31.05.2011 von Detlef Guertler
Also jetzt mal ehrlich: 1300 EHEC-Infizierte, mehr als ein Dutzend Tote, und auch nach mehreren Wochen intensiver und einer Woche hysterischer Suche noch kein Hinweis auf die Herkunft der Killerbakterien?
In Hollywood geht das anders, da reichen immer schon zwei oder drei Seuchenopfer, und schon wissen die Helden, wo das Zeug herkommt. Ich gebe da gerne noch einen Realitätsaufschlag dazu, aber bei diesen hohen Fallzahlen kann das doch nicht sein, dass da nichts rauskommt. Die meisten der Betroffenen sind ja immerhin auskunftsfähig.
Nehmen wir mal nur einen Fall heraus. Da sind in Frankfurt 19 Leute erkrankt, die alle in der gleichen von einem Gross-Caterer betriebenen Kantine gegessen haben. Das allein müsste doch schon ausreichen, um dem Täter auf die Spur zu kommen: Was haben die Leute da gegessen, wann haben sie da gegessen, viele potenzielle Verursacher können da nicht übrig bleiben. Und weil der Caterer auch so etwas… weiter lesen
26.05.2011 von Detlef Guertler
“That’s probably a rubbish way to transliterate ‘death of moral hazard.‘ Sorry!”, meinen die Kollegen vom FT-Blog Alphaville zu obiger Wortschöpfung. Das halte ich für zu hart formuliert: Moralrisikotod wäre schlimm, Moralrisikodämmerung hat zumindest einen lyrisch-dramatischen Einschlag; und dass wir Deutschen, den Wortisten eingeschlossen, es nicht auf die Reihe kriegen, eine ordentliche Übersetzung für “moral hazard” zu finden, ist nun wirklich nicht die Schuld von britischen Finanzjournalisten.
Allerdings ist auch death of moral hazard eher schief für den Sachverhalt, den der entsprechende Beitrag beschreibt. Ein erklecklicher Brocken der griechischen Staatsanleihen, die deutsche Banken in ihren Büchern haben, ist nämlich bereits aus der offiziellen Statistik verschwunden – nämlich diejenigen aus dem Bestand der Katastrophenbank Hypo Real Estate, die ja mit traumwandlerischer Sicherheit überall dort massiv investiert hatte, wo hinterher die Märkte zusammenbrachen. Ihre gesamten Griechenlandpapiere sind bereits in die FMS Wertmanagement Anstalt des öffentlichen Rechts… weiter lesen
21.05.2011 von Detlef Guertler
“Ehrlich, ich wollte so viel über Hawaii schreiben”, schreibt Meike Winnemuth von der fünften Station ihrer Ganzjahresweltreise, nachdem sie gerade eine gefühlte Woche lang nichts von sich lesen liess. “Und dann passierte mir Hawaii. Oahu hat sich noch nicht mal besonders viel Mühe gegeben, es hat ein bisschen mit den Palmen gewedelt, ein paar Lüftchen um mich herum gepustet, hie und da die Sonne angeknipst. Und mich damit ausgeknipst.” Kein Grund zur Sorge, meint sie: “Es geht mir gut. Viel zu gut.” Und noch ein wenig weiter in diesem Tonfall, unter dem Foto eines Planter’s Punch.
Und Barbara aus Wien kommentiert: “Liebe Meike, ich gönne es Ihnen von Herzen und … ichbin komischerweise “mitentspannt”… keine Ahnung wie das geht, aber dafür danke ich Ihnen ganz besonders!” Und dafür danke ich wiederum Barbara aus Wien. Gerade hier bei uns (wenn ich Wien da mal kurzfristig eingemeinden darf),… weiter lesen
19.05.2011 von Detlef Guertler
“Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.” (Karl Marx, Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte)
“Vom heutigen Börsenstart der Infineon-Aktie konnte nur jeder sechste Interessent profitieren – die Aktie war 33-fach überzeichnet. Mit einem Emissionsvolumen von rund 6,1 Milliarden Euro bedeutet der Börsenstart von Infineon die größte Einführung einer High-Tech-Aktie weltweit und hinter der T-Aktie die zweitgrößte Einführung in Deutschland. Nach dem Bookbuilding wurde der Preis der Aktie auf 35 Euro fixiert. Sie kam mit 70,20 Euro in den Handel, was für alle Anleger von vornherein einen Gewinn über 100 Prozent bedeutet.” (Heise Online, 13. März 2000)
“Mit einem solchen Ansturm auf die Aktien hatte auch das weltgrößte berufliche Online-Netzwerk LinkedIn nicht gerechnet: Am Donnerstag schoss das Papier beim Start an der New Yorker Börse… weiter lesen
17.05.2011 von Detlef Guertler
Seit einigen Tagen folge ich dem Twitterer worthort, der mehrmals täglich mehr oder weniger neue und weniger oder mehr lustige Neuwörter produziert. Ich folge nur vereinzelt, da ich Twitter auch nur vereinzelt nutze, und gerade eben war das erste Mal etwas dabei, das mir richtig gut gefiel: der Billiganbeter eben. Ein wunderbares Wort für die schnäppchenjagenden Deutschen, eines mit denen man den aldisierenden Kik’ern endlich mal eine passende Beschreibung verpassen kann. Danke, worthort.
