“App” und “leaken” kristallisieren sich nach dem derzeitigen Stand als Favoriten für die Wahl zum “Anglizismus des Jahres” heraus, die dieses Jahr erstmals von Sprachblogger Anatol Stefanowitsch veranstaltet wird, dem Schrecken aller Sprachnörgler. Die Nominierungsbedingungen:
Nominierte Wörter sollten (ganz oder in Teilen) aus dem Englischen stammen, sie sollten neu sein, d.h. im Jahr 2010 zum ersten Mal verwendet worden oder wenigstens zum ersten Mal in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gelangt sein. Sie sollten eine interessante Lücke im deutschen Wortschatz füllen, entweder, indem sie eine vorhandene Wortbedeutung weiter ausdifferenzieren oder, indem sie ein Wort für etwas bereitstellen, was es vorher nicht gab oder was vorher nur mühsam umschrieben werden konnte.
Für mich ist Julian Assange zwar ungefähr so real wie Lara Croft, irgendetwas stimmt so sehr an der ganzen Wikileaks-Geschichte nicht, dass ich mich lieber ganz raushalte, aber auch ich kann nicht verhehlen, dass “leaken” eine Bereicherung… weiter lesen
Archive for Dezember, 2010
“Sagt mal, passiert euch das auch manchmal?”, fragt Dr. Stefan Schneider, Noch-Deutschlehrer in Marbella, beim Abendessen: “dass ihr so aufgeregt seid, dass ihr gleich zwei Wörter auf einmal sagt? So dass dann so etwas herauskommt wie ‘Mein Gott, bist du bloof!’”
Naja, also eigentlich passiert mir das nicht, glaube ich. Also zumindest nicht mit blöd und doof. Aber klingt trotzdem gut, oder?
Mal wieder einer von diesen Tagen, an denen ich mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden bin. Kaum aus dem Haus zum Brötchenholen, fängt es an zu schütten (nein, kein deutscher Schnee, sondern andalusischer Regen), plitschnass wieder zurück, bleibe ich in den Küche an der Zimtdose hängen, die sich noch im Fallen öffnet und ihren Inhalt über den Küchenboden verteilt. Dann habe ich gerade alles weggefegt, schon ist der Boden schon wieder voller Zimt – weil der an der Hose hängengebliebene (und mir bislang entgangene) Zimtanteil nach und nach der Schwerkraft folgt. Dann will ich den Käseteller auffüllen, muss aber vom gerade erst gekauften Ziegengouda die Hälfte wegschneiden, weil frecherweise schon verschimmelt.
Aber jetzt, endlich, steht alles an seinem Platz, ich setze mich dazu, will mir die erste Tasse Kaffee einschütten – aber da ist kein Kaffee. Vor lauter Zimtfegen habe ich doch glatt vergessen, Kaffee zu kochen! Ich beschimpfe mich… weiter lesen
London Banker ist wieder da! Mein Lieblings-Blogger aus der Frühzeit der Finanzkrise, damals auch mehrfach hier zitiert, hatte sich Ende 2008 eines neuen Jobs wegen aus der (anonymen) Öffentlichkeit verabschiedet, jetzt führt er sein Blog wieder weiter.
Und gleich mit einem Paukenschlag:
When historians of the future look objectively at the era preceeding this long financial crisis, they might well conclude that failure of the globalised capital system is traceable to the Basle Accords.
Die Eigenkapitalvorschriften für Banken also, die 1988 erstmals in Basel vereinbart und seither mehrmals modifiziert wurden (Basel I bis III), haben also das Scheitern des globalen Finanzsystems auf dem Gewissen?
Ja. Der Hauptgrund dafür, so London Banker: Im Basel-Akkord wurde festgelegt, dass Staatsanleihen von OECD-Staaten als risikolose Geldanlage gelten – die mit keinem Cent Eigenkapital unterlegt werden müssen, die sogar selbst Teil des Tier-1-Kapitals der Banken sind. Das… weiter lesen
von Wolfgang Wilhelm aus dem Allgäu:
Wie nennt man es eigentlich, wenn sich eine Zentralbank für die Aufgaben eines nicht vorhandenen Sozialstaates verantwortlich fühlt, indem sie ihre Zinsen senkt, damit sich auch ärmere Menschen ein Haus ohne Eigenkapital auf Kreditbasis bauen können?
Niedrigzinssozialpolitik.
Es kommt sehr, sehr selten vor, dass an einem Wort das Schicksal eines gesamten Kontinents hängt.
Eine dieser sehr, sehr seltenen Gelegenheiten ist jetzt. Der Kontinent, um den es geht, heißt Europa. Und das Wort, um das es geht, heißt auf Englisch “fiscal union”. Daran, wie es auf Deutsch übersetzt wird, entscheiden sich Wohl oder Wehe des Euro, und damit auch der Europäischen Union.
