25.04.2010 von Detlef Guertler
So etwas gab es früher nie. Die Hanse war kein Staat und auch kein Staatenbund, sondern ein Zusammenschluss von erst Kaufleuten und später Städten. Hansestädte gibt es deshalb seit Jahrhunderten zu Hunderten.
Aber jetzt gibt es auch Hansestaaten – wenn man dem Ansatz folgt, den der Wortist heute in der Welt am Sonntag vertritt, der in EU und Eurozone zwei ökonomische Kulturen im Konflikt sieht:
Im Norden handelt es sich um die hansische Kultur, die bewusst oder unbewusst in all jenen Regionen hochgehalten wird, die im späten Mittelalter dem Kaufmanns- und Städtebund angehörten. Der Hanseat agiert nach den Grundsätzen des ehrbaren Kaufmanns, die vor etwa 700 Jahren formuliert wurden. Dieses Ideal war in einer Zeit schwacher oder gar nicht existenter Nationalstaaten der gesellschaftliche Kitt Nord- und Mitteleuropas. Wenn ein Hanseat einen Kredit nicht zurückzahlen kann, dann ist das sein Problem: Er wird alles tun, um das Geld doch… weiter lesen
19.04.2010 von Detlef Guertler
“Wo die Trolle herkommen”, hat Peter Glaser herausgefunden. Nämlich aus der Abteilung für Netzhass. Sollte es diese Abteilung trotz des schlagenden Video-Beweises nicht geben, wäre dennoch eine weitere Verwendung dieses Begriffs erwägenswert: Denn manches, was in Foren und Blogs unter dem Schutz der Anonymität abgesondert wird, findet nicht einmal in Berlin-Neukölln seine Entsprechung im realen Leben.
Bei Facebook geht es da übrigens wesentlich gesitteter zu – denn für Netzhass bezahlt man dort mit seinem guten Namen. Also lässt man es lieber.
16.04.2010 von Detlef Guertler
“Kommt noch was? Wahrscheinlich nicht.” So seufzte der hochgeschätzte Kollege Dr. Christian Ankowitsch heute auf seiner Facebook-Fanpage, als seine Fans auch nach fünf Stunden immer noch keine ihn zufrieden stellende Wortschöpfung gefunden hatten.
Die von ihm gestellte Aufgabe lautete:
Dr. Ankowitsch sucht nach einem einzigen Wort, das folgenden Sachverhalt auf den Punkt bringt: Das eine wollen, das gerade Gegenteil davon bekommen. Ruhig auch ein zusammengestoppeltes, erfundenes Wort. Und denkt, dass es dieses Wort wohl nicht geben kann.
Warum so resigniert, Kollege? Okay, mag ja sein, dass die vorgeschlagenen Wörter
afghanistanieren
herthanieren
Paradoxsatisfaktion
contranancieren
lutum-pro-toto
allesamt noch nicht der Weisheit letzter Schluss sind – aber das Wortschöpfungsgewerbe ist nun mal ein hartes Stück Schwarzbrot, selbst wenn das Ergebnis manchmal spielerisch leicht daherkommt. Und es kann Tage, Wochen, Monate oder gar Jahre dauern, bis sich das passende Wort findet. Und, zugegeben, manchmal findet es sich… weiter lesen
13.04.2010 von Detlef Guertler
Wer nichts sehen kann, ist blind.
Wer nichts hören kann, ist taub.
Wer nichts sagen kann, ist stumm.
Und wer nichts riechen kann? Hat Anosmie. Aber kein Adjektiv.
Aber warum nicht? Natürlich: Blinde, Taube, Stumme fallen eher auf und sind auch stärker behindert als Menschen, die nichts riechen können (auch wenn die Betroffenen das gelegentlich anders sehen) – aber zumindest hin und wieder ist doch eigentlich jeder Mensch von diesem Leiden betroffen, nämlich wenn er Schnupfen und buchstäblich die Nase voll hat. Warum gibt es trotzdem kein Adjektiv dafür, das es in die Umgangssprache geschafft hätte?
Und wie könnte es heißen, wenn man es jetzt erfinden wollte? Zum Einstieg in die Diskussion zwei Vorschläge. Einer von mir:
- tschi: Angelehnt an das mit dem Schnupfen verbundene Hatschi hätte dieses Adjektiv eine gute Chance auch von jemand verstanden zu werden, der es noch nicht kennt, was die… weiter lesen
08.04.2010 von Detlef Guertler
Vielleicht merken im Laufe der aktuellen drachmatischen Entwicklungen ja doch noch ein paar mehr Leute hierzulande, dass Deutschland gerade mit vollem Karacho den Euro und die Europäische Union an die Wand fährt; dass die hiesige merkantilistische Wirtschaftspolitik nicht nachhaltig ist; dass Deutschland unter Merkel dabei ist, sich noch stärker zu isolieren als England unter Thatcher; und dass der Zerfall Europas nicht so lange wartet, bis die Wahl in Nordrhein-Westfalen vorbei ist, sondern sich vorher vollzieht. Nämlich jetzt gerade.
