erörterung über die Medien-Reaktionen im Fall Kachelmann setzt er an:

Man darf all die Erklärungsversuche und Spekulationen, all das Munkeln und Hüsteln und Implizieren nicht einfach mit einer Kampagne verwechseln. Dieser Journalismus der Insinuation hat längst einen eigenen Namen verdient.

Um in den darauf folgenden fünfeinhalb Absätzen kein Wort mehr darüber zu verlieren, wie dieser eigene Name eigentlich heißen sollte. Da ich nicht so recht begriffen habe, was denn eigentlich neu daran sein soll, dass sich alle Medien auf einen Prominenten stürzen, gegen den wegen hässlicher Dinge ermittelt wird, und dass sich diese Medien auch den Teufel um die Unschuldsvermutung scheren, fällt mir auch etwas schwer zu verstehen, was denn dieser eigene Name sein sollte? Insinuationismus? Ich denke, man könnte genausogut “Boulevard” sagen.

28.03.2010 von Detlef Guertler
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Gleichheitszynismus

von Detlef Guertler

Da hat sich der dicke Gabriel aber in der Online-Welt mal wieder besonders dick gemacht:

Die SPD brennt vor Zorn, weil sie sieht: Freiheit für den Einzelnen und Verantwortung füreinander werden von der Bundesregierung mit Füßen getreten und gegeneinander ausgespielt. Das Wort Gemeinwohl taucht im ganzen Koalitionsvertrag von CDU/CSU und FDP nicht auf.

Habe natürlich sofort nachgeschaut. Tatsächlich: im ganzen Koalitionsvertrag kein einziger Treffer für Gemeinwohl. Aber 13 Treffer für Eigentum. Aber wovon redet dieses Dokument denn sonst, wenn eigentlich von Gemeinwohl die Rede sein müsste? Ganz ohne diese allumfassende Geste kann so ein Papier ja nicht auskommen.

Und tatsächlich, schon die erste Überschrift im ersten Kapitel gibt die Antwort: “Wohlstand FÜR ALLE” steht da, und insgesamt 12 mal im ganzen Dokument taucht diese Kombination auf: Neben dem Wohlstand gibt es auch noch die Bildung FÜR ALLE, Arbeitschancen FÜR ALLE, Aufstiegschancen FÜR ALLE, “Sprachstandstests FÜR ALLE Kinder im… weiter lesen

27.03.2010 von Detlef Guertler
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Berheinigung

von Detlef Guertler

Unfassbar: Seit einem Dreivierteljahrhundert wird in allen möglichen offiziellen und halboffiziellen Quellen und Stellen der Rhein um 90 Kilometer zu lang gemacht! 1320 statt der tatsächlich 1230 Kilometer stehe dort jeweils, habe der Kölner Biologe (!) Bruno Kremer herausgefunden, schreibt die Süddeutsche heute. Kremer vermutet einen Zahlendreher irgendwo Anfang der 1930er Jahre, der sich dann durch Abschreiben fortgepflanzt habe.

So etwas dem deutschen Nationalfluss! Das sollte uns ein eigenes Wort wert sein – immerhin müssen jetzt Hunderte von Büchern, Broschüren, Webseiten etc. berheinigt werden. Bei der Gelegenheit könnte man dann auch gleich die Entstehungsgeschichte der Meldung berheinigen: Denn vor ziemlich genau zwei Monaten erschien eine Meldung ziemlich genau des gleichen Inhalts im Kölner Stadt-Anzeiger – hat damals nur kein Schwein gemerkt.

Offenbar auch die Redaktion des Kölner Stadt-Anzeigers nicht, sonst hätten sie ihren Scoop ja wohl etwas lauter herausgetrommelt. Dumm gelaufen für die Rheinländer.… weiter lesen

23.03.2010 von Detlef Guertler
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Freeconomy

von Detlef Guertler

Ja, das Wort gibt`s schon länger. Es wird von Mark Boyle für einen Community-Gedanken verwendet, bei dem alle untereinander alles teilen:

Everything is shared for FREE on Freeconomy, and no money changes hands between members.

Aber: Nein, das wird sich nicht durchsetzen. Das absolute Gratis-Prinzip wird sich mit dem ökonomischen Prinzip nicht verbinden lassen. Nach dem gibt es nämlich no such thing as a free lunch – free ist also eher eine Philosophie bzw. Ideologie als eine Ökonomie.