17.05.2011 von Detlef Guertler
Jetzt ist es also raus: Die Griechen werden ihre Staatsschulden nicht bzw. nicht ganz bzw. nicht mit dem vereinbarten Zinssatz bzw. nicht zu den vereinbarten Zeitpunkten bezahlen. Von “einer Art Reprofiling” habe Eurozonen-Koordinater Jean-Claude Juncker gesprochen, meldet die FTD, womit sie sich hässlicherweise davor drückt, dieses Wort zu übersetzen. Der von ihr in der Überschrift verwendete Begriff “Schuldenschnitt” ist jedenfalls verkehrt, also zumindest von Juncker nicht gemeint. Ihm soll es um so etwas wie eine Verlängerung der Kreditlaufzeiten und/oder eine Verringerung der Zinssätze gegangen sein, und beides ganz freiwillig von den Gläubigern mitgetragen.
Auch im Englischen ist Reprofiling nicht wirklich gebräuchlich. In Übersichten über die griechischen Handlungs-Optionen (hier im Ampelsystem) taucht der Begriff nicht auf, im Online-Wörterbuch bab.la auch nicht, bei Leo nur mit der nichtssagenden Übersetzung Neuprofilieren, was auf griechische Staatsschulden ja auch nicht passen will.
Eigentlich müsste man schlicht… weiter lesen
16.05.2011 von Detlef Guertler
“After Democracy and Kleptocracy, Greece needs to invent Zerocracy, where expenses are covered by revenues”, schreibt Mike Harrop in einer Facebook-Diskussion bei Edward Hugh über Griechenland und den Euro. Eine grandiose Wortschöpfung, die das bislang so trockene Ziel geordneter Staatsfinanzen und gebremster Schulden mit einem eingängigen Begriff belegt. Ob Zerokratie in jeder Situation die beste oder angemessene Regierungsform sei, mögen Ökonomen gerne und ausgiebig diskutieren – aber jetzt und hier für Griechenland würde ich mir sofort eine zerokratische Volksbewegung wünschen.
14.05.2011 von Detlef Guertler
Gestern wollte Clemens, 10, seinen Freund Ravi am üblichen Platz an der Strandpromenade besuchen. War aber weit und breit kein Ravi zu sehen: Er habe Hausarrest, sagte sein Vater.
Auf die Idee, Clemens Hausarrest zu geben, sind wir noch nie gekommen. Es wäre auch schlicht keine Strafe, sondern eine Belohnung: Wie oft hat er sich schon nach allen Regeln der Kunst dagegen gewehrt, auf einen Spaziergang oder Ausflug mitzukommen?! Nein, nur umgekehrt würde eine Strafe draus – mit Rausarrest. Da müsste Clemens an Strand, Pool oder Promenade gehen, und dürfte erst zum Abendessen wieder zurück kommen.
13.05.2011 von Detlef Guertler
Nein, nicht alle Banker sind Verbrecher. Und nochmal nein, das Bankgeschäft an sich ist ein sinnvoller Bestandteil der modernen Wirtschaft, so wie es das auch schon vor 100, 200 und 2000 Jahren gewesen ist. Gerade deshalb wäre es ja eigentlich notwendig, bei der Aufarbeitung der Finanzkrise diejenigen Banker und Banken aus dem Verkehr und zur Verantwortung zu ziehen, die besonders sträflich gegen die traditionellen Grundsätze der Branche verstossen haben. Um auf diese Weise gute Banken, dumme Banken und Verbrecherbanken voneinander zu scheiden – die Verbrecher ins Gefängnis, ihre Gewinne an den Staat, die Dummen raus aus dem Business, ihre Assets an die im Rennen verbleibenden guten.
Ein grandioser Beitrag von Matt Taibbi in der aktuellen Ausgabe des “Rolling Stone” legt nahe, dass der Kandidat Nummer Eins für den Titel “Verbrecherbank” Goldman Sachs ist. Hier nur ein paar kleine Zitate daraus:
They weren’t murderers or anything; they… weiter lesen
09.05.2011 von Detlef Guertler
Schon fast vergessen hatte ich den Wortschatz-Wettbewerb des irgendwie jugendlichen Mediums Neon, bei dem ich mich vor zwei Wochen durch den gesammelten Müll an Neuwort-Vorschlägen gewühlt hatte, und immerhin doch vier zumindest halbwegs brauchbare Kandidaten gefunden hatte, nämlich Wortkotze, Interessanz, Biokratie und winterzart. Aber ach, der Wettbewerb läuft immer noch, und es sind noch einmal genau so viele nichtsnutzige Vorschläge zusammengekommen, so dass jetzt insgesamt etwa 500 Wörter, die die Welt nicht braucht, das Internet verstopfen. Pfui.
Aber auch diesmal waren wieder vier Vorschläge dabei, die zumindest einer kleinen Erwähnung wert sind, nämlich
Knusprizität: bezeichnet den Frischegrad eines Salz- oder Süßgebäckerzeugnisses.
Unterblick: Wie der Unterton, nur im Gesichtsausdruck, im Blick eines Menschen, der gerade etwas sagt oder eine gewisse Mimik hat, mit einem Unterblick, der etwas anderes meint.
Wellstyle: derzeitig moderne Sinn für Wellness, Gesunheit, Sport und das an unser… weiter lesen