Bei der FTD gibt es jedenfalls schon “Rezepte gegen den Exportexzess”, auch wenn sie nicht besonders originell sind (ich hätte da bessere, aber die behalte ich für mich und für den Facebook-Salon von Edward Hugh, solange die Flachsinnigen in Berlin nicht begreifen, dass sie Teil des Problems sind). Und mit Exportexzess ist eben nicht China gemeint, sondern Deutschland – denn hier liegt der Leistungsbilanzüberschuss in Relation zum Bruttoinlandsprodukt… weiter lesen
07.04.2010 von Detlef Guertler
“Swipen, lesen, Spaß haben”, facebookt Oliver Michalsky, Welt-Online-Vizechef, über den “iKiosk der WELT auf dem iPad”. Nun habe ich weder iPad noch iPod noch iMac noch iPhone, so dass das mit dem iKiosk auch so schnell nichts werden wird, trotzdem wüsste ich gerne, was es mit dem Swipen auf sich hat. Bei Leo werden mir zwei recht gegensätzliche Möglichkeiten offeriert:
1. sich etwas krallen: Im American Heritage Dictionary stehe als eine der Bedeutungen von swipe: to steal, und dort finde sich: “Cop, hook, and swipe frequently connote quick, furtive snatching or seizing”.
2. eine Magnetkarte durchziehen: Denn die Magnetstreifenkarte heißt swipe card, und das Verb to swipe in diesem Sinn steht für das Vorbeiführen des Magnetstreifens an einem Lesegerät – in diesem Fall also wohl für einen Bezahlvorgang.
Michalskys Swipen kann also theoretisch sowohl Bezahlen als auch Nichtbezahlen bedeuten, in beiden Fällen… weiter lesen
06.04.2010 von Detlef Guertler
Ohne jetzt näher auf die von Joachim Steinhöfel gebloggte (und von Gerhard Schröder abgemahnte) Schilderung von Margot Käßmanns Blau-Rotlicht-Fahrt einzugehen: Das in Kommentar 78 auftauchende Wort “Qualitätskanzler” gefällt mir ganz außerordentlich.
Leider gibt es derzeit keinen Grund, hierfür auch eine weibliche Form zu bilden.
Disclaimer: Ich habe zwar im Jahr 2002 ein Buch mit gesammelten Sprüchen Gerhard Schröders publiziert, stand mit ihm aber niemals in persönlicher oder geschäftlicher Beziehung.
05.04.2010 von Detlef Guertler
Wie hieß es doch kürzlich in der WELT: Es
besteht eine große Gefahr, dass die demnächst anstehenden sozialen Unruhen im Süden Europas sich nicht so sehr gegen die einheimischen Verantwortlichen richten werden, sondern gegen den hässlichen Deutschen, den Merkel, Schäuble und Westerwelle in dieser Dreifaltigkeit geradezu perfekt verkörpern.
Und schon geht`s los. Der für sein loses Mundwerk bekannte griechische Vize-Premier Theodoros Pangalos attestierte heute den Deutschen eine
moralisierende und rassische Herangehensweise, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat.
Denn nach deutscher Sicht
arbeiteten die Griechen nicht genug. Sie genössen stattdessen “das gute Wetter, die Musik und das Trinken und sind nicht so ernsthaft wie die Deutschen”.
Nun kann man auch diesen Vorwurf für eine “moralisierende und rassische Herangehensweise” halten, was insbesondere in Deutschland jetzt vermutlich gerne gemacht wird. Weil Merkel, Schäuble und Westerwelle, weil die hässlichen Deutschen also sich
natürlich weiterhin keiner Schuld bewusst sind,… weiter lesen
03.04.2010 von Detlef Guertler
Oster-Ausflug mit der ganzen Familie ins Herz von Andalusien – Jerez und Cadiz. Auf der Rückfahrt nickt Clemens, 8, kurz ein. Als er wieder aufwacht, sagt ihm Lucie, 11: “Fast wäre Papa gerade auf ein anderes Auto aufgefahren.” (Stimmt natürlich nicht – was kann ich dafür, dass der Schleicher die linke Spur nicht schnell genug frei gemacht hat?) Clemens widerspricht: “Drauffahren, das geht doch gar nicht. Das kann vielleicht ein Monster-Truck, aber doch nicht Papa.” – “Doch, das sagt man so”, gebe ich Lucie recht, “wenn man einem anderen Auto hinten rein fährt, nennt sich das eben Auffahrunfall.” – “Blöd”, meint Clemens, “Reinfahrunfall wäre viel besser.”
Gerade will ich meinem Sohn erklären, dass sich die Deutschen wohl kaum von ihrem gewohnten Auffahrunfall abbringen lassen werden, da fällt mir eine viel bessere Verwendung für dieses Wort ein: Dafür dass ein Auto dem anderen in die Seite fährt, gibt es noch kein… weiter lesen