29.07.2011 von Detlef Guertler
von J. Kopka:
Ich bin im ZEIT-Online-Interview mit Nouriel Roubini auf das schöne Wörtchen “überwettbewerbsfähig” gestoßen, das Deutschlands wirtschaftliche Stärke auch sprachlich in einen passenden Kontext setzt, wie ich finde. Denn Deutschland als wettbewerbsfähigstes Land der Eurozone zu bezeichnen, greift in gewisser Hinsicht ja zu kurz, da die Unterschiede in der Wettbewerbsfähigkeit zwischen den einzelnen Ländern der Eurozone so gravierend sind, dass nicht ohne Grund ihr Auseinanderbrechen diskutiert wird. Insofern ist überwettbewerbsfähig ein treffender Ersatz für den einfachen Superlativ “wettbewerbsfähigstes” (Land).
Eine kurze Google-Recherche erbrachte je nach Schreibweise (mit bzw. ohne “”) 3 oder 39 Treffer und den Korrekturvorschlag “über wettbewerbsfähig”, das Wort kann also vielleicht nicht als neu, mindestens aber als selten angesehen werden.
28.07.2011 von Detlef Guertler
Da muss man erst mal drauf kommen:
Intellektuelle versuchen nach der Schreckenstat in Norwegen, die Islamdebatte an Stellen zu retabuisieren, wo es für linke Migrationsfantasien schmerzhafte Niederlagen gab.
Googles Wissen handelt es sich hier um die allererste Verwendung des Verbs retabuisieren überhaupt – möglicherweise weil es in gesellschaftlichen Entwicklungen bislang zwar oft Tabuisierungen und fast so oft Enttabuisierungen gab, aber praktisch niemals etwas, das einmal seines Tabu-Status entkleidet wurde, in den alten Status zurückversetzt wurde.
Der Anfangsverdacht sei deshalb erlaubt, dass es sich auch bei Ulf Poschardts Verwendung gar nicht wirklich um eine Retabuisierung handelt – eben weil es so etwas eigentlich nicht gibt. Aber schauen wir mal nach:
1. In den zwei Absätzen nach der Einführung des Verbs retabuisieren kritisiert Poschardt, dass im Zusammenhang mit Norwegen Henryk M. Broder angegriffen wurde. Das kann er nicht gemeint haben, da es rund um Broder noch nie ein Tabu gegeben… weiter lesen
26.07.2011 von Detlef Guertler
Kleinbürger, Spiessbürger und Bildungsbürger gibt es schon lange, Mutbürger und Wutbürger sind in den vergangenen Monaten dazu gekommen. Jetzt wird ein ganz neues Bürgertum auf die Bühne gezerrt: das Primitivbürgertum. Christoph Giesa hat seine Vertreter in den Kommentarspalten von Islamhasserblogs wie Politically Incorrect (nein, wird hier nicht verlinkt) ausgemacht:
Es scheint, als gäbe es eine nicht zu unterschätzende Zahl von Menschen, die selbst angesichts solcher menschenverachtender Anschläge wie der von Norwegen in der Anonymität des Internets nicht davor zurückschrecken, ihre Sympathien für Gewalt gegen das verhasste System auch in Deutschland zu verschriftlichen.
Aus mehrfacher eigener Erfahrung kann ich versichern, dass dieselbe Spezies Mensch auch in den Kommentarspalten der WELT ihr Unwesen treibt. Ich hatte bisher dabei eher nicht den Eindruck, dass es sich um Bürgertum handelt, sondern hätte eher auf Plebs oder Trolletarier getippt – aber sowohl Sarrazin als auch Breivik haben deutlich gemacht,… weiter lesen
26.07.2011 von Detlef Guertler
Es gibt Leute, denen gefällt der neue Werbespruch der CDU Mecklenburg-Vorpommern nicht. Felix Disselhoff beispielsweise quengelt, “C wie Zukunft” lese sich “wie ein zu Papier gebrachter Kneipenscherz. Einer der Sorte, die erst nach der fünften Runde Pils so richtig lustig wird”, und verlinkt gleich zu einer frisch gebackenen Webseite für neue “C wie”-Vorschläge, die sehr deutlich macht, warum “Crowdsourcing” auf deutsch am besten Schwarmblödheit genannt werden sollte. So viel Pils kann man gar nicht saufen, dass “C wie pescheuert” irgendwann lustig werden könnte.
Ich mag “C wie Zukunft”.
Erstens, weil es ein wunderbares Beispiel für den Unterschied zwischen gesprochenem und geschriebenem Deutsch ist. Gesprochen klingt C wie Zukunft ja völlig normal – erst wenn man sich die Buchstaben dazudenkt, wird es schräg. Aber,
Zweitens, ist Schrägheit für mich eine notwendige Voraussetzung für einen guten Werbeslogan. An dem können sich Freund und Feind gleichermassen abarbeiten,… weiter lesen
19.07.2011 von Detlef Guertler
Für dieses Wort gibt es sehr viele Treffer – fast alle im englischen Internet, als Substantiv zum Verb to unlock, aufschließen. Aber nur ganz wenige im deutschen Internet. Seit gestern ein paar mehr, denn die Redaktion von “hart aber fair” verwendet diesen Begriff in der Anmoderation für ihre heutige Sendung (21.45, ARD), die letzte vor der Sommerpause. Dort heißt es:
Unsere Autos sind Weltklasse, wir sind fleißig und zuverlässig. So sieht sich Deutschland. Aber der Rest der Welt klagt: Ihr seid Besserwisser, bei Krisen gerne außen vor – und außerdem total unlocker! Wie sind wir wirklich?
