29.05.2010 von Detlef Guertler
“Es hat mich gerafft, ich liege flach und muss börgsen”, mailt mir Anja. Nun habe ich das Wort “börgsen” zwar noch nie gehört (auch Google kennt es als Verb nicht wirklich), aber ich kann mir rein lautmalerisch sofort vorstellen, was damit gemeint sein könnte. Und da im Deutschen zwischen dem sehr direkten “kotzen”, dem allzu harmlosen “spucken” und dem etwas gekünstelten “sich erbrechen” noch ein Sprachloch klafft, könnte “börgsen” dort gut hineinpassen.
Ach ja: Gute Besserung, Anja.
27.05.2010 von Detlef Guertler
Nein, die Rheinische Post gehört nicht zu meiner üblichen Lektüre, auch online nicht. Deshalb bin ich erst beim Schlendern durch die Wortwarte über diese putzige Schlagzeile vom 19. Mai gestolpert: “Merkel fordert neue Schuldenkultur”.
Hat sie natürlich nicht gefordert – sondern eine neue Stabilitätskultur, ein auch schon von Gerhard Schröder gerne gebrauchter Begriff. Eine Schuldenkultur, das wäre ja ein lässiger Umgang mit angehäuften Schulden, wie ihn sich nur die wahrhaft Reichen leisten können. So wie die alten Römer: Deren Schuldenkultur hat es sogar schon auf einen Buchtitel geschafft: “Solvendi sunt nummi – Die Schuldenkultur der späten römischen Republik im Spiegel der Schriften Ciceros” von Christian Rollinger.
Eine neue Schuldenkultur in Deutschland könnte zwar tatsächlich die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion retten; aber so haben es wohl weder die Rheinische Post noch Angela Merkel gemeint. Und Deutschland schon gar nicht.
25.05.2010 von Detlef Guertler
Zuerst hatte die FTD noch von einem Blitzrückzug Roland Kochs geschrieben. Aber wenn ein Politiker schon seit langem als Auslaufmodell gilt und ebenfalls schon vor längerer Zeit klar gemacht hat, dass er rechtzeitig vor den nächsten hessischen Landtagswahlen das Feld räumen würde, und ebenfalls schon vor Monaten seinen Rückzug mit Angela Merkel abgesprochen haben will, kann es ja soo blitzig gar nicht sein.
Der zweite Versuch war dann schon gelungener: Politiker in den Wirtschaftswechseljahren präsentiert jetzt eine FTD-Bilderserie, von Schröder bis Althaus. Begrüßenswert daran ist ja auf jeden Fall, dass abgehalfterte Politiker nicht mehr einfach nach Europa weggelobt werden – ein paar mehr politische Schwergewichter in Brüssel hätten sicherlich geholfen, Deutschland in der aktuellen Euro(pa)-Existenzkrise besser dastehen zu lassen.
Aber welches Unternehmen kann so wahnsinnig sein, sich einen Roland Koch ins Management zu holen?
19.05.2010 von Detlef Guertler
von Wolfgang Wilhem aus dem Allgäu:
Die Welt ist wirr, fürwahr. Gefühlt erhält der, der in Deutschland Kinderpornos herunterlädt, das Bundesverdienstkreuz. Jedenfalls kommt es mir so vor, wenn ich vom Umgang mit dem Internet-Sheriff Jörg Tauss lese. Leider werden die Anwälte wohl schon die richtigen Worte zur Verteidigung finden, sagen wir, dass das Tauschen von Kinderpornos strafbar ist – nicht jedoch das Taussen.
18.05.2010 von Detlef Guertler
Worin bestehen die Aktivitäten von Banken? Klar, in Finanztransaktionen. Ob Sparbucheinrichtung oder Kreditvergabe, Börsengang oder komplex strukturierte Swap-Geschäfte, egal, alles sind Finanztransaktionen und gleichzeitig Aktivitäten. Also sollte eine Finanztransaktionssteuer ja wohl das gleiche sein wie eine Finanzaktivitätssteuer, oder?
Ist es aber nicht. Die Finanztransaktionssteuer enthält das, was draufsteht: eine Steuer auf Finanztransaktionen. Sie wollen zum Beispiel SPD und CSU. Die Finanzaktivitätssteuer hingegen ist eine Extra-Steuer auf Banken-Gewinne und Bänker-Boni. Sie wollen unter anderem der IWF und die FDP. Sie ist also gerade keine Steuer auf Aktivitäten, sondern auf diejenigen, die diese Aktivitäten entfalten. Das kann man Dealersteuer nennen oder Spekulantenzuschlag oder oder oder, aber jedenfalls nicht Finanzaktivitätssteuer.
Wer diesen Begriff gebraucht, will vernebeln und manipulieren und vermutlich jegliche Art von zusätzlicher Belastung der Finanzmärkte hintertreiben. Das Wort Finanzaktivitätssteuer ist also politischer Giftmüll und sollte ebenso aus dem Vokabular geworfen werden wie die es gebrauchende Partei aus der Regierung.
