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vonDetlef Guertler 18.03.2010

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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„Chermany gegen den Rest der Welt“ überschreibt Martin Wolf seine heutige Kolumne in der FTD. Und hat damit offensichtlich eine Wortlücke entdeckt:

Niall Ferguson und Moritz Schularick haben den Begriff „Chimerica“ geprägt, um die Verschmelzung der Volkswirtschaften Chinas und Amerikas zu beschreiben. Ich stelle Ihnen nun „Chermany“ vor, eine Wortneuschöpfung, die für die beiden weltgrößten Nettoexporteure steht: China mit einem für dieses Jahr prognostizierten Leistungsbilanzüberschuss von 291 Mrd. $ und Deutschland mit einem prognostizierten Überschuss von 187 Mrd. $.

So richtig glücklich wird Wolf aber mit den beiden nicht:
Beide Länder sind der Ansicht, ihre Kunden sollten weiter kaufen, aber gleichzeitig eine unverantwortliche Kreditaufnahme beenden. Da ihre Überschüsse Defizite anderer mit sich bringen, ist diese Position unlogisch. Überschussländer müssen Defizitländer finanzieren. Wird der Schuldenberg zu hoch, gehen die Schuldner pleite und die viel gepriesenen „Ersparnisse“ der Überschussländer erweisen sich als illusorisch.

Und weil die Chermanen (oder Chermanesen) das nicht begreifen wollen, machen sie gerade die Weltwirtschaft kaputt:
Überschussländer beharren darauf, weiterzumachen wie bisher. Sie weigern sich zu akzeptieren, dass ihre Abhängigkeit von Exportüberschüssen zwangsläufig wie ein Bumerang zurückkommt, sobald ihre Kunden pleitegehen. Und genau das geschieht gerade. Zugleich können Länder, die in der Vergangenheit ein enormes Außenhandelsdefizit angehäuft haben, ihr massives Haushaltsdefizit nur über einen starken Anstieg der Nettoexporte reduzieren. Gleichen Überschussländer diese Verschiebung nicht aus, indem sie die Gesamtnachfrage erhöhen, entsteht ein Kampf, in dem jedes Land verzweifelt versucht, sein Überangebot auf die Handelspartner abzuwälzen. Auch während der Katastrophe der 30er-Jahre spielte dies eine gravierende Rolle.

Wolfs Schlusssatz ist zwar halboptimistisch: „Noch ist es nicht zu spät, nach kooperativen Lösungen zu suchen.“ Allerdings ist im gesamten Rest des Textes kein einziges Indiz dafür zu finden, dass in China oder in Deutschland sich die entsprechende Einsicht bis in die Regierungsebene vorgearbeitet hätte. Schade eigentlich – für Chermany und für die Weltwirtschaft.

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