Steif hätte nicht wirklich getroffen, was hier gemeint ist, verkrampft erst recht nicht. Also lassen wir mal unlocker vor Recht ergehen.
Ich sowieso, immerhin bin ich (schamlose Schleichwerbung) als Mitdiskutant in dieser Sendung dabei. Und zwar, hoffentlich, total ununlocker.
19.07.2011 von Detlef Guertler
“Mit 50 fängt die Steinzeit an”, folgerte Klaus Jarchow im Stilstand nach Lektüre der Überschrift “Bremer Urgestein wird 50″. Eine hübsche Wendung, um die Steinzeit in die Gegenwart oder gar Zukunft zu verlegen, wo sie doch sonst so weit weit in der Vergangenheit rumliegt.
Da diese zwei so unterschiedlichen Steinzeiten den Leser allerdings verwirren könnten (wenn er sich nicht gerade wie bei Jarchow in einem Text über Urgesteine befindet), schlage ich für diese zukünftige Steinzeit den Begriff Urgesteinzeit vor. Der ist erstens wissenschaftlich nicht anderweitig belegt (die Geologen haben sich im 20. Jahrhundert vom Urgestein-Begriff aus ihrer grauen Vorzeit abgewandt), klingt zweitens noch ein paar Millionen oder Milliarden Jahre älter als die zivilisatorische Steinzeit und kann drittens selbst dem minderbemittelsten Festredner einen kleinen Scherz schenken (“Mit diesem deinem 25. Vereinsjubiläum beginnt für dich ja sozusagen die Urgesteinzeit beim VfL Holzwickede”).
Eine verallgemeinerbare Jahresangabe… weiter lesen
16.07.2011 von Detlef Guertler
“Die Mussbruchstelle” ist ein Beitrag des bayrischen Finanzministers Georg Fahrenschon im Online-Medium The European überschrieben. Der Text enthält zwar einige hübsche Formulierungen, etwa
Wir haben in gewisser Weise den Zauberlehrling selbst geschaffen
oder
Das erinnert mich an Fabeln, wo Gespenster immer größer werden, je mehr die Angst der Menschen steigt.
Aber er enthält nichts, was auch nur ansatzweise auf so etwas wie eine Mussbruchstelle hinweisen würde. Schade einerseits, weil wir jetzt wohl nie erfahren werden, was Fahrenschon damit meinen könnte. Schön andererseits, weil wir jetzt selbst definieren können, was das sein könnte. Ich würde zum Beispiel einfach sagen, dass Angela Merkel die Mussbruchstelle des Euro ist – und wir verhindern müssen, dass sie auch die Mussbruchstelle der EU wird. Aber das steht in einem anderen Buch.
14.07.2011 von Detlef Guertler
“Man wünscht sich generell mehr Mutausbrüche”, tweetet der mal mehr, mal weniger originelle Worthort. Stimmt voll und ganz. Wenn innerhalb weniger Tage sowohl der Grieche als auch der Spanier als auch die Spanierin sich über Deutschlands Katastrophenpolitik in der Euro-Krise aufregen, kann man das tatsächlich als Mutausbrüche bezeichnen – wohingegen von den deutschen Akteuren so etwas bislang nicht vermeldet werden konnte. Wenn denen etwas ausbricht, dann Wut.
11.07.2011 von Detlef Guertler
Ein interessanter Vorschlag von Deutsche-Bank-Researcher Bernd Volk:
We suggest a significant “Rating deleveraging” of the financial system, i.e. less use of rating requirements in laws, regulatory requirements, bond prospectuses and other contractual agreements.
Zu deutsch also: Wenn wir nicht mehr bei so vielen verschiedenen Transaktionen ein Rating verlangen oder uns an einem Rating orientieren würden, hätten die Rating-Agenturen weniger Macht und könnten weniger Schaden anrichten. Da mir “Rating Deleveraging” doch etwas lang ist, allerdings kaum ins Deutsche übersetzbar, würde ich für diesen Vorgang eher die Kurzform Derating vorschlagen.
Ob Rating Deleveraging oder Derating: Ich halte das nur für die zweitbeste Lösung. Die beste wäre es gewesen, und ist es wohl noch heute, sie genauso an die Wand fahren zu lassen wie einst Arthur Andersen nach der Enron-Krise, weil es sich sicherlich nachweisen liesse, wenn man es denn wollte, dass sie mit beachtlicher krimineller Energie die Kreditkrise absichtlich herbeigeführt… weiter lesen
05.07.2011 von Detlef Guertler
Zugegeben, das Wort ist nicht ganz neu – aber bislang wurde es nur von mir selbst verwendet, erstmals im Oktober 2006 in diesem Blog, zuletzt vergangenen Freitag in einer Kolumne für den MDR. Er bezieht sich auf die Fabel von der Grille und der Ameise. Die singt und tanzt den ganzen Sommer, die andere arbeitet rund um die Uhr. Und als im Winter die hungrige Grille die Ameise um etwas zu essen aus ihren Vorräten bittet, blitzt sie ab: “Du hast den ganzen Sommer getanzt, wohlan, so tanze auch jetzt.”
Die Analogie zur Situation in Europa drängt sich da geradezu auf: der Konflikt zwischen den Grillenstaaten des Südens und den Ameisenstaaten des Nordens. Dieses Bild aus der alten Fabel ist denn auch eines, das bei fast allen hängen bleibt, die mein neues Buch “Entschuldigung! Ich bin deutsch” gelesen haben. Bei den Rezensenten von… weiter lesen