Hirnschmelze
von Detlef Guertler“Nuclear safety and journalistic meltdown – I wish we could build containments for both” twittert Josef Oehmen, Ingenieur für Risikomanagement am berühmten MIT in Boston und seit gestern einer der weltweit meistgelesenen Experten für Reaktorsicherheit. Weil ein Verwandter von ihm, ein in Japan lebender Englischlehrer aus Australien, die Mail online stellte, die Oehmen anderen Verwandten nach Australien geschickt hatte, die sich wie so viele andere Menschen weltweit wegen der AKWs von Fukushima Sorgen machen. Oehmens Antwort, kurz gefasst: Macht euch keine Sorgen, die Auswirkungen dieses Unfalls sind und bleiben begrenzt, die japanischen Kraftwerksingenieure haben ordentlich gearbeitet und die Techniker, die jetzt vor Ort in Fukushima arbeiten, arbeiten geradezu wie aus dem Lehrbuch, um die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten. Eine Auffassung, die, ebenfalls kurz gefasst, von vielen Ingenieuren, aber nur von wenigen Journalisten geteilt wird.
Gestern war Oehmens Text die wohl meistgetweetete Internetseite überhaupt, inzwischen gibt es ihn auch in deutscher Übersetzung, (und auf spanisch) und eine Fülle von Reaktionen an diversesten Stellen, von begeistert bis vernichtend. Oehmen wird da unter anderem unterstellt, dass er keine Ahnung hat und dass er von der Atomlobby bezahlt wird, was ich beides nach einem E-Mail-Austausch mit ihm glaube verneinen zu können. Was Oehmen wiederum den Journalisten unterstellt, dürfte sich aus dem Eingangszitat hinreichend erschließen.
Selbstkritisch und von mir auf andere schließend stelle ich fest, dass an diesem Wochenende beginnend mit dem Wort “Kernschmelze” bei vielen Menschen und Medien das rationale Denken notabgeschaltet wurde – eine Hirnschmelze sozusagen. Die Kombination aus (partieller) Kernschmelze und Explosion des Reaktorgebäudes konnte ja gar nichts anderes bedeuten als eine massive und großflächige Freisetzung von Radioaktivität. Dass die Brennelemente, und damit der mit Abstand größte Brocken an Strahlung und Gefährdung, trotzdem immer noch im Stahl-Containment eingeschlossen sein könnten (und hoffentlich auch darin eingeschlossen bleiben), kam mir (uns?) gar nicht in den Sinn. Ein handwerklicher Fehler – genauso wie jeder Vergleich mit der Katastrophe von Tschernobyl.
In Deutschland geht man inzwischen auf allen Seiten des politischen Spektrums davon aus, dass Fukushima das Ende des Atomzeitalters besiegelt – die Kernenergie sei schlicht nicht beherrschbar. Viele Ingenieure sehen das vermutlich anders: Gerade Fukushima könne beweisen, dass auch unter extremsten Bedingungen ein Unfall in einem Atomkraftwerk beherrschbar sei. Vermutlich ist beides richtig, je nach Blickwinkel.
Ein Sicherheitssystem, um in Extremsituationen in Zukunft die journalistische Hirnschmelze zu verhindern, wird leider auch nach Fukushima nicht konstruiert werden. Verleger mögen nun mal keine Ingenieure.
Update, 22.55 Uhr: Was vorgestern als Privat-Mail eines MIT-Wissenschaftlers aus dem Bereich Supply Chain Risk Management begann, ist jetzt zu einer Angelegenheit der Nuklearingenieure am MIT geworden. In einem frisch eingerichteten Blog werden sie sich all jener Fragen annehmen, die die Oehmen-Leser, ob Freund oder Feind, stellen bzw. stellen werden. Und zwar inhaltlich sicherlich kompetenter als alle hier diskutierenden, mich selbstverständlich eingeschlossen.
Update 15.3., 16 Uhr: Leider sind die o.a. MITler so dämlich, ein Blog aufzumachen, bei dem sie die Kommentarfunktion abschalten. Das spricht immerhin dafür, dass es sich nicht um eine Undercover-Aktion der Atomlobby handelt – so dämlich sind die nämlich nicht.
