“Ich hoffe ja wirklich noch, dass das mit der Euro-Zone nicht zum Riesenfiasko wird”, schreibt mir Freund und Wortistik-Leser Hans Martin. “Mit jeder Dominoökonomie schwindet die Hoffnung aber ein bisschen mehr.”
Mich machen ja nicht so sehr die Pleite-Aussichten der Südis besorgt als vielmehr die Aktionen der Deutschen – trotzdem freue ich mich natürlich weiterhin über jedes Neuwort, dass sich in einer solchen Krise prägen lässt.
Mal ehrlich: Hätten Sie vor vier Jahren auch nur den leisesten Schimmer gehabt, was eine Dominoökonomie überhaupt sein soll? Und heute läuft bei Nennung dieses Wortes in Sekundenbruchteilen ein Katastrophenfilm vor Ihren Augen ab.
Noch wissen wir nicht, ob es rechtzeitig vor dem alles entscheidenden Domino-Day ein Happy-End geben wird. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.
Archive for November, 2010
“Introducing the Merkel crash”, schreiben die angelsächsischen Verschwörungspraktiker von FT Alphaville, und zitieren dann aus einem Text des Analysten Harvinder Singh von der Royal Bank of Scotland:
“This is the Merkel crash we have been outlining. If you think a country will get a high coupon for new issuance in H2-13 then it is right to see the sovereign weaker right now. Then the self-fulfilling nature of the crisis starts.”
Oder sinngemäß auf Deutsch: Wenn die Deutschen in der EU einen Mechanismus durchsetzen, bei dem Mitgliedsstaaten ab 2013 pleite gehen dürfen, ist ja wohl klar, dass die Anleihen der üblich verdächtigen Staaten heute schon verkauft werden. Und genau das ist dann ja auch heute den spanischen Bonds passiert.
Das, was da heute bzw. in der vergangenen Woche an den Märkten stattgefunden hat, hat natürlich niemand hierzulande als Crash wahrgenommen. Aber das kann ja noch werden – es… weiter lesen
Artur Becker hat sich als Wortist betätigt. Der polnische auf deutsch schreibende Schriftsteller, mir bislang nicht bekannt, wurde in der mir wesentlich bekannteren Zeitschrift “Das Magazin” porträtiert. Unter anderem so:
“Aber so ist unsere Zeit. Unsere Zuhäuser…” Er blickt kurz fragend auf. “Sagt man so?” Ist es im 10. Jahr des 21. Jahrhunderts nicht an der Zeit, dass ein Exilant den Plural des Wortes Zuhause erfindet?
Erfinden ist natürlich übertrieben. Vereinzelt haben sich auch schon andere Menschen mit diesem nicht-existenten Plural beschäftigt, den es ähnlich auch beim Begriff Heimat nicht gibt.
Eine gänzlich andere Füllung für das gleiche Sprachloch hat beispielsweise Katharina Gusenbauer im Jahr 2008 in ihrer Keramik-Diplomarbeit “Zuhausen” (PDF) gefunden:
Zuhäuser stützt sich auf die Pluralbildung von Haus > Häuser. Insgesamt hebt ein solcher Plural das Wort Haus/Häuser meiner Meinung nach zu sehr in den Vordergrund. Das Anhängen eines –s an Wörter wird… weiter lesen
Sieht gut aus, oder? Und, wissen Sie, was damit gemeint sein könnte? Nein, dieses Wort habe ich nicht erfunden, sondern heute live in Düsseldorf gesehen.
Na, kommen Sie drauf?
Ist doch ganz einfach. Dürüm ist ein eingerollter Döner (der einem also zumindest eine Chance gibt, einen Döner zu essen ohne sich zu bekleckern), und wenn es dazu noch Beilagen und ein Getränk gibt, wird daraus ein Menü. Ein Dürümmenü eben.
Ein echtes deutsches Wort also, wenn auch mit türkisch-französischem Migrationshintergrund; und erst durch diese Kombination erhält es seine einzigartige, quasidadaistische Konsistenz. Mehr davon, bitte.
Großes Hallo in Berlin und anderswo: Die Street-View-Funktion bei Google ist freigeschaltet. Wie sieht das da aus, wo ich wohne? Steht da jemand auf meinem Balkon? Kann man beim Puff um die Ecke in die Fenster sehen? Wer hat sich verpixelt?
“Spießer! Bei mir gegenüber hat einer pixeln lassen”, echauffiert sich Welt-Vizechefredakteur Oliver Michalsky auf seiner Facebook-Seite. Auch einer Mitdiskutantin fällt das bei sich auf: “dafür, dass das so wenige gemacht haben sollen, haben das echt viele von meinen nachbarn gemacht…”.
Und Thomas Kosinar wirft ein: ”… man nennt es auch google-street-burka.”
