29.01.2011 von Detlef Guertler
“Sind die Islamisten verschwunden?” fragt heute Olivier Roy in der WELT. Weder jüngst in Tunesien noch aktuell in Ägypten spielen islamistische Organisationen eine Rolle in der Protestbewegung. Roys Antwort auf Roys Frage:
“Nein. Aber in Nordafrika jedenfalls sind die meisten von ihnen Demokraten geworden. Sicher gibt es Randgruppen, die dem Weg des nomadischen globalen Dschihad folgen und durch die Sahelzone auf der Suche nach Geiseln streifen. In der Bevölkerung aber finden sie keine Unterstützung. Deshalb sind sie ja in die Wüste gegangen.”
Oder, so der französische Politologe, in den Westen:
“Der Terrorismus und die utopische Endzeitstimmung, deren Zeugen wir in den letzten Jahren gewesen sind, stammen nicht aus den real existierenden Gesellschaften des Nahen Ostens. Es gibt mehr radikale Muslime im Westen als dort. Freilich variiert das Bild von Land zu Land. Die postislamistische Generation ist in Nordafrika sichtbarer als in Ägypten oder dem Jemen, ganz zu schweigen… weiter lesen
28.01.2011 von Detlef Guertler
Die Lage ist ja gerade sehr unübersichtlich in Ägypten, aber wenn ich die Bilder bei Al Jazeera gerade richtig verstanden habe, haben die Protestierenden begeistert das Auftauchen eines gepanzerten Fahrzeugs der Armee begrüßt. Das sah fast danach aus, als ob sich das Militär (im Land wesentlich höher geachtet als die Polizei- und Sicherheitskräfte) auf die Seite der Rebellion schlagen könnte – was sehr schnell das Ende der Mubarak-Regierung nach sich ziehen könnte.
Das einzige Wort, das wir für einen solchen Vorgang haben, heißt “Militärputsch”. Aber dieses Wort trifft ja nun gar nicht das, was in diesem Fall passieren könnte: Wir sehen bei diesem Wort vor uns, dass die Armee eine demokratisch gewählte Regierung stürzt. Aber wenn die Armee eine Diktatur (oder scheindemokratische Regierung) stürzt, ist das doch eigentlich eher das Gegenteil eines Militärputsches. Aber wie nennt man das?
26.01.2011 von Detlef Guertler
Mit A. aus T. auf dem Flug nach Zürich. Wie dieser Tage üblich kommt das Gespräch irgendwann aufs Dschungelcamp. A. hat gestern nicht zugesehen, also musste ich ihm sagen, dass Rainer Langhans heute das Lager verlassen muss. “Hat ihn sein Indezisionismus also endlich rausgeworfen”, kommentiert A. trocken. Ein hervorragendes Wort für die Philosophie des Altkommunarden Langhans. Während der Dezisionist Carl Schmitt schnarrte: “Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet”, so wirkt es bei Langhans genau umgekehrt: Souverän ist, wer über gar nichts entscheidet.
21.01.2011 von Detlef Guertler
“Desnobbing wine” überschreibt Reuters-Journalist Felix Salmon seinen neuesten Blog-Eintrag: Die US-Konsumenten würden jetzt erstens begreifen, “that wine in the $9 to $12 range tastes just as good as wine in the $20 to $30 range”. Und zweitens ergebe sich daraus, “that US wine over $20 is massively overpriced”. Dessen Kunden hätten häufig den Preis als Qualitätskriterium missverstanden – je teurer der Wein, desto besser. Ökonomen nennen das den Snob-Effekt, und wenn er sich verflüchtigt, wegen sinkender Einkommen oder steigender Vernunft, kegelt es die entsprechenden Anbieter aus dem Markt: “Once people move from $50 US wines to $11 French wines and actually prefer the latter to the former, then it’s all over for the Americans.”
Ein Verb für diesen Vorgang gab es bislang nicht. Aber da es diesen Effekt nicht nur in den USA und nicht nur bei Wein gibt, sondern er sich im Age… weiter lesen
19.01.2011 von Detlef Guertler
“Neben Nutzwert muss es auch Denkwert geben”, sagte Focus-Chefredakteur Wolfram Weimer dem Tagesspiegel. Und dann noch: “Der Denkwert wird im neuen „Focus“ sichtbarer.”
Und jetzt stehe ich da und grüble, was das sein könnte: Denkwert. Denn so richtig erklärt hat Weimer das nicht. Meint er damit jetzt den “überraschenden Relevanzjournalismus”? Oder “viele prominente Autorenstücke”? Oder den “Mut zur Positionierung”?
