Archive for April, 2011

29.04.2011 von Detlef Guertler
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Kreischmedium

von Detlef Guertler

Ein hübsches Neuwort von Ex-Kollege und Neu-Krimiautor Tom Hillebrand. Lässt sich entweder so oder in den Abwandlungen Kreischpresse bzw. Kreischblatt gut als Synonym einsetzen, wenn man tatsächlich einmal mehr als einen Satz über Boulevard-Berichterstattung schreiben muss. Danke dafür.

24.04.2011 von Detlef Guertler
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Transformaten

von Detlef Guertler

Habe mich gerade ein wenig durch die “Zusammenfassung” (pdf) des Hauptgutachtens 2011 des “Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen” (WBGU) gezappt, obwohl ich sonst sofort weglese, wenn irgendwo als Autor die Professoren Schellnhuber oder Rahmstorf auftauchen, deren mit Leidensmine formulierter Apokalyptizismus mir schwer verdaulich und ebenso suspekt ist.

Diesmal sind sie sogar beide dabei, und diesmal meinen sie es ernst. “Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation” ist eine verkopfte, technokratische Anleitung zum globalen Systemwechsel. Die gesamte Sprache des nur gut zwei Dutzend Seiten starken Konvoluts stieß mir so unangenehm auf, dass allein der Gedanke, diese Menschen könnten jemals etwas zu entscheiden haben, mir Gänsehaut macht. Im Glauben an ihre eigene Unfehlbarkeit und in ihrer Geringschätzung demokratischer Entscheidungsprozesse ähneln die WBGU-Beiräte zum Verwechseln jenen Technokraten in Chemie-, Energie-, Agrar- oder Finanzindustrie, die uns die Abgründe von Seveso, Tschernobyl oder Lehman eingebrockt haben.

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22.04.2011 von Detlef Guertler
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Halbschwur

von Detlef Guertler

“Sarrazins Vorstoß endet in peinlichen Halbschwüren”, schreibt Torsten Krauel in der Welt, ohne uns so recht zu verraten, was er mit diesem Neuwort meint. Er schreibt von der Erklärung Sarrazins zum Verbleib in der SPD, “die ein halblauter Widerruf ist”. Was man ja so sehen kann, was aber mit einem Schwur überhaupt nichts zu tun hat. Ein Widerruf ist kein Schwur und umgekehrt.

Wenn in Sarrazins Erklärung etwas schwurhaftes steht, dann der letzte Satz:

“Bei künftigen Veranstaltungen und Auftritten in der Öffentlichkeit werde ich darauf achten, durch Diskussionsbeiträge nicht mein Bekenntnis zu den sozialdemokratischen Grundsätzen in Frage zu stellen oder stellen zu lassen.”

Dieses ist, nun ja, ein Ganzschwur. Es sei denn, Krauel will behaupten, dass Sarrazin nicht gewillt sei, sich an dieses Versprechen zu halten. Dann sollte er es aber auch so sagen.

22.04.2011 von Detlef Guertler
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winterzart

von Detlef Guertler

Sogar in der schwarmdementen “Gib uns dein Wort!”-Rubrik des Nachwuchsmagazins Neon, in der sich die Leser “selbst ein Wort ausdenken, das gerade noch gefehlt hat” woraus Sascha Lobo dann ein Buch machen muss, lassen sich vereinzelt Wörter finden, die es tatsächlich in den deutschen Wortschatz schaffen könnten, ob verdient oder nicht. Voila Nummer 4:

Winterzart
von Sven
Winterharte Pflanzen kennt man ja – doch was ist, wenn man das Prinzip auf Menschen überträgt?
Manche Menschen sind im Winter besonders der Zuneigung anderer bedürftig. Sie sehnen sich nach Licht und suchen den Ersatz in Zärtlichkeit und Liebe.
Diese Menschen sind winterzart.

21.04.2011 von Detlef Guertler
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Biokratie

von Detlef Guertler

Nur als akuten Anfall von Schwarmdemenz kann man die “Gib uns dein Wort!”-Rubrik des Nachwuchsmagazins Neon bezeichnen, in der sich die Leser “selbst ein Wort ausdenken, das gerade noch gefehlt hat” woraus Sascha Lobo dann ein Buch machen muss. Aber weil es nun mal meine Aufgabe ist, bei Neuwörtern die Spreu vom Weizen zu trennen, habe ich mich, seufz, durch den Neon-Misthaufen gewühlt, um Stecknadeln zu finden – also Wörter, die es tatsächlich in den deutschen Wortschatz schaffen könnten, ob verdient oder nicht. Voila Nummer 3:

Biokratie
von Emily
Ist eine Sache Biologisch, so ist sie Biokratisch korrekt.
Biokraten sind längst schon von den herkömmlichen Bio-fanatikern abzugrenzen, ihnen gehört diese ganz eigene Bezeichnung.

