28.09.2010 von Detlef Guertler
Gestern mittag mit Christian Ankowitsch unterwegs. Beim Überqueren irgendeines Zebrastreifens sagt er: “Das ist gut beim Spazierendenken.” Er meinte natürlich nicht den Zebrastreifen, sondern irgend etwas anderes, aber den Zusammenhang habe ich längst vergessen.
Macht aber auch nichts. Spazierendenken ist ein lockerer, gelöster Begriff für etwas, das wir üblicherweise in härtere Worte packen, obwohl es eigentlich leicht daherkommen sollte – das Herumspinnen oder Brainstormen, also das irgendwie nach neuen Ideen, Begriffen, Produkten, Lösungen suchen. Vielleicht liegt es ja auch an den Worten, dass viele Menschen bei solchen Suchen verkrampfen, sich nicht von ihren gewohnten Gedankenbahnen lösen können. Man könnte ja zumindest mal versuchen, bei der nächsten Suche nach einem neuen Hühnersuppenslogan nicht zum Brainstorming, sondern zum Spazierendenken einzuladen.
22.09.2010 von Detlef Guertler
“Die Zeitungen müssen radioiger werden”, schreibt Falk Heunemann in der FTD-Rubrik “Das Letzte”. Und schließt dann folgende Ratschläge an:
1. Schluss damit, dem Konsumenten immer nur das Allerneuste zu bieten. Das will der doch gar nicht. Das Aktuellste von heute, ja schon, aber eben auch das Beste der Achtziger und die Hits der Neunziger.
2. Ein Medium ist nur dann erfolgreich, wenn die Übergänge zwischen einzelnen Stücken mit eleganten Überleitungen verknüpft werden. Also nie mehr störend pointierte Überschriften, nie mehr Artikelenden, die den Lesegenuss unterbrechen.
3. Und dann darf natürlich nicht die regelmäßige Info fehlen, wen man gerade liest und dass man hier zwei Seiten früher informiert wird.
“Achtung, Satire!”, überschrieb turi2 seinen Link zu Heunemanns Text. Das sehe ich durchaus anders. Insbesondere der erste Tipp ist nämlich ziemlich knorke, wie man früher wohl gesagt hätte. Mein Lokal-Käseblatt “Marbella Express” beispielsweise hat bereits die dazu passende… weiter lesen
19.09.2010 von Detlef Guertler
Ist das eigentlich ein Anglizismus? Wenn man das englische Game mit der deutschen -fizierung zusammenbringt? Dabei habe ich doch extra den Begriff “gamification” angedeutscht, den Bruno Beusch und Tina Cassani in ihrem Beitrag im neuen GDI Impuls (von mir chefredigiert) verwenden, um ihn verständlicher und brauchbarer zu machen.
Denn ob Anglizismus oder nicht, die Gamifizierung ist auf jeden Fall Trend. Denn das Spiel ist gerade dabei, die linearen Medien Film und Fernsehen als Leitmedien abzulösen (was Gundolf S. Freyermuth in diesem Heft sehr schön beschreibt), und bei der Sozialisation der Millennium-Generation nimmt das Spiel eine ähnlich zentrale Rolle ein wie das Fernsehen bei den Babyboomern. Deshalb werden spielerische Elemente in immer grösserem Ausmass in Wirtschaft und Gesellschaft eingesetzt werden. Um mit Beusch/Cassani zu sprechen: “Unternehmen und Marken, die ihr Angebot mit Spielmechanismen anreichern und dadurch Replay-Value schaffen, haben einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil.”
Also wieder alles… weiter lesen
18.09.2010 von Detlef Guertler
Ein Vorschlag von Wortistik-Leser Mario Kluge:
“Ich finde das Wort Toolistan beschreibt ideal eine verworrene IT-Anwendung und die Gefühle der Nutzer: unübersichtlich, weitgehend hoffnungslos – und wenn man einen Fehler macht, ist man verloren.”
Gerade in Konzern-Netzwerken soll es immer wieder vorkommen, dass man sich Lost in Toolistan fühlt: “Ein neues oder verbessertes Tool klingt nach harmlosem Werkzeug, das auch beidseitige Linkshänder bedienen
können. Wenn da nicht die Erfahrung wäre. Die Erinnerung an nicht hochgeladene Dokumente. An hilflose Versuche, neue Orte einzugeben. An die Ungewissheit, ob das Tool noch seiner Werktätigkeit nachgeht oder sich der PC schon ins Koma begeben hat.”
Natürlich legen wir hier ausdrücklich Wert auf die Feststellung, dass solche Dinge niemals in den Netzwerken jenes Unternehmens vorkommen, für das unser Leser tätig ist. Weshalb es natürlich auch völlig sinnlos wäre, den Namen des Unternehmens zu nennen.
15.09.2010 von Detlef Guertler
Manchmal sind wir Journalisten wirklich schwer von Begriff. Vor etwa einem Monat hat das Arbeitsministerium damit begonnen, von Basisgeld zu reden, wo eigentlich Hartz IV gemeint war. Ebenfalls schon im August hat Ministerin Ursula von der Leyen den Begriff erstmals in einem Interview verwendet:
Der Tagesspiegel: Läuft das Urteil auf mehr Geld für Hartz-IV-Familien hinaus?
von der Leyen: Eines ist sicher: Die Bildungsförderung der Kinder wird den Bund mehr Geld kosten. Denn bisher erhalten die Eltern diese Unterstützung nicht. Sie kommt jetzt oben drauf. Wie hoch der Lebensunterhalt, das Basisgeld also, ausfallen wird, darüber gibt es noch keine Berechnungen.
