30.08.2011 von Detlef Guertler
“Nicht schön, aber doch bemerkenswert”, nennt Wortistik-Leser Ludwig Trepl ein Neuwort, das ihm wiederum ein Leser seines Blogs gerade zugetragen hat: Stuzubi, also eine Mischung aus “Student” und “Auszubildendem”. Trepls Kommentar dazu:
Inzwischen hat man in wohl allen Fächern den Charakter dessen, worum es in dem geht, was man immer noch Studium nennt, so verändert, daß man um eine angemessene neue Benennung nicht mehr herumkommt. Es ist Lehrlingsausbildung, was da geschieht.
Der Ansatz ist interessant. Denn das, was heute als Bachelor-Studiengang bezeichnet wird, ist in der Tat weit, weit von dem entfernt, was ein Studium eigentlich sein sollte und was die meisten Menschen auch heute noch assoziieren, wenn sie Studium, Student oder Universität hören. Es hat praktisch nichts mehr mit Forschung zu tun, sondern nur noch mit Lehre, ach nicht einmal das, sondern nur noch mit Lernen, es hat praktisch nichts mehr mit dem Betreiben von… weiter lesen
25.08.2011 von Detlef Guertler
Es wird Zeit, sich vom Euro zu verabschieden. Entweder wird das Bundesverfassungsgericht übernächste Woche den Rettungsschirm im allgemeinen zuklappen, oder der Bundestag ein paar Tage später den EFSF-Rettungsschirm im speziellen gar nicht erst aufklappen, oder der Bundespräsident unterschreibt das EFSF-Gesetz nicht oder die bösen bösen Märkte machen schon vorher Schluss: Dass sich vorwiegend südeuropäische Banken gerade besonders intensiv mit US-Dollar eindecken, ist m.E. auf die Spekulation zurückzuführen, dass man als Südi besser da steht, wenn man im Fall des Euro-Crashs ein paar Dollar auf dem Konto hat.
Es wird trotzdem nicht Zeit, wieder die D-Mark zu begrüßen: “Ein Blick in unsere Geschichte genügt, um zu erkennen, dass sich jeder deutsche Alleingang verbietet”, sagt Helmut Kohl in seinem großartigen Interview in Internationale Politik. Ein einseitiges Austreten aus der Eurozone mit Rückkehr zur D-Mark wäre genau ein solcher Alleingang, und ein unkontrolliertes Auseinandersplittern der Eurozone ist zwar angesichts der weiterhin verbrecherischen Ignoranz… weiter lesen
19.08.2011 von Detlef Guertler
“Dann hätten wir da noch den Sprachdemokraten @astefanowitsch“, twitterte Lars Fischer (Fischblog). Und auf die Wort-Idee ist offensichtlich vor ihm noch niemand gekommen: Jemanden, der mit Klauen und Zähnen das Recht der Menschen verteidigt, ihre eigene Sprache nicht nur zu benutzen, sondern auch zu verändern, der sich mit allen besserwisserischen sogenannten Sprachkritikern anlegt, ihnen sogar so oft das Wort Sprachnörgler hinterherruft, dass es drauf und dran ist, zum Teil des deutschen Wortschatzes zu werden, einen solchen jemand kann man sicherlich als Sprachdemokraten bezeichnen.
Also ich mich auch gerne.
17.08.2011 von Detlef Guertler
“Es waren zwei rote Ampeln auf dem Fahrrad und ein Vogel für eine Zivilbullin”, beschreibt Kollege B. aus B. in seinem Facebook-Status das Sündenregister, das ihn gerade “100 Euro, 1 Punkt, 1 Entschuldigung” gekostet hat.
“Bullin?”, fragt ihn W. – “Wie sagt man sonst? “Yvonne”?”, fragt B. zurück. Eigentlich ein guter Vorschlag (findet auch W.), doch bezweifle ich, dass er sich weit über das aktuelle Sommerloch hinaus halten lässt.
Allerdings gibt es rein biologisch eigentlich keine Bullin. Sondern nur eine Kuh. Aber wäre “Zivilkuh” besser? Oder, gendergemainstreamt: “Zivilrind”? Eher nicht, da die Polizistenbezeichnung Bulle ja ursprünglich nicht vom männlichen Rind kommt, sondern laut Wikipedia entweder aus dem Rotwelschen (Puhler = Polizist) oder aus dem Niederländischen (bol = Kopf).
Also doch Bullin? Oder, taz-gemäss: BullIn?
13.08.2011 von Detlef Guertler
In den Kommentaren zum Beitrag über kultürlich versteckte Wortistik-Leser polyphem ein wunderhübsches Neuwort: Deutschrühmelei.
Versteckt deshalb, weil es so aussieht, als handle es sich um ein Zitat von Peter Bofinger. Aber in dem verlinkten Beitrag taucht das Wort gar nicht auf. Soo viel wortistische Originalität sollte man Ökonomen auch nicht zutrauen.
Danke, Zyklop.