14.05.2010 von Detlef Guertler
“It`s a mancession” schreibt Jeromie Cukier im OECD Factblog zu einem ganzen Pulk von Arbeitslosen-Statistiken aus den OECD-Mitgliedsstaaten. Gezeigt wird die Entwicklung der Arbeitslosenquoten zwischen Anfang 2008 und Ende 2009 von Männern und von Frauen, und in 21 der 22 untersuchten Staaten hat die der Männer stärker zugenommen – einzige Ausnahme ist Korea. Insgesamt stieg die OECD-Arbeitslosenquote der Frauen in den zwei Rezessionsjahren um 0,3 Prozentpunkte, die der Männer hingegen um 3,0 Prozentpunkte.
Cukiers einfache Erklärung: Auf dem Bau und in der Industrie, den Männerdomänen also, sind mehr Jobs weggefallen als in Läden oder Schulen, wo Frauen überrepräsentiert sind.
Gürtlers zusätzliche Erklärung: Der Abschwung war so stark, dass nicht nur die üblich verdächtigen (und häufiger weiblichen) Teilzeit- und Randbeschäftigten rausgeworfen wurden, sondern dass es auch die Kernbelegschaften (häufiger männlich) traf. Zahlen kann ich für diese Hypothese allerdings keine vorweisen.
Gar nicht erklären kann ich mir hingegen,… weiter lesen
13.05.2010 von Detlef Guertler
Die soll es jetzt in Portugal geben: 2,5 Extra-Prozent auf Unternehmensgewinne. Und die Einkommensteuer und die Mehrwertsteuer sollen auch steigen, aber ohne einen neuen Namen zu bekommen. Und die Opposition hat sogar schon signalisiert, dass sie das mitträgt.
Hui, da geht`s aber ab im Süden der Eurozone! Anstatt sich locker zurückzulehnen und den 750-Milliarden-Rettungsschirm in Anspruch zu nehmen, wie man es von den Südis eigentlich hätte erwarten können, überbieten sie sich geradezu in Staatsfinanzsanierungsbemühungen. Es scheint, dass keiner das nächste Opfer der Kapitalmärkte sein möchte – und wenn doch, dann nur nach Anstrengung aller eigenen Kräfte, denn nur dann gibt es eine Chance, gerettet zu werden.
Sollte sich tatsächlich jemand in Brüssel oder Paris (oder gar in Berlin) ans Krisensteuer gesetzt haben?
12.05.2010 von Detlef Guertler
In der gesamten Geschichte des Königreichs Spanien dürfte es noch niemals einen Moment gegeben haben, in dem es gerechtfertigt gewesen wäre, ihm zwischen a und n noch ein r zu klemmen.
Heute ist dieser Moment da: Fünf Prozent Gehaltskürzung im öffentlichen Dienst für den Rest des Jahres, und keine Erhöhung im kommenden Jahr, ebenfalls keine Rentenerhöhung im kommenden Jahr, Abschaffung der Baby-Prämie von 2500 Euro und einiges andere mehr – das klingt so, als würde sich Regierungschef Zapatero jetzt tatsächlich bewegen.
Allerdings dürfen wir jetzt ebenfalls damit rechnen, dass sich die Beschäftigten und Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes ebenfalls bewegen, woraufhin sich möglicherweise einige Tage oder Wochen in Spanien gar nichts mehr bewegt, und dann möglicherweise von den heutigen Ankündigungen nicht mehr viel übrigbleibt – aus Sparnien würde dann Sparnein. Aber vielleicht sind wir da ja zu pessimistisch…
11.05.2010 von Detlef Guertler
Das ist der wohl kürzeste Nenner, auf den die Euro-Krise gebracht werden kann. Denn der vom FT-Journalisten Neil Hume geprägte Begriff “Drachmark” für die europäische Gemeinschaftswährung enthält genau jene zwei ökonomischen Kulturen (hansisch und mediterran), die in dieser einen Währung zusammengepackt wurden.
Und die nun mal so gar nicht zusammenpassen, wie erst kürzlich der Wortist schrieb:
Um doch noch zu einer gemeinsamen ökonomischen Kultur zu kommen, müsste der Süden jetzt auf nördliche Weise reagieren: Abbau der Sozialleistungen sowie sinkende Löhne, um die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Unternehmen zu verbessern. … Gleichzeitig müsste wiederum der Norden auf südliche Weise reagieren. Dafür müssten die Leistungsbilanzüberschüsse deutlich sinken: durch mehr Konsumausgaben, höhere Löhne oder höhere Verschuldung. Allerdings treibt die Aufforderung, mitten in der Krise auf Pump zu konsumieren, einem ordentlichen Deutschen die Zornesröte ins Gesicht. Das Trennende der ökonomischen Kulturen scheint sich also als stärker zu erweisen als… weiter lesen