Postjournalismus

„Meinten Sie: Sportjournalismus“, fragt Google derzeit noch irritiert, wenn man nach „Postjournalismus“ sucht. Aber das wird sich bestimmt bald ändern, wenn erst Michel Reimons gleichnamiges Projekt die Wahrnehmungsschwelle überschreitet (was bei mir über den Umweg via Bildblog und The European geschah).

Reimon hat den Begriff Postjournalismus demjenigen der Postdemokratie nachempfunden, wodurch er als eine Art Zerfallsprodukt oder Degenerationserscheinung erscheint, nämlich:

Eine Berichterstattung, die zwar noch alle äußerlichen Merkmale von Journalismus aufweist, aber eine andere Funktion hat, nämlich bestimmte Zielgruppen zu erreichen und dann zur Werbung zu lenken.

Denn in den letzten drei Jahrzehnten sei gar Schröckliches dem Journalismus widerfahren:

Primäres Ziel von Medien ist nicht (mehr?) die Aufklärung der Bevölkerung, sondern das Erwirtschaften von Profit. Das verändert die Berichterstattung massiv: Die moderne Medienökonomie beruht primär auf Werbung als Einnahmequelle. Das Publikum ist damit nicht mehr die Kundschaft, sondern das Produkt, das verkauft wird.

Das ist natürlich grober Unfug, weil eine groteske Verkennung der Geschichte und Funktion von Medien. Deren Ziel war niemals nie die Aufklärung der Bevölkerung, sondern entweder das Erwirtschaften von Profit oder die Beeinflussung der Bevölkerung. Für Letzteres standen vor allem die vor einem Jahrhundert noch vorherrschenden Weltanschauungs-, Staats- oder Parteimedien, die unter anderem durch das Aufkommen von an Aufmerksamkeit orientierten Unternehmen zurückgedrängt wurden: Diese suchten ein jeweils passendes bzw. glaubwürdiges Umfeld für ihre Werbebotschaften, wodurch eben Vertrauenswürdigkeit eines Mediums sich finanziell auszahlen konnte.

Rein medienhistorisch war damit die „Werbung als Einnahmequelle“ eher eine Voraussetzung für aufklärerischen Journalismus als dessen Totengräber. Und wenn derzeit etwas die Qualität der Medienbranche und die Arbeitsbedingungen für Journalisten verschlechtert, dann ist es doch wohl eher der Rückgang der Werbeeinnahmen als deren Zunahme. Es mag natürlich sein, dass es heute in die Branche einsteigenden Kollegen anders vorkommt, unter anderem wegen heute deutlich geringerer Firewalls zwischen Anzeigenabteilungen und Redaktionen als früher – aber natürlich auch wegen der frappierenden Geschichtsunkenntnis der Neuzugänge.

Was Reimon „Postjournalismus“ nennt, ist also schlicht – Journalismus.

Die Frage, wer oder was die Medien als vierte Säule der Gewaltenteilung in demokratischen Systemen ablösen kann (oder zur fünften Säule werden kann) stellt sich natürlich trotzdem: Das Interessengeflecht, in dem sich Medien wie Journalisten verheddert haben (und in dem Gefälligkeiten für Anzeigenkunden eines des kleineren Probleme darstellen), lässt eine Lücke für neue Institutionen.

Ein erster Versuch für eine Antwort:

Neben den drei bekannten Säulen der Gewaltenteilung:

– Legislative (Parlament)

– Exekutive (Regierung)

– Iudikative (Rechtssprechung)

haben sich als vierte Säule die Medien etabliert. Wobei ihr Job nicht so sehr die Kontrollfunktion ist, als vielmehr die Erklärfunktion: Medien zelebrieren und inszenieren Menschen und Konflikte, Probleme und Lösungen. In der Gewaltenteilungssprache wäre das dann die:

– Narrative (Medien)

Die so gerne gewählte Selbstinszenierung als aufklärerisches „Sturmgeschütz der Demokratie“ würde dann eher einer fünften Säule angehören. Nennen wir sie, um den selbstverliebten Medien ihren Begriff zu lassen:

– Investigative (Enthüller).