Was ich natürlich sofort überprüft habe: Ganz Google findet keinen einzigen Treffer für Google-Street-Burka, weder mit Bindestrichen noch ohne – also dürfte Thomas Kosinar zumindest den Anspruch auf erstmalige öffentliche Nutzung dieses Wortes stellen.
Aber der Ausdruck ist wirklich treffend. Vielleicht sollte mal jemand Jeff Jarvis Bescheid sagen, der wirft das Wort bestimmt… weiter lesen
“Yep” begegnet mir sehr häufig in englischsprachigen Diskussionen, zum Beispiel bei Edward Hugh in Facebook oder bei Markets Live auf FT Alphaville. Und wenn ich dort mitdiskutiere, verwende ich diese etwas zackigere Bejahungsvariante ebenfalls.
In deutschen Debatten habe ich diesen Begriff auch schon da und dort angebracht – aber bislang nur mündlich, nicht schriftlich. Mitten unter lauter deutschen Wörtern sieht Yep einfach nicht gut aus. Dafür gefällt mir die Eindeutschung Jepp geschrieben umso besser. Sie ist nicht so sehr zackiger als das klassische Ja (dafür haben wir ja auch schon das Wort Jawoll), sondern eher dynamischer, geradezu fröhlicher – weil ein leichter Anklang an Jippie mitschwingt.
Und verstehen wird es ja wohl jeder, oder?
Eine interessante Frage wurde in den Diskussionen zu Anatol Stefanowitschs neuestem Sprachblog-Beitrag aufgeworfen. Stefanowitsch hatte es abgelehnt, entsetzt darüber zu sein, dass viele deutsche Kinder heute meinen, bei den Nachkommen der Rehe handle es sich um Rehkids. Von seinen Argumenten war eins ganz modernsprachlich:
Die Kinder … haben hier offensichtlich das gut etablierte und häufig verwendete englische Lehnwort Kid verwendet, um den viel selteneren Begriff Kitz … sprachlich aufzufrischen und neu zu motivieren.
Und eins ganz altsprachlich:
Im großen Plan der Dinge spielt es ohnehin keine Rolle, ob wir von Kids oder Kitzen sprechen; beide Wörter haben die selbe Wurzel — das alte germanische Wort *kidja, mit dem jedes Tierjunge bezeichnet wurde.
Letzteres wiederum brachte einen Diskutanten auf die Frage:
Wenn das Wort Kids auf “…das alte germanische Wort *kidja, mit dem jedes Tierjunge bezeichnet wurde.” zurückgeht ist es ja eigentlich gar kein Anglizismus, oder?… weiter lesen
plädiert Wolfgang Münchau in der FTD.
Klingt überzeugend.
Ist aber falsch.
Weil dieses Plädoyer von einem völlig falschen Verständnis von Ordnungspolitik ausgeht. Allerdings kann man das Münchau kaum verdenken, weil er erstens deutscher Journalist, zweitens deutscher Ökonom und drittens angelsächsisch geprägt ist, alles drei Personenkreise, die das mit der Ordnungspolitik schon immer falsch verstanden haben – wenn auch alle auf unterschiedliche Weise.
Ordnungspolitik hat nichts mit dem so nahe liegenden englischen “order” wie in “Law and Order” zu tun, sie schreibt eben nicht allen vor, was sie zu tun oder zu lassen haben. Und sie hat auch nichts mit dem Ordnungsfanatismus zu tun, wie ihn Münchau den Deutschen vorwirft, insbesondere Schäuble und Merkel.
Ordnungspolitik setzt keine Daumenschrauben an,… weiter lesen
Wortistik-Leser Kurt Jaworski schickte uns eine Anfrage, die er gerade an unsere Kanzlerin gesandt hat.
Sehr geehrte Frau Dr. Merkel,
in Ihrer Rede auf dem CSU-Parteitag am letzten Freitag erklärten Sie die
EISENBAHNIFIZIERUNG DEUTSCHLANDS
zu einer wichtigen Aufgabe Ihrer Partei.
Ich hörte diesen Begriff zum ersten mal. Meine Suche in vielen Internetportalen, in entsprechenden Veröffentlichungen von Verkehrsexperten und die Rückbesinnung auf mein sechsjähriges Studium an der Hochschule für Verkehrswesen blieb ohne Ergebnis.
Ich erlaube mir deshalb die Frage nach einer entsprechenden Definition dieses von Ihnen geprägten Begriffes. Mit etwas Fantasie könnten damit die Vorgänge in Stuttgart, die Einschränkung des Automobilverkehrs, der Umbau der Autobahnen zu Eisenbahntrassen und sogar der damalige Bau der Transsibirischen Eisenbahn in der UdSSR gemeint sein.
Bitte klären Sie mich und dadurch viele andere Bürger auf.
Wir schließen uns dieser Anfrage gerne an, weisen allerdings darauf hin, dass Angela Merkel diesen Begriff NICHT auf dem CSU-Parteitag… weiter lesen