11.08.2011 von Detlef Guertler
Marktwahnsinn. Mit diesem einen Wort kommentierte mein Facefreund Sam Costanzo einen Artikel über den sehr heftigen und denn doch überraschenden Kursabsturz der französischen Banken. Und obwohl dieses Wort so nahe liegt; wird es bislang in Deutschland nicht verwendet. Vermutlich, weil für die Deutschen der ganze Börsenkrempel ohnehin irrational ist, weshalb dann Marktwahnsinn so etwas wie Schwarzrappe wäre.
So ist es natürlich nicht (also nicht immer). Die Attacken gegen die Staatsanleihen der Süd-Eurozone beruhen mindestens zum Teil auf der völlig rationalen Einsicht, dass die Eurozone so nicht funktioniert, und die Kursstürze der Aktienbörsen weltweit geben (wieder zum Teil) die ebenfalls rationale Einschätzung wieder, dass uns eine neue Rezession bevorsteht, eventuell sogar eine neue Weltwirtschaftskrise.
Dass hingegen die Aktie von Société Générale gestern um noch mal zehn Prozent absackte, weil in einer Reuters-Datenbank kurzzeitig die Information auftauchte, dass die Bank 12-Monats-Goldgeschäfte zu einem niedrigeren Kurs anbietet… weiter lesen
09.08.2011 von Detlef Guertler
“Wichtig ist, dass Sie sich wohl fühlen und möglichst natürlich erscheinen”, steht in den “Kleidertipps für Ihren Auftritt”, die das ZDF mir für den Auftritt morgen im Mittagsmagazin mitgegeben hat. “Du bist nicht natürlich”, kommentiert meine Frau, und in der Tat, einer meiner Lieblings-Aussprüche von Wolf Schneider ist “Das Gegenteil von Natur ist Kultur”.
“Also sollte ich möglichst kultürlich erscheinen, um mich wohl zu fühlen”, sinniere ich, verwerfe das aber sofort wieder – weil es ja kultürlich gar nicht gibt. Was ich dann aber auch gleich wieder verwerfe: Ist es nicht mein Job, Wörter zu finden und zu erfinden, die es noch nicht gibt? Genau! Wenn Sie also am 10. August zwischen 13 und 14 Uhr das ZDF einschalten, werden Sie dort jemand sehen, der versucht, sich kultürlich wohl zu fühlen.
08.08.2011 von Detlef Guertler
von bschl:
Verkäufersprech ist bekanntlich meist eine stark eingeschränkte, zu häufig eine dröge Teilmenge des Deutschen, die wenig von der möglichen grammatischen Vielfalt unserer Sprache nutzt. Es richtet sich an den typischen Interessenten der jeweils angepriesenen Ware und gehorcht in seiner Entwicklung strikten Erfolgsprinzipien: Wer nicht verkauft, darf nicht sprechen. Daher wirkt es in seinem spezifischen Umfeld in der Regel eloquenter als das durchschnittlich gesprochene, geschwatzte und gegrunzte Deutsch. Wird Verkäufersprech seinem Umfeld entnommen, dann wirkt es jedoch meist fad und abgeschmackt.
Meine Tanzpartnerin (ausschließlich „Standard“, also Walzer, Slowfox, Quickstep, Tango und Wiener Walzer) ist Geschäftsführerin eines Fachgeschäftes für Tanzschuhe und Zubehör. Sie überraschte mich vor zirka zwei Wochen mit einem Wort, das ich a) für ein Neuwort halte und das ich b) der sprachlichen Schöpfungskraft eines Verkäufers niemals zugetraut hätte!
Wenn Damen Schuhe kaufen, dann wird Begehrlichkeit geweckt, weil der Schuh schick ist (nicht aus profanen Erwägungen, etwa, weil… weiter lesen
07.08.2011 von Detlef Guertler
von Polyphem:
Nebenan beim Reptilienfonds fand ich einen Link zum Wahlkampfflyer einer deutschen Partei. Diese versucht in Berlin durch Erfindung der “Servicekratie” zu skoren.
Lohnt es sich, dieses Neuwort zu veröffentlichen oder wird die FDP schneller abgebaut sein als die Bürokratie?
04.08.2011 von Detlef Guertler
“Sefolosha skorte, doch die Schweiz verlor” schrieb gestern der Züricher “Tagesanzeiger” über ein Testspiel der Basketball-Nationalmannschaft gegen Portugal.
“skoren” – kann man da nicht genauso gut “treffen” sagen?, mögen Sprachnörgler und Anglizismenhasser da einwenden. Aber das kann man eben nicht. Aus zweierlei Gründen:
1. Zum “skoren” lässt sich problemlos das Substantiv bilden, zum “treffen” nicht. Im Tagesanzeiger-Artikel beispielsweise wurde Thabo Sefolosha als Star des Schweizer Teams und als “Topskorer der Partie” bezeichnet. Wie sagt man da auf deutschdeutsch? Haupttreffer ja wohl nicht, Schützenkönig oder bester Korbjäger überzeugen mich auch nicht. Zudem müsste hier für verschiedene Sportarten jeweils ein unterschiedliches Substantiv verwendet werden, was zumindest umständlich ist.
2. In einigen Sportarten bezeichnet “skoren” etwas anderes als das reine Erzielen von Toren, Körben oder Punkten. Im Eishockey beispielsweise skort man auch, wenn man die Vorlage gibt, aus der dann ein Tor entsteht: Der Torschütze… weiter lesen