“Wir haben in Deutschland Merkeldämmerung und nächstes Jahr Neuwahlen.” Sagte heute abend vor dem Reichstag ein Herr Wulff aus Lübeck in die Kamera der ARD. Natürlich können wir uns damit genau so täuschen wie mehrfach bei Helmut Kohl, der 18 Jahre lang alle Probleme und Skandale ausgesessen hat. Aber die 25 Koalitions-Wahlmenschen, die bei der Bundespräsidentenwahl offensichtlich zweimal bewusst gegen den Merkel-Kandidaten gestimmt haben, haben keinen spontanen Unmut geäussert – sondern geplant agiert. Keine Ahnung, wie Merkel das wieder einfangen will.
Archive for Juni, 2010
Showdown im Reichstag. Jene Bundespräsidentenwahl, die schon längst entschieden wäre, wenn es sich tatsächlich um eine reine Personenwahl handelte. Jene Wahl, die erstmals seit Menschengedenken (im Westen: im Osten erstmals seit 20 Jahren) ein breites politisches Engagement jenseits der vorhandenen Parteien erzeugt hat.
Natürlich kann man daran zweifeln, dass diese Parteienunabhängigkeit auch auf genügend der 1244 Wahlberechtigten übergreift, um die festgefügten Blöcke im Tortendiagramm der Parteien-Lager aufzubrechen. Aber zumindest versuchen kann man es. So wie Peter Specht in der Pro-Gauck-Gruppe auf Facebook:
Our Task (seit Wochen): Freilegung des Herz-Hirn-Kanals von Wahlmännern und Frauen… Aufgabe heute: mentale Wache schieben, dass besagte Kanäle keiner Thrombosegefahr ausgesetzt sind…
Yep.
“BIZ warnt vor Zombiefirmen” schreibt die FTD heute. Und während es sich sonst bei solchen Wörtern meist um Schöpfungen der Überschriftenmacher der FTD handelt, hat diesmal tatsächlich die stockseriöse Bank für Internationalen Zahlungsausgleich selbst das Wort Zombiefirmen gebraucht und die aktuelle Niedrigstzinsphase mit der japanischen Niedergangspolitik in den 90er Jahren verglichen: “Das Fortbestehen ansonsten nicht überlebensfähiger Firmen, die sich nur dank Anschlussfinanzierungen über Wasser halten konnten, (führte in Japan) vermutlich dazu, dass weniger Wettbewerb herrschte, weniger investiert wurde und neue Firmen am Markteintritt gehindert wurden.” Genau das passiert offenbar auch gerade in Europa – die Bauindustrie in Spanien beispielsweise hätte eigentlich einmal komplett über den Jordan gehen müssen, um danach ordentlicher wirtschaftenden Unternehmen Platz zu machen.
Besonders verständlich hat das Problem Anfang des Jahres Philipp Bagus, Ökonom an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid, in den Schweizer Monatsheften formuliert:
Es ist ein Irrtum zu glauben,… weiter lesen
von polyphem:
Ulrike Herrmann hat das Wort “Schwarmblödheit” zwar nicht erfunden, aber sie hat es intelligent eingesetzt. Und da sie das Wort auf einem Feld verwendet, das der Wortist gern beackert, ist es vielleicht einen Eintrag in der Kategorie “Krankbank” wert?
P.S. Die Rechtschreibkorrektur des FireFox empfiehlt “begackert” (sic!)
In Frankreich und Deutschland werde auf höchster Ebene über einen Zwei-Klassen-Euro nachgedacht, meldet der Daily Telegraph – keine zwei Monate, nachdem der Wortist die Nord-Süd-Teilung Europas angeregt hatte, wäre sie damit auf Kabinettsebene angelangt. Bislang nur als Plan B, falls die Eurozone nicht zusammenhalten sollte, aber daraus kann sehr schnell ein Plan A werden.
Allerdings ist die Aufteilung, die im Telegraph vorgenommen wird, eher suboptimal. Dort sieht der Süd-Euro nämlich wie eine Art Lumpensammler aus, in dem sich die PIIGS-Staaten Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien treffen. Das wäre Unfug, das hält nie, da könnte man gleich für jeden seine eigene Neopeseta oder -drachme einführen. Soll es zu einer lebensfähigen Zweiteilung kommen, müsste sie nicht nach Kassenlage, sondern nach ökonomischen Kulturen vorgenommen werden. Und wenn Europa politisch zusammenhalten soll, ist es unabdingbar, dass der Süd-Euro ebenso über eine starke Führungskraft verfügt wie der Nord-Euro mit Deutschland.… weiter lesen
Das wäre wieder mal ein Fall für die Aktion Lebendiges Deutsch, wenn es sie noch gäbe: Wie lauten die “frischen, bunten Wörter”, mit denen man “Social Data” eindeutschen kann? Ich vermute, dass es diese Wörter bzw. dieses Wort nicht gibt, und habe als Beleg dazu mein Editorial aus der aktuellen Ausgabe der von mir chefredigierten Zeitschrift GDI Impuls hier einkopiert. Aber natürlich bin ich über jeden froh, der versucht, das Gegenteil zu beweisen.