Aber der Reihe nach.
Zuerst einmal das Szenario: Die gemeinsame Währung Euro hat im vergangenen Jahrzehnt die Volkswirtschaften der Eurozone so weit auseinander gezerrt, dass jetzt grausame Wettbewerbsfähigkeitsabgründe zwischen ihnen gähnen. Insbesondere die Südstaaten Griechenland, Spanien und Portugal zeigen sich absolut unfähig, die 20 Prozent Wettbewerbsnachteil, die sie sich in der Euro-Ära angefressen haben, jetzt wieder abzuschmelzen. Das mag kulturelle Gründe haben, wie hier bereits des öfteren behauptet – die mediterranen Südis finden mit den Hansestaaten des Nordens einfach keine gemeinsame ökonomische Linie;… weiter lesen
“Ökonomen fürchten Euro-Schmelze”, meldet die FTD heute.
Was eine etwas gewagte Interpretation der im Text aufgeführten Ökonomen-Zitate ist, die sich nämlich alle auf eine Teilung der Einheitswährung in einen Nord- und einen Süd-Euro beziehen (also gerade keine Schmelze, sondern eine Spaltung), die sie dann unter anderem “ökonomisch absurd” oder “wenig durchdacht” nennen.
So wird es ja auch nicht kommen: Wenn, dann steigt Deutschland auf eigene Faust bzw. nach einem entsprechenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Euro aus – was nach einigen hässlichen Zwischenschritten zur Enteuroisierung und zur Wiederherstellung des Vor-Euro-Zustands führen dürfte.
Auch das wäre allerdings rein physikalisch eher eine Zertrümmerung als eine Schmelze. Die Schmelze dürfte eher dadurch entstehen, dass man weiter macht wie derzeit, mit einer gemeinsamen Währung für diametral entgegengesetzte ökonomische Kulturen, und das bei gigantisch hohem Finanzierungsbedarf. Das sollten die Ökonomen eigentlich fürchten. Aber nein, sie halten lieber die Schnauze und lassen… weiter lesen
Eine merkwürdige Kombination, nicht wahr. Work und Style – das klingt wie ein schwarzer Schimmel.
Das ging uns auch ein bisschen so, als wir am Gottlieb-Duttweiler-Institut in Rüschlikon darüber debattierten, ob die neue Ausgabe der von mir chefredigierten Zeitschrift GDI Impuls den Begriff “Workstyle” als Titel haben sollte. Wir haben uns dann dafür entschieden – aber nur als, na ja, Ersatzwort. Und zwar so lange wie das, was eigentlich gemeint ist, mit dem eigentlichen Begriff nicht gesagt werden kann. Der Begriff heißt Lifestyle, und er bedeutet derzeit leider nicht das, was er bedeuten sollte, nämlich die Lebensauffassung und -gestaltung. Stattdessen steht Lifestyle nur für die Freizeitauffassung und -gestaltung. Ein zentraler, ach, der zentrale Bereich des Lebens wird nicht erfasst.
Deshalb also: Workstyle. Denn die Arbeit erobert sich gerade den Platz im Zentrum unseres Lebens zurück, den sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verloren… weiter lesen
Die Bundesregierung habe “eine uneuropäische Art, europäische Geschäfte zu erledigen”, sagt der luxemburgische Ministerpräsident Jean-Claude Juncker in einem Interview in der ZEIT. Dabei ging es ihm um die harsche Abfuhr, die Schäuble und Merkel seinem Eurobond-Vorschlag erteilt haben (der einen Monat zuvor auch schon von Wolfgang Münchau gemacht und hier sehr beifällig aufgenommen wurde), ohne ihm “unter den Rock zu schauen”.
Dem Vorschlag natürlich.
Juncker hätte sicherlich auch sagen können, dass es sich da um eine “deutsche” Art handle, was allerdings die gerade aktuellen Sorgen vor einem viertreichigen Auftreten Deutschlands neu befeuert hätte. Statt dessen von “uneuropäisch” zu reden erhöht eher die Sorge, dass das mit Europa schief geht. Dass wir dann in einer Uneuropäischen Ununion nur noch mit Uneuros bezahlen.
Leider eine sehr akute Sorge. Wer, wie die Bundesregierung, erst das Schicksal der Europäischen Union an das des Euros knüpft, und dann alles… weiter lesen
aus dem Allgäu von Wolfgang Wilhelm:
Apropos Verschwörungstheorien: Gerade wurde im Zusammenhang mit Julian Assange vom Kachelmann-Faktor gesprochen:
Ob die Enthüllungen für Assange überhaupt ein juristisches Nachspiel haben werden, ist vollkommen unklar. Konstatieren kann man nur, dass die Wikileaks-Geschichte nun um einen Kachelmann-Faktor bereichert worden ist. Wohin das führt, ist offen.