Anfang September rochen die Leyen-Gegner der Webseite gegen-hartz.de den Braten:
Die Bundesregierung plant offensichtlich den alten Begriff Hartz IV Regelsatz durch den Begriff “Basisgeld” auszutauschen. Damit soll eine “differenzierte Berechnung” suggeriert werden.
Aber so richtig anspringen wollte darauf immer noch niemand. Also… weiter lesen
14.09.2010 von Detlef Guertler
An Philipp von Brandensteins Facebook-Pinnwand steht heute:
“Nach einem (jahrzehntelangen) bleiernen “Herbst des Patriarchen” ist der Untergang des operettenhaften Tropenkommunismus nun unübersehbar und unumkehrbar geworden.”
Gemeint sind natürlich Castro, Kuba und die Ankündigung, dort eine halbe Million Beschäftigte rauszusetzen, womit das Land irgendwie marktwirtschaftlicher werden soll. Aber erstaunlicherweise gab es bislang so gut wie keine Nennungen für den Tropenkommunismus – obwohl Kuba seit mehr als 50 Jahren kommunistisch und seit mehr als 5000 Jahren tropisch ist.
Was durchaus daran liegen kann, dass sich in Deutschland die Sozialwissenschaftler selten mit dem Einfluss des Klimas auf den Lauf von Geschichte und Wirtschaft beschäftigen wollen. Sonst müssten sie sich ja fragen, warum es in den gesamten Tropen praktisch keinen funktionierenden Kapitalismus gibt. Oder warum ausgerechnet in den Tropen ein kommunistisches Regime den Untergang des restlichen Blocks um zwei Jahrzehnte überlebt hat. Das kann nicht nur das Charisma eines… weiter lesen
12.09.2010 von Detlef Guertler
“Thilophobie ist ein neues Wort, über das ich derzeit stolpere. Leider nicht von mir.”
schreibt mir Wortistik-Leser und -Mitautor Christian Dombrowski.
Stimmt, Kollege. Ich bin zwar noch nicht drüber gestolpert, weil ich mich ein paar Tage in der Schweiz und dort auf der Handelstagung des GDI Gottlieb Duttweiler Institute aufgehalten habe (Disclaimer: Ich chefredigiere für die die Zeitschrift GDI Impuls), also inhaltlich wie geografisch seeehr weit weg von den aktuellen Sarrazinismen war; aber jetzt zurück in meiner Lebensabschnittsheimat Marbella stelle ich fest, dass weiter munter daran gearbeitet wird, den Migrations- und Intelligenzdebatten unter Verwendung von Vor- oder Nachnamen des Hauptakteurs beizukommen. Auch Thilostan wird derzeit gerne genommen (und beide besonders gerne bei einem Blog namens politically incorrect, zu dem ich nicht verlinke).
Ich nehme diese Begriffsbildungen zur Kenntnis (und hiermit zu Protokoll), halte die Richtung aber für nicht besonders fruchtbar: Thilo Sarrazin ist ja weder das Problem noch die… weiter lesen
10.09.2010 von Detlef Guertler
Für die Schweizer ist dieses Wort ein alter Hut. 2760 Treffer findet Google für Opfersymmetrie – fast ausschliesslich auf Schweizer Webseiten. Verwendet wird es in Haushaltsdebatten oder bei Vergleichsverhandlungen: Wenn Ausgaben gekürzt werden müssen, oder wenn Gläubiger auf einen Teil ihrer Ansprüche verzichten sollen, wenn Opfer gebracht werden müssen, dann soll es dabei gerecht zugehen.
Im Deutschdeutschen wird dieser Begriff hingegen überhaupt nicht verwendet. Hier wird eher verteilt und ausgeglichen: Es gibt den Lastenausgleich, der Verluste verteilt, oder den Finanzausgleich, der den Starken nimmt und den Schwachen gibt. Das mag als Begriff dann funktionieren, wenn tatsächlich eine Handlung beschrieben werden soll, die Lasten unter den Betroffenen verschiebt. Die Opfersymmetrie hingegen enthält keinen solchen Aktionsbezug, sondern tendiert ins Grundsätzliche. Das verbindet sie mit der in Deutschland (als Begriff) sehr verbreiteten Verteilungsgerechtigkeit.
Doch die Verteilungsgerechtigkeit hat einen entscheidenden Nachteil: Sie ist auf einem Auge blind. Sie… weiter lesen
06.09.2010 von Detlef Guertler
Frage: Was haben folgende Länder gemeinsam?
Liberia, Kamerun, Angola, Somalia, Bhutan, Usbekistan, Afghanistan, Deutschland
Antwort: In der Weltkarte der letzten Volkszählung sind sie die einzigen Länder, bei denen eben diese letzte Volkszählung schon mehr als 20 Jahre zurückliegt.
Welche Folgen das für Liberia, Kamerun, Usbekistan & Co. hat, wage ich nicht zu beurteilen. Für Deutschland bedeutet es jedenfalls, dass ein guter Teil unserer statistischen Daten von einer derart armseligen Qualität ist, dass es der Sau graust. Nur ein Beispiel aus aktuellem Anlass: Daten mit Migrationshintergrund. Und dazu ein Zitat aus einer Destatis-Pressemeldung von vor gut einem Jahr:
“2008 wurden 738 000 Fortzüge verzeichnet. Das waren rund 100 000 mehr als im Vorjahr. Bei den Fortzügen im Jahr 2008 entfielen 175 000 auf deutsche (2007: 161 000) und 563 000 auf ausländische Auswandererinnen und Auswanderer (2007: 476 000). Grundlage dieser Zahlen sind die Angaben der Meldebehörden. Wegen der bundesweiten Einführung der persönlichen… weiter lesen