Wir haben uns das Hirn zermartert. Wir haben diskutiert, stundenlang, immer wieder, in wechselnden Runden. Wir haben Experten und die Fachliteratur zu Rate gezogen. Aber wir sind gescheitert: Wir haben es nicht geschafft, «Social Data» zu übersetzen. In »sozialen Daten» oder «Sozialdaten» schwingt für Deutschsprachler eher Sozialamt und Sozialpolitik mit, und nicht jenes «meine Beziehungen zu anderen Menschen betreffend», das im englischen Ursprungsbegriff gemeint ist. Aber «Beziehungsdaten» geht auch nicht, das tönt… weiter lesen
Von “Marktschaft” schrieb Leser bschl in seinen Kommentaren zum vorvorvorherigen Beitrag, und meinte offenbar ein gesellschaftliches System, in dem der Markt regiert. (Vielleicht hat er auch nur den -wirt- vergessen.) Aber genau deshalb eignet sich das Wort Marktschaft nicht, um ein solches System zu kennzeichnen, weil das Wort immer unvollständig aussehen wird und nicht spezifisch genug ist.
Allerdings hat bschl damit auf ein erstaunliches Sprachloch aufmerksam gemacht: Es gibt bislang im Deutschen kein Wort für ein System, in dem der Markt regiert. Es gibt Kapitalismus und Marktwirtschaft, aber das sind beides Begriffe für Wirtschafts-, nicht für Gesellschaftssysteme – und wie gerade in Skandinavien immer wieder bewiesen wird, gibt es astreine kapitalistische Systeme, in denen aber der Staat regiert. Und es gibt die Plutokratie, die Herrschaft der Reichen, die aber nicht deckungsgleich mit der Herrschaft des Marktes ist, sondern eine Abart der Oligarchie.
Wenn es ein Wort noch nicht… weiter lesen
Für alle, die jetzt ganz fasziniert sind, dass der Pop-Gigant Stefan Raab eine minderbemittelte Studententruppe produzieren will, die aus Lenas “Satellite” eine Raubkopie namens “Schland o Schland” gebastelt haben (nicht mal die Raab-Erzfeinde von Bild kommen daran vorbei), sich das aber nicht so recht erklären können, hier eine doppelte Erklärung dafür:
1. Das Wort Schland (als alllloholisierte Version von Deutschland) wurde von Stefan Raab selbst erfunden, nämlich vor der WM 2006, und in den TV-Total-Sendungen im Juni 2006 entsprechend häufig verwendet.
2. “Schland” ist, vermutlich seitdem, markenrechtlich geschützt und zwar, so ein Diskussionsbeitrag im Forum eRecht24 von Mai 2008, “von der Raab TV-Produktion GmbH, u.a. für Bekleidungsstücke, Schuhwaren, Kopfbedeckungen, insbesondere Halstücher, T-Shirts, Sweatshirts, Jacken, Regencapes, Hüte, Baseballkappen, Hosen und weitere Klassen.”
Wenn also Schland in den kommenden Wochen zum Renner werden sollte, und alle Deutschen entsprechende Shirts, Fahnen oder sonstiges kaufen wollen, kriegen acht… weiter lesen
“Auch für Tollhaus gibt es noch eine verbale Steigerungsform”, schreibt Andreas Theyssen in der heutigen FTD: “Sie heißt Merkelei. Da ist die Kanonade von Verbalinjurien (“Wildsau”, “Gurkentruppe” etc.), mit denen sich die Koalitionäre in den letzten Tagen beharkten. Da sind die Nickeligkeiten im parlamentarischen und Regierungsalltag, die die Exekutive lähmen. Und der Kanzlerin gelingt es nicht, ihre wildsäuischen Gurkentruppenreihen zu ordnen.”
Ein bisschen zahm, dieses Neuwort – fast niedlich klingt die Merkelei. Dabei bräuchten wir harte Worte, damit die Koalition sich selbst schneller an die Wand fährt als die Europäische Union, damit wir letztere vor ersterer retten können. Aber irgendwie lässt sich mit dem Namen Merkel überhaupt nichts Hartes und Hässliches verbinden. Oder doch? Jede Idee ist herzlich willkommen.
Aus aktuellem Anlass, nämlich den umlaufenden Gerüchten, dass in der EU ein Bailout für die spanischen Banken vorbereitet wird, hier ein Text, den ich vor genau vier Wochen zwei überregionalen deutschen Tageszeitungen angeboten habe, ohne auch nur eine Reaktion zu bekommen. Der Text beschreibt (und wünscht sich) eine “thermonukleare Option” zur Lösung der europäischen Finanzkrise, durch weitgehende Zerstörung des europäischen Bankensystems. Aber lesen Sie selbst.
Die europäischen Politiker werden derzeit von den Finanzmärkten getrieben. Keine Atempause, kein Einlenken, die Märkte (oder die Banken, oder die Hedge Fonds, oder ein paar Monsterspekulanten, wer weiß das schon so genau) haben das Vertrauen in den Euro, die Eurozone und Europa verloren, sie drängen in Scharen heraus, werfen den Staaten und der Europäischen Zentralbank (EZB) die griechischen Anleihen aus ihren Depots vor die Füße. Nicht einmal die sogenannte “nukleare Option” hat diese Märkte beeindruckt – der Einstieg in den… weiter lesen