Zur Investigative gehören natürlich nicht nur die schätzungsweise noch 37 investigativ tätigen Journalisten in Deutschland, sondern auch und vor allem die Whistleblower, Wikileaker, Transparency Internationals und andere, die Licht ins Dunkel von Staat, Wirtschaft und natürlich Medien zu bringen versuchen.

So gesehen wäre also Julian Assange der erste wahre Postjournalist gewesen.

 

Kommentare (14)

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

  1. Pingback: Carta — Postjournalismus, nicht konstruktiver Journalismus - Carta

  2. Pingback: Postjournalismus, oder ein Plädoyer gegen den konstruktiven Journalismus | Simone-Ines.de

  3. @Nicolai: Enttäuschen geht anders.
    Hat Tönnies eigentlich „nur“ unterschiedliche öffentliche Meinungen unterschieden, oder dabei auch die Verbindung zur Gewaltenteilung gezogen? Ich kenne sein Werk leider nicht.

  4. Auch auf die Gefahr hin, zu enttäuschen: Der Gedankengang ist bereits in Ferdinand Tönnies „Kritik der öffentlichen Meinung“ von 1922 betrachtet worden. Sehr ausführlich sogar.

  5. Mit der “aufgeklärten Öffentlichkeit” habe ich auch so mein Problem. Wir könnten die informierteste Gesellschaft sein, die es je gab, das Angebot ist vorhanden. Statt dessen zappen wir uns durch alberne Talkshows, die viele für politische Sendungen oder gar Debatten halten, und Schlimmeres. Selbst Phoenix trägt dem mittlerweile Rechnung – die Übertragungen aus dem Bundestag sind deutlich seltener geworden.

    Mir kommen viele Journalisten vor wie Sprinter: Nur ja nichts verpassen, schnell-schnell einen Bericht zusammenhauen und raus damit. Gute Erklärstücke, Hintergrund, die eigentlich im Netz das Mittel der Wahl wären, sind selten. Häufig kommen sie von Fachleuten und gerade nicht von Journalisten.

    Natürlich war Journalismus immer profitorientiert. Ich kann Michel Reimons Sicht aber sehr gut verstehen, denn die Qualität des Produkts ist gesunken. Es ist nicht mehr selbstverständlich, für gutes Geld gute Leistung zu bekommen. 37 investigativ tätige Journalisten? Ehrlich? Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir uns jede Woche auf den neuen Spiegel gefreut haben, lange her. Wenn ganze Redaktionen entlassen werden und keiner mehr Recherche bezahlen will, haben wir eben diese Sorte Journalismus. Und dann noch das Geschrei nach einem Leistungsschutzrecht …

    Gäbe es keine Blogs, sähe es noch trauriger aus. Wer keine Blogs lesen kann (wegen der diversen digitalen Spaltungen), hat eben Pech. Außerdem liest jeder eh nur, was ihn in seinen Ansichten bestätigt. So viel zur aufgeklärten Öffentlichkeit. Wir sind gut vernetzt, aber schlecht informiert.

  6. @Hans: Interessanter Ansatz, „aufgeklärte Öffentlichkeit“ ohne aufgeblasene Medienmenschen zu definieren.
    Aus der Geschichte kenne ich Gesellschaften, die so funktioniert haben. In den spätmittelalterlichen Hansestädten beispielsweise brauchte es weder Recht noch Gesetz noch Medien, um Stadt und Wirtschaft nach den Grundsätzen des ehrbaren Kaufmanns zu gestalten. Und natürlich gibt es auch heute noch Gesellschaften, in denen die Kontrolle von Politik und Justiz nicht so sehr von Narrative und/oder Investigative betrieben wird, als vielmehr von Mullahs oder Priestern – oder Paten.
    In unseren westlichen Breiten mit ihren aufgeklärten Gesellschaften findet hingegen die „aufgeklärte Öffentlichkeit“ seit einigen Generationen vorwiegend medial vermittelt statt. Natürlich kann sich das auch wieder ändern – haben Sie einen Vorschlag, wie das gehen könnte?

  7. So ein Käse… Journalisten nehmen sich notorisch zu wichtig. Als wenn die vierte Säule (da gehe ich noch mit) nicht genug wäre, jetzt auch noch eine fünfte?! Hahahahahaaaaa. Diese angebliche „postjournalistische“ fünfte Säule gibt es seit Jahr und Tag, und für sie braucht es vor allem keine aufgeblasenen Medienmenschen. Man nennt sie „aufgeklärte Öffentlichkeit“ oder „Zivilgesellschaft“.