Deshalb plädiere ich für eine Umwidmung dieses Begriffs: Freeconomy beschreibt eine Wirtschaftsform, in der die Anbieter mit einer Gratismentalität der Nachfrager konfrontiert sind. Und trotzdem, oder gerade deswegen, auf ihre Kosten kommen können. In etwa in dieser Weise wird der Begriff auch in der aktuellen Ausgabe der von mir chefredigierten Zeitschrift GDI Impuls verwendet:

Die Gratis-Mentalität hat gesiegt. Höchste Zeit, daraus ein gutes Business zu machen.

steht… weiter lesen

22.03.2010 von Detlef Guertler
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Finanzmarktversicherung

von Detlef Guertler

So etwas wie eine Bankenabgabe würden die Bänker-Buddies von der FDP natürlich nie zulassen. Weshalb sie für das gestrige Spitzengespräch im Kanzleramt einen Vorschlag ausheckten, der sich in einem zentralen Punkt entscheidend von jenem Schäubleschen Folterinstrument unterscheidet: im Namen. Bei der Westerwelle-Gang redet man nämlich von einer “Finanzmarktversicherungsprämie”.

Cool. Bislang ist noch niemand auf die Idee gekommen, dass man sich gegen die Risiken, die dem Finanzmarkt als solchem (eben nicht nur den einzelnen Akteuren) unvermeidbar innewohnen, anders versichern könnte als durch die Wahl der richtigen Politiker – Finanzmarktversicherung ist ein absolutes Neuwort. Zudem wird, wenn die Prämie je nach Risiko gestaffelt wird, vermutlich auch eine seit langem nötige Institution geschaffen werden, nämlich eine öffentlich-rechtliche Rating-Agentur. Ob nun bei Soffin, Ecofin, Eurostat oder EZB angesiedelt, würde es auf eine Agentur hinauslaufen, die weder von den Schuldnern noch von den Gläubigern bezahlt und damit beeinflusst wird, sondern von einer Aufsichtsbehörde.… weiter lesen

18.03.2010 von Detlef Guertler
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Chermany

von Detlef Guertler

“Chermany gegen den Rest der Welt” überschreibt Martin Wolf seine heutige Kolumne in der FTD. Und hat damit offensichtlich eine Wortlücke entdeckt:

Niall Ferguson und Moritz Schularick haben den Begriff “Chimerica” geprägt, um die Verschmelzung der Volkswirtschaften Chinas und Amerikas zu beschreiben. Ich stelle Ihnen nun “Chermany” vor, eine Wortneuschöpfung, die für die beiden weltgrößten Nettoexporteure steht: China mit einem für dieses Jahr prognostizierten Leistungsbilanzüberschuss von 291 Mrd. $ und Deutschland mit einem prognostizierten Überschuss von 187 Mrd. $.
So richtig glücklich wird Wolf aber mit den beiden nicht: Beide Länder sind der Ansicht, ihre Kunden sollten weiter kaufen, aber gleichzeitig eine unverantwortliche Kreditaufnahme beenden. Da ihre Überschüsse Defizite anderer mit sich bringen, ist diese Position unlogisch. Überschussländer müssen Defizitländer finanzieren. Wird der Schuldenberg zu hoch, gehen die Schuldner pleite und die viel gepriesenen “Ersparnisse” der Überschussländer erweisen sich als illusorisch.

Und weil die… weiter lesen

17.03.2010 von Detlef Guertler
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Lumpenelite

von Detlef Guertler

Schöner als Helmut Schümann im heutigen Tagesspiegel könnte ich die geniale Wortschöpfung von SPD-Chef Gabriel über die Westerwelle-Gang auch nicht loben:

Das Wort ist neu, zusammengesetzt aus zwei seit langem bekannten Wörtern. Wörter, die von extremst entferntesten Polen herkommen, und die sich doch so wundervoll ineinanderfügen, dass man diesem Wort eine große Karriere wünscht: Lumpenelite! Hier die Lumpen, nicht der Lumpen, weil es nicht um eine Elite geht, die in löchrigen Fetzen von Versace einherschreitet. Sondern die Lumpen, Plural vom Lump, dem Tunichtgut und Taugenichts, eigentlich auch dem Habenichts, aber weil wir uns FDP-nah und in der FDP nahe stehenden Kreisen bewegen, sind nur Habeviels zu finden.

