Archive for März, 2010

11.03.2010 von Detlef Guertler
blogavatar

Investitionskater

von Detlef Guertler

Wer zu viel säuft, bekommt einen Kater. Und wer zu viel investiert? Einen Investitionskater, meint heute die FTD in meiner Lieblingsrubrik. China sei von einem heftigen Investitionskater bedroht, die Politik des billigen Geldes könne hässlich zurückschlagen und das Reich der Mitte zu einem weltwirtschaftlichen Wackelkandidaten machen. Als ob wir davon nicht schon genug hätten.

Während es beim Alkohol eine direkte Korrelation zwischen dem Vorher, nämlich dem Rausch, und dem Nachher, nämlich dem Kater, gibt, scheint diese bei Investitionen bislang nicht gesehen zu werden. Denn es gibt zwar mehr als 1000 Google-Treffer für “Investitionsrausch”, aber bis zu jenem FTD-Text gab es keinen einzigen für Investitionskater. Wenn ich ein paar wortistische oder ökonomische Seminararbeitsthemen zu vergeben hätte, würde ich gerne einen Studenten darauf ansetzen, bei all jenen Entwicklungen, denen in der Vergangenheit das Etikett “Investitionsrausch” angehängt wurde, nachzuprüfen, ob sich danach ein Investitionskater einstellte. Das Verhältnis würde garantiert besser als… weiter lesen

08.03.2010 von Detlef Guertler
blogavatar

Währungsregime

von Detlef Guertler

In makroökonomischen Fachkreisen ist dieses Wort geradezu unschuldig-neutral: Ein Währungsregime so steht es in einem Finanzlexikon, “ist grundsätzlich ein bestimmtes Regelwerk, welches durchaus  internationale Kooperation umfassen kann, jedoch auf nationaler Ebene zu verstehen ist. Diese Regeln beziehen sich insbesondere auf die Art und Weise, wie der Wechselkurs einer Währung im Verhältnis zu den ausländischen Währungen bestimmt wird.” So gesehen hat die Eurozone schon ein Währungsregime, seit es sie gibt.

Sobald man aber aus dem makroökonomischen Fachkreis auf die politische Bühne tritt, verliert der Begriff sofort seine Unschuld. Dort bezeichnet man mit Regime nämlich kein Regelwerk, sondern eine, meist hässliche, Herrschaftsform. In einem Militärregime herrscht das Militär, in einem Terrorregime herrscht der Terror, folglich herrscht in einem Währungsregime – die Währung.

Den Verdacht hegen ja einige Südländer bezüglich der Eurozone schon länger, obwohl faktisch bislang sowohl die EU-Kommission als auch die EZB ziemlich zahnlos agiert haben. Wolfgang Schäubles Vorschlag… weiter lesen

07.03.2010 von Detlef Guertler
blogavatar

bedenglish

von Detlef Guertler

Jetzt mache ich mir wirklich langsam Sorgen: Seit ziemlich genau einem Vierteljahr hat sich auf der Wort-des-Monats-Seite der Aktion Lebendiges Deutsch nichts mehr getan. Noch immer wird um die Einsendung von deutschdeutschen Alternativen zum Statement gebeten, Einsendeschluss 18. 12. 2009. Sollte da einem oder mehreren der Herren etwas passiert sein? Eine offizielle Beendigung der Aktion gab es jedenfalls nicht, auch sonst ist mir kein Kommentar oder Beitrag in einem Sprachschützer-Forum aufgefallen, der diese Pause erklären könnte. Sehr bedenglish das alles.

Ich möchte jetzt nicht, wie Anatol Stefanowitsch, dieses Schweigen nutzen, um tiefer in die Eingeweide der Aktioneure bzw. ihrer Webseite einzudringen. Ich möchte einfach nur wissen, was da los ist. Zu viel Stress? Zu wenig Resonanz? Ziel erreicht? Lust verloren? Sachdienliche Hinweise nimmt jeder Wortist gerne entgegen.

03.03.2010 von Detlef Guertler
blogavatar

krawallliberal

von Detlef Guertler

Wahrlich: Wenn Willi Winkler Will-Inventar Westerwelle wortistisch werten wollte, wäre krawallliberal ein ebenso passendes wie wunderhübsches Adjektiv. Aber nein, aus unerfindlichen Gründen nennt er “Die Welt” so. Womöglich auch nur aus dem niederen Beweggrund, “krawallliberal” mit “Käseblättchen” zu alliterieren. Vermutlich hat Winkler irgendwann in der frühen Döpfner-Phase aufgehört, die Welt zu lesen – klar, warum sollte man auch Käseblättchen lesen?

Also streichen wir die hier gewählte Verbindung zwischen diesem Adjektiv und jener Zeitung und danken Winkler dafür, ein Adjektiv gefunden zu haben, das man dem schlechtesten deutschen Außenminister aller Zeiten anhängen kann.

Disclaimer: Ich habe in den vergangenen sieben Jahren einige hundert Texte für Die Welt geschrieben. Natürlich keinen einzigen krawallliberalen.

Disclaimer 2: Natürlich bin ich auf Winkler nur deswegen sauer, weil er mich persönlich beleidigt hat. Er hat von den zwei Kolumnisten geschrieben, die täglich für den Springer-Verlag schreiben und über alles kolumnieren können – nämlich Franz-Josef… weiter lesen

01.03.2010 von Detlef Guertler
blogavatar

pädophob

von Detlef Guertler

“Gehen Sie dieses Jahr zur Leipziger Buchmesse“, frage ich meinen Agenten Michael Meller. “Nein, die spare ich mir”, sagt er. “Und wenn überhaupt, würde ich nur noch am Donnerstag hingehen. Als ich vor zwei Jahren auch am Freitag dort war, wurde die Messe ab dem Nachmittag von 8000 Kids in Manga-Kostümen überrannt. Da kann man echt pädophob werden.”
Das wollen wir natürlich weder ihm noch der Menschheit zumuten. Und da auch mein neuestes Buch, der kommende Woche erscheinende Wirtschaftsatlas Deutschland (Rowohlt Berlin, 19,95 Euro), ziemlich weit weg von der typischen Leipziger Messezielgruppe platziert ist, werde wohl auch ich mir den Besuch sparen. Vielleicht ja im nächsten Jahr – falls eins meiner Kinder bis dahin dem Manga-Fieber verfallen sollte.