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Im Grunde geht es ja um Hirnschmalz. Der scheint aber seit Jahrzehnten nicht eingesetzt zu werden. Weder bei Ingenieuren noch bei Politikern noch bei Journalisten. Jeder macht es sich so einfach es geht.
Die Ingenieure halten alles für machbar, man kann alles regeln.
Je aufwendiger und im Fall der Kernkraft mit hoher Redundanz auch hinreichend sicher geglaubt, um so besser.
Betrachtet man die Kritikalität, ist das KKW sicher, das sich beim Eintreten in den überkritischen Zustand, von alleine runter regelt.
Und Kühlung gibt es auch ohne Pumpen, das funktioniert nicht nur bei preiswerten Motorrädern mit Wasserkühlung, sondern auch bei Fernwärmeheizungen nach dem Schwerkraft und Konvektionstromprinzip. Leider wird Hirnschmalz nicht in ein selbstregelndes System investiert, sondern in mehrfach redundante Systeme die alle auf “Energie” angewiesen sind, um die Umwälzung des Kühlmittels zu gewährleisten.
Da die Kraftwerke alle das Erdbeben und den Tsunami überlebt haben, nur die Pumpen ausgefallen sind, was zu Folgeproblemen geführt hat,
wäre ein System was nur einen Konvektionstrom benötigt sichere gewesen.
Politiker leben in Denk und Handlungs-Zyklen die vom Wahlrhythmus abhängig sind und entsprechend kurzzeitige “Erfolge” erzeugen.
Nachhaltigkeit ist da ebenso unmöglich, wie Quartalsberichte in der Wirtschaft die auch eine Aussicht auf langfristig und nachhaltiges Wachstum im Wege stehen.
Die politische Lösung für ein Endlager fehlt seit drei Jahrzehnten.
Und seit dem 11.3.2011 dürfte klar sein, das sich das Restrisiko von genutzten KKWs nicht groß von den abgeschalteten unterscheidet, wenn sogar in Abklingbecken noch soviel Restwärme erzeugt wird, die einer geregelten Kühlung bedarf.
Mit etwas Einsatz von Hirnschmalz hätte man die KKws gleich in Salzstöcken oder Tonschichten unterirdisch gebaut.
Man hätte den Sargofarg, im GrößtenAnzunehmendenUnfall, und das Endlager, ohne den intensiven Rückbau für den Ausstieg.
Journalistisch ist die Katastrophe ein Supergau. Jeder versucht sich mit Meldungen und eiligst befragten “Experten” als kompetenter Berichterstatter darzustellen.
Die quälendsten Fragen werden gestellt, nur nicht danach was für welche Fälle (mehr als zwei kann meist ein Reporter nicht unterscheiden) vorgesehen ist.
Die Politiker nutzen die Gesetzelage und schließen mit §19 einfach die ältesten KKWs, statt gleich dem Unsinn ein Ende zu machen.
Denn es ist Unsinn eine Technik zu nutzen, für die es bis heute keine Entsorgung (Endlager) gibt.
Hirnschmalz kann es also nicht gewesen sein, der den Betrieb von Technik zugelassen hat, ohne sich vor der Nutzung darüber Gedanken gemacht zu haben, was und wie mit den Resten umgegangen wird.
Die Leichtwasserreaktoren (LWR) basieren auf der Technik der Atom-U-Boot-Reaktoren mit deren Vorgabe “Kompaktheit vor Sicherheit”! Der LWR hat das Konzept des schwachen, kompakten Brennelements mit hoher Leistungsdichte von den Atom-U-Boot-Reaktoren übernommen.
Auf dem Hintergrund einer subjektiven, politischen Vorgabe, welcher Grad von Sicherheit bei der Nutzung der Kernenergie anzunehmen ist (d.h. welche Auslöser für einen Unfall zu betrachten sind und welcher technische, Kosten aufwendige Aufwand – aus dem Auslöser abgeleitet – zur Kompensation der Schwäche des Brennelements des LWR erfolgen muss), folgen Politik und Wirtschaft mittels so genannter Risikoanalysen letztlich der Vorgabe „Wirtschaftlichkeit vor Sicherheit“ (wie in Japan geschehen durch Nichtbetrachtung des unwahrscheinlichen Auslösers Erbeben/Tsunami bei der Auslegung der KKW, und in Deutschland ?), siehe DER SPIEGEL schon 1987: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13525030.html: “Sicherheit ist ein dynamischer Begriff”.