Aus gegebenem Anlass kann es zudem nicht schaden, sich wieder in Erinnerung zu rufen, was die heutige Vorgesetzte von Guido Westerwelle, Angela Merkel im Jahr 2002 in einem der vielen Nachpisaschock-Bücher über die Anforderungen an Elite geschrieben hatte (habe das Buch… weiter lesen

14.03.2010 von Detlef Guertler
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Greiseweltmeister

von Detlef Guertler

In Japan leben prozentual gesehen mehr Hundertjährige als irgendwo sonst. 18 von 100 000 Einwohnern erreichen im Land der aufgehenden Sonne das biblische Alter, auf der Inselgruppe Okinawa sind es sogar 45. Ein Dorado für Altersforscher, die hier ihre wichtigsten Kronzeugen ausgemacht haben, eine Art Methusalem-Komplott zum erhofften Wohl der gesamten Menschheit. Herz-Kreislauf- Erkrankungen sind hier unbekannt. Auch von Diabetes oder Demenz haben die Greiseweltmeister noch nie etwas gehört.
An den Genen liegt es nicht. Bei Auswanderern aus Okinawa, etwa in Brasilien, die ihre traditionelle Lebensführung aufgegeben haben, ist die Lebenserwartung auf das dortige Niveau von durchschnittlich 54,3 Jahren gesunken. Und selbst im amerikanisierten Süden der Insel hat der neumodische Ernährungsstil mit Hamburgern und Pommes die jüngere Generation zur dicksten in ganz Japan gemacht – mit allen Risiken für ein leidvolles Altern.
Fragt man die Bewohner selbst, so lautet die Antwort: Pass auf, was du jeden Tag in
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12.03.2010 von Detlef Guertler
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Finanzsicherheitsdienst

von Detlef Guertler

Gut, dass Wolfgang Schäuble jetzt mal Butter bei die Fisch gegeben und in der Financial Times Deutschland erklärt hat, wie er sich das mit dem Europäischen Währungsfonds vorstellt. Unter anderem:

Ein Staat, der seine Finanzen nicht im Griff hat, darf nicht über die Finanzen anderer Euro-Mitgliedsstaaten mitentscheiden. Wenn sich ein Euro-Mitgliedsstaat letztlich nicht imstande sehen sollte, die Wettbewerbsfähigkeit seiner Wirtschaft wiederherzustellen und die öffentlichen Haushalte zu sanieren, sollte er als Ultima Ratio auch aus der Währungsunion ausscheiden. … Um uns vor Manipulationen staatlicher Statistiken besser zu schützen, befürworte ich im Falle eines begründeten Verdachts ein direktes Zugriffs- und Kontrollrecht der EU-Statistikbehörde Eurostat auf alle öffentlichen Konten.

Wir in Deutschland kennen ja schon länger den sehr verkniffenen Schäuble-Tonfall. Wir wissen, dass er mit seinen Verzichtspredigten nicht nur die Europäer im Allgemeinen quält, sondern auch die Deutschen im Besonderen. Im Ausland weckt das durchaus andere Assoziationen. So meldete sich in… weiter lesen

12.03.2010 von Detlef Guertler
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Verlierertreppchen

von Detlef Guertler

Der «Failing State Index» ist ein Maß für Staatsversagen, das von der Organisation «Fund for Peace» ermittelt wird. Zwölf Kriterien werden bewertet, von der Verfolgung ethnischer Minderheiten über die Willkür der Sicherheitsorgane und ökonomisches Chaos bis zur Missachtung der Menschenrechte und der Unfähigkeit der Bürokratie. Das Ergebnis: Sieben der zehn katastrophalsten Regierungen der Welt gibt es in Afrika, das Verlierertreppchen ist mit Somalia, Zimbabwe und Sudan rein afrikanisch besetzt. Immerhin: Mosambik liegt mit Platz 72 schon fast im Mittelfeld, sogar einen Platz besser als Russland.

Aus: Wirtschaftsatlas Deutschland, meinem soeben bei Rowohlt Berlin erschienenen neuen Buch – der erste Wirtschaftsatlas für Deutschland seit 1938.