  8. „vielmehr eine Erklärfunktion“

    Das mag für einige Medien zutreffen. Das Medium, das ich beobachte, erklärt so gut wie nichts, ist also ein Nachplapper- und Vervielfältigungsorgan für Politikergerede und deshalb für Politiker unverzichtbar, für Leser dagegen sehr wohl verzichtbar.
    Es ist also längst überfällig, diese selbstgefälligen Medien von ihrem Alibi-Thron (Wir sind die vierte Gewalt), herabzuholen. Sie, Herr Gürtler, haben einen Beitrag dazu geleistet.

  9. @sct: Mein Beitrag ist übrigens gerade ein Versuch, den Journalismus wieder vom Sockel herunterzuholen. Weil er eben nicht so sehr wie von sich selbst behauptet eine Kontrollfunktion ausübt, als vielmehr eine Erklärfunktion.

  10. @Klaus S., sct: Wenn das mit der Wahl so einfach wäre: Die Kontrolle einer demokratisch gewählten Institution durch eine andere demokratisch gewählte Institution ausüben zu lassen, ist extrem problematisch, da es sich im Regelfall um die Vertreter der gleichen (Mehrheits-)Strömung handeln dürfte, was zu einer Diktatur der Mehrheit über die Minderheit führen kann. Deutlich wird dieses Problem fast überall in der sehr geringen Distanz zwischen Legislative und Exekutive, da die demokratisch gewählten Parlamentarier mit Mehrheit auch die Regierung bestimmen. Die derart zusammengewachsenen zwei Säulen haben ja erst dazu geführt, dass man über weitere Säulen nachdenkt.

  11. Danke für den Beitrag. Kann ich so unterschreiben. Kleine Anmerkung noch:

    Bezüglich der Unwägbarkeiten des Lebens gefällt mir der folgende Spruch:

    Es ist gut, das Recht auf seiner Seite zu haben, man muss jedoch auch mit der Justiz rechnen …

    Ohne jetzt die gesamte deutsche Rechtsprechung in Frage stellen zu wollen, hab ich mich spaßeshalber gefragt, was denn im obigen Zusammenhang die klein geschriebene „Ludikative“ bedeuten könne, wo doch mit „Lude“ umgangssprachlich der Zuhälter bezeichnet wird.
    😉

    (ist vermutlich einfach ein Tippfehler, aber manchmal …)

  12. Wobei die Einordnung des Journalismus in die staatliche Gewaltenteilung problematisch ist – kein Journalist ist gewählt und somit demokratisch legitimiert.
    Journalismus hat ohne Frage eine sehr wichtige Aufgabe in der Demokratie. Er sollte sich aber nicht selbst überhöhen und auf eine Stufe mit demokratisch legitimierten Institutionen stellen.

  13. Interessanter Gedanke. Bei der Nennung der Medien als „Vierte Gewalt“ wird aber immer wieder vergessen, dass die Medien keinerlei demokratische Legitimation (sprich Wahl) erfahren: Sie können also eo ipso keine demokratische Gewalt sein (selbes gilt für die genannten „Investigativen“). Zudem sind Medien als Unternehmen ökonomische Akteure und müssen natürlich zwei Märkte – Publikums- und Werbemarkt – bedienen, was der ihnen zugeschriebenen demokratischen Funktion zuwider läuft. Die Kontrollfunktion der Medien verläuft sich darüber hinaus oft in der Anbiederung an und der Akklamation politischer Akteure. Im Prinzip könnte man tatsächlich grob umreißen, dass die „Investigativen“ die eigentlichen gesellschaftspolitischen Aufgaben der Medien aufgreifen. Spannender Gedanke.

  14. Danke für den Text.
    Vg.:
    http://cdn.inquisitr.com/wp-content/2011/05/assange-facebook.jpg

    Zu dem „Such- Bild“ formuliert The Inquisitr (September 23, 2011):
    „For a man who traffics in the free and open spread of information, Julian Assange sure has a lot of restrictions on which information he would like to see released.”