Der Vertrauensbruch ist dermaßen groß (durch die Lügen in Japan, aber auch durch die früheren Aussagen der Kanzlerin), dass die friedliche Nutzung der Kernenergie mittelfristig tot ist und auch der inhärent sichere HTR (pebble bed) bei uns nicht mehr kommen wird, vielleicht in China!
Im Grunde stellt sich die Frage, ob der Mensch reif ist für die Nutzung der Kernenergie mit ihrem hohen Schadenspotential, mag dessen Eintreten noch so unwahrscheinlich sein. Das hat nichts damit zu tun, dass Ingenieure und Fachleute – auch die in Japan – ihr Bestes geben, aber eben nicht die Entscheidungsträger. Und nochmals: das Brennelement des LWR ist hochgradig miserabel, was keiner wahr haben will, weil diese Aussage den Interessen von Politik und Wirtschaft widerspricht!!!
Wer hat endlich die nötige Unabhängigkeit, um diesen schockierenden Zusammenhängen nachzugehen: “Wirtschaftlichkeit vor Sicherheit”!
Es werden Erdgaskraftwerke, nicht Kohlekraftwerke kommen (müssen): Die CO2-Lüge, auch der Kanzlerin, dass das menschgemachte CO2 das Klima verändert, muss dafür allerdings baldigst verschwinden.
@Philipp Hammes
Danke. Habe meinen Irrtum bzgl. der Verhältnisse um die Wasserstoffbildung mittlerweile selbst bemerkt. Man kann also sagen, die Explosion aussen ist das sichtbare Zeichen einer Brennstaboxidation innen.
Was den Rest meiner Kritik angeht, so sehe ich bisher allerding keinen Fehler. Auch die Reise möchte ich Herrn Oehmer und den Freunden seiner These noch immer anraten.
Ich verbleibe mit dem freundlichen Gruß:
“Das Kraftwerk ist nun sicher und wird sicher bleiben”
jetzt loeschen sie den reaktor wie einen waldbrand. soweit ich das alles mitgekriegt habe ist die ursache des unfalls ein ganz banaler stromausfall.
bis heute ists denen nicht gelungen die stromversorgung herzustellen.
ich kann das ganze expertengelabere nicht mehr hoeren.
nehme an das kein einziger experte dabei sterben wird.
jetzt sucht man halt ein paar trotteln die loeschen gehn. wahnsinn pur
alles schön und mist,wie sieht es wohl später dort aus etwa so wie in der ukraine alles nett verputzt..mal ne andere variante- sone art riesenschwimmbecken da kommt oben schon mal nix mehr raus..
Der New Scientist hat inzwischen sehr ordentlich aufgeschrieben, wie sich der Hype um den Oehmen-Text entwickelt hat.
http://www.newscientist.com/article/dn20266-how-josef-oehmens-advice-on-fukushima-went-viral.html?full=true
Mittlerweile, nachdem Herrn Oehmens Vorhersagen sich als gravierend falsch herausgestellt haben, kommt es ja auf die Frage, ob es gezieltes astroturfing war, nur noch marginal an, lieber Herr Guertler. Oberpeinlich ist allerdings, dass weder Herr Oehmen noch offenbar Sie angesichts der Realität (wahrscheinlich keine Rückkehr der Bewohner in die Evakuierungszone – nie mehr) und der diametral entegengesetzten Prognose Oehmens (keine Verstrahlung zu erwarten, da kann man sich auf den Abluftschornstein setzen), irgendein Wort des Bedauerns, irgendein Eingeständnis, dass man da vielleicht doch ein bisschen falsch gelegen hat und andere zu früh der Hirnschmelze bezichtigt hat, feststellbar ist. Traurig.
Was H. Müller sagt!