21.04.2011 von Detlef Guertler
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Interessanz

von Detlef Guertler

Nur als akuten Anfall von Schwarmdemenz kann man die “Gib uns dein Wort!”-Rubrik des Nachwuchsmagazins Neon bezeichnen, in der sich die Leser “selbst ein Wort ausdenken, das gerade noch gefehlt hat” woraus Sascha Lobo dann ein Buch machen muss. Aber weil es nun mal meine Aufgabe ist, bei Neuwörtern die Spreu vom Weizen zu trennen, habe ich mich, seufz, durch den Neon-Misthaufen gewühlt, um Stecknadeln zu finden – also Wörter, die es tatsächlich in den deutschen Wortschatz schaffen könnten, ob verdient oder nicht. Voila Nummer 2:

Interessanz
von Daniel
Interessanz bezeichnete die bestimmte Qualität eines Sachverhaltes, die diesen interessant macht. Interessanz ist die Grundlage von Interesse. Interesse wird durch Interessanz geweckt, und Interessanz lässt eine Sache interessant scheinen.

20.04.2011 von Detlef Guertler
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Expatreneur

von Detlef Guertler

“Really like your new word “expatreneur”. Will use it, if you grant the permission”, twitterte gestern der grüne EU-Abgeordnete Reinhard Bütikofer an Daniel Pourashgar, der diesen Begriff wiederum selbst gerade eben erst getwittert hatte. Einen Tag später twitterte Bütikofer sein Versprechen wahr:

Silicon Valley is not about entrepreneurship, but about serial entrepreneurship. That’s key. (Add: #expatreneurship!)

Recht hat er.

20.04.2011 von Detlef Guertler
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Wortkotze

von Detlef Guertler

“Zehn Deutsche sind natürlich dümmer als fünf Deutsche” sagte schon Heiner Müller 1991 der “Wochenpost”, obwohl damals das Web 2.0 noch gar nicht erfunden war. Nur als akuten Anfall von Schwarmdemenz kann man die “Gib uns dein Wort!”-Rubrik des Nachwuchsmagazins Neon bezeichnen, in der sich die Leser “selbst ein Wort ausdenken, das gerade noch gefehlt hat” woraus Sascha Lobo dann ein Buch machen muss. Das dürfte sogar für den Dünnpfiff gewohnten Lobo nicht einfach werden – es sei denn natürlich, er füllt dieses Buch zu 95 Prozent mit seinen eigenen Ergüssen und schert sich sonst nicht weiter um die fäkalpubertären Ausdünstungen der Neon-Leser. (Im Nachhinein bin ich der Aktion Lebendiges Deutsch geradezu dankbar, dass sie uns nicht alle Neuwort-Vorschläge ihrer Fans zu lesen gab.)
Aber weil es nun mal meine Aufgabe ist, bei Neuwörtern die Spreu vom Weizen zu trennen, habe ich mich,… weiter lesen

20.04.2011 von Detlef Guertler
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Aprilsommer

von Detlef Guertler

“Aprilsommer – gibt’s das oder war da jemand kreativ?”, fragt Wortistik-Leser Hans-Martin nach der Lektüre des Deutschlandtrends von WetterOnline: “Aprilsommer setzt sich fort” steht da heute.

Tja, Hans-Martin, nach meiner eigenen Erinnerung gab es vorher im gesamten deutschsprachigen Raum schlicht noch nie einen April, in dem man dieses Wort hätte verwenden können. Dafür gab es so gut wie immer das sprichwörtliche Aprilwetter. Das wiederum haben wir derzeit in Spanien, wobei das wiederum nicht so ungewöhnlich ist: “Abril, Abril, aguas mil”, sagt man hier, und vor dem 40. Mai fängt der Sommer hier sowieso nicht an.

19.04.2011 von Detlef Guertler
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notgezwungen

von Detlef Guertler

“Und? habt ihr Fußball gespielt?”, frage ich Clemens, als ich ihn abends bei Nico abhole. “Nicht viel”, antwortet er: “Wir waren auf dem Sportplatz, aber dann hat es angefangen zu regnen, und wir mussten notgezwungen wieder zurück.” Nicht notgedrungen: notgezwungen.

Und eigentlich hat Clemens ja recht: Die Not zwingt einen wesentlich eher, als dass sie einen drängt. Gier, Liebe, Heimweh und ein paar andere Gefühle können ganz schön drängen – giergedrungen wäre also durchaus in Ordnung. Aber notgedrungen? Holpert inhaltlich. Notgezwungen hingegen ist inhaltlich sauber, holpert uns aber sprachlich, weil wir das Wort nicht kennen.

Aber wie sagte doch schon Goethe über das Land, wo die Zitronen blühn: Du kennst es nicht? Du wirst es kennen lernen.