Wir wissen es nicht. Und das Ding Denkwert an sich ist leider nicht selbsterklärend. Nutzwert ist eine Information, die dadurch für den Leser Wert erhält, dass er sie nutzen kann – wäre dann Denkwert eine Information, die für den Leser dadurch Wert erhält, dass er sie denken kann? Natürlich nicht: eher ja wohl, dass sie dem Leser das Denken ermöglicht. Oder könnte der Wert dadurch entstehen, dass man über etwas nachdenken kann – oder gar muss? Oder sollte es sich um eine Information handeln, die ihren Wert dadurch erhält,… weiter lesen
17.01.2011 von Detlef Guertler
“Gesichtsbuch” sei Jugendjargon für “Facebook”, sagt Carmen Miosga gerade in den ARD-Tagesthemen. Nun bin ich zwar kein Jugendlicher mehr, aber vereinzelt bis häufig habe ich mit solchen zu tun. Und “Gesichtsbuch” hat nun echt noch nie einer von denen gesagt.
Kenne ich die falschen Jugendlichen? Oder hat Carmen Miosga einfach nur Blödsinn erzählt, wie es Journalisten gerne tun, wenn sie versuchen, auf jugendlich zu machen?
15.01.2011 von Detlef Guertler
Samstag Abend im Internat. Franzi, Markus und Leonie auf dem Rückweg aus der Cafeteria (wo sich Franzi und Markus sehr intensiv geneckt haben) in die Wohnhäuser. Auf den letzten Metern biegt Franzi ab und gibt Leonie noch ein “Aber nicht fremdstupsen!” mit auf den Weg.
Stupsen kennt man natürlich. Aber wer Facebook nicht kennt, kennt natürlich das moderne Stupsen nicht. Jeden Facefreund kann man anstupsen – und weil sich dabei diverse Übergänge zwischen virtueller und realer Welt ereignen können, ist das Fremdstupsen natürlich ein durchaus reales Problem.
Manchmal bestimmt auch eine durchaus reale Lösung. Aber nicht an diesem Abend im Internat.
13.01.2011 von Detlef Guertler
“Clemens, du bleibst zuhause und benimmst dich ordentlich?”, frage ich. Clemens, 9, schaut kurz von seinem PC-Fußballspiel auf: “Wieso fragst du?” – “Na, Mama ist beim Einkaufen, und ich hatte dir ja gesagt, dass ich zu einem Termin muss, ich treffe mich mit einem Kollegen auf einen Kaffee. Also bist du ganz allein zuhause.”
“Okay”, sagt Clemens, und wendet sich wieder dem Pokalspiel zwischen Werder Bremen und dem VfB Stuttgart zu – “geh’ du ruhig zu deinem Geschäftstrinken.”
10.01.2011 von Detlef Guertler
Wir kennen Wohlstandsgesellschaften (in denen es vielen bis allen gut bis zu gut geht) und Wohlfahrtsstaaten, die, so Wikipedia, “weitreichende Maßnahmen zur Steigerung des sozialen, materiellen und kulturellen Wohlergehens” ihrer Bürger ergreifen. Der Begriff Wohlstandsstaat hingegen wird bislang nur extrem selten verwendet (weniger als ein Prozent der Google-Treffer für Wohlfahrtsstaat), und wenn, dann mit keiner anderen Bedeutung als der Begriff Wohlfahrtsstaat.
Ich schlage hiermit eine andere Bedeutung vor. Ein Staat heiße Wohlstandsstaat, wenn er weitreichende Maßnahmen zur Sicherung des sozialen, materiellen und kulturellen Wohlergehens seiner Bürger ergreift.
Den Unterschied erkannt? Klar: Das Wohlergehen soll nicht gesteigert, sondern gesichert werden. Was
- zum ersten eine Absage an die (unrealistische) Vorstellung immerwährenden Wachstums ist, ohne gleich in Miegelsche Verzichtsgier zu verfallen;
- zum zweiten eine Anerkennung jener Forschungsergebnisse aus der Glücksforschung darstellt, wonach ab einer Pro-Kopf-Wirtschaftskraft etwa in der Größenordnung Portugals weiteres wirtschaftliches Wachstum… weiter lesen
08.01.2011 von Detlef Guertler
Es gibt ja Dinge, die wünscht man seinem ärgsten Feind nicht. Zum Beispiel, dass jemand Namen und Webseiten kapert, um darunter dumme Blog-Kommentare zu verfassen. Aber genau das ist offenbar Norbert Essing am 3. Januar 2011 passiert. Auf mehreren Dutzend Blogs aus aller Welt tauchten an diesem Tag plötzlich Kommentare auf, die angeblich von “Norbert Essing” verfasst wurden und auf verschiedene auf den Westerkappelner Kommunikationsunternehmer bezogene Webseiten verweisen. Die belanglosen Kommentare (z.B. “Hello webmaster, i think that what you say is absolutely cogently.”) stehen fast wortgleich und immer in Englisch zu Beiträgen von Moscheen-Tipps über Gurkenrezepte und manipulierte Fotos bis zu Promi-Klatsch.
Theoretisch könnten die Kommentare natürlich von Essing selbst kommen, immerhin ist er mit einem Beitrag in der aktuellen Ausgabe von Cicero erstmals seit längerem… weiter lesen