Flauschstorm

Marina Weisband geht auf dem Zahnfleisch dieses Wochenende. Und wie sich das für die Geschäftsführerin der Piratenpartei gehört, lässt sie uns alle daran auf Twitter teilhaben:

“Bin so fertig…” … “Erschöpft und müde und keine Lust auf Gesellschaft” … “Ich bin zu fertig, um Vampire zu spielen. Das ist das Ende des Abendlandes.” … “Ich wollte seit 4 Stunden mit einem Buch auf dem Sofa liegen, und ich arbeite Emails ab. Hört auf, mir Emails zu schreiben” … “Super, die tolle “Fan-Mail” hat mich zum ersten mal zum Weinen gebracht. Wenn ihr nur beleidigen wollt, warum lasst ihr das Schreiben nicht?” … “Warum hält irgendjemand auf dieser Welt es für produktiv, andere ohne Not zu beleidigen?”

Es ist aber auch wirklich anstrengend, eine Person öffentlichen Interesses und Ärgernisses zu sein. Denn es melden sich ja auch wirklich nur diejenigen, die sich über dich ärgern, die dich fertig machen und runterziehen wollen, die nur darauf warten, einen Satz oder Halbsatz von dir so verdrehen zu können, dass sich daraus ein Shitstorm fabrizieren lässt, eine geballte Hassattacke des Netzes, der Geister, die du riefst. Weisband hat, immerhin, eine Gegenstrategie gefunden:

Habe vorhin ein Bibelzitat getwittert, dazu noch eins, das oft von absolutistischen Herrschern bemüht worden ist. Aber nachts kein Shitstorm.

Und das, laut Twitter-Zeitanzeige, morgens kurz vor vier. Allerdings dürfte die Methode, tagsüber öffentliches Interesse zu erregen, und nachtsüber öffentliches Ärgernis, schon aus rein chronobiologischen Gründen nicht lange gut gehen.

Für Menschen, die so leiden wie Marina Weisband, hat deshalb der Sprachprofessor, -blogger und -twitterer Anatol Stefanowitsch heute morgen eine neue Therapie vorgeschlagen: den Flauschstorm. Aber geben wir ihm selbst das Wort:

Die Idee des Flauschstorms ist es, Menschen, die mehr als den ihnen zustehenden Anteil an Shitstorms über sich ergehen lassen mussten und müssen, einen Tag lang aufrichtig und vor allem ironiefrei liebe Dinge zu sagen, ihnen zu sagen, was sie alles gut und richtig machen, sie ganz allgemein mit Lob und verbalen Knuddeleinheiten zu überschütten. Wer nichts Nettes zu sagen weiß, hält sich aus dem Flauschstorm heraus, bzw. retweetet einfach die Nettigkeiten anderer. Auf diese Weise können Shitstormende und Geshitstormte durchatmen, Kraft sammeln, vielleicht sogar ihre gegenseitige Zuneigung wieder entdecken.

Hätte ich den Flauschstorm erfunden, ich hätte den ersten Marina Weisband gewidmet. Sie könnte ihn heute bestimmt ganz gut brauchen. Aber Stefanowitsch hat sich für ein anderes Flauschstorm-Objekt entschieden:

Als Ziel für den ersten Flauschstorm der Geschichte schlage ich die #15piraten im Berliner Abgeordnetenhaus vor … Es sind 15 Menschen, die bereit waren, ihre Unzufriedenheit mit dem Ist-Zustand in politische Arbeit umzumünzen, statt sich, wie die meisten von uns, damit zu begnügen, diese Unzufriedenheit in Form von geistreicher Häme in Foren und sozialen Netzwerken, Blogs und Zeitungsartikeln auszuleben. Dabei machen sie ohne Frage auch Fehler, … aber sie tun eben ihr Bestes, sie sind trotz aller Shitstorms immer noch bereit, zuzuhören und sich zu verbessern, und unser aller Träume von einer freien, gerechten, partizipatorischen Gesellschaft irgendwie ins politische Tagesgeschäft einzubringen. Dafür haben sie einen Flauschstorm in Orkanstärke verdient. Also:
1. Überlegt, ob ihr etwas Nettes über die 15 Abgeordneten sagen könnt (keine Ironie!).
2. Postet es auf Twitter mit den Hashtags #flauschstorm und #15piraten.

Das mit den ironiefreien Nettigkeiten fällt mir bei dieser Zielgruppe zwar nicht so leicht, aber ein bisschen retweeten geht ja auch. Und vielleicht entfacht Stefanowitsch den nächsten Flauschstorm ja für Marina Weisband.

Kommentare (10)

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  4. @polyphem

    Warum nicht fluffstorm? Eigentlich braucht es da keiner weiteren Wortkreation. Flausch hört sich eben flauschig und warm an.

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  6. Der Geist spricht mit und meine Zunge bekam einen Knoten. Da der Flauschangriff schon vielfach anders benutzt wird, habe ich die Attacke vorgeschlagen. Ich werde weiter Ersatz für das schwer Aussprechliche suchen.

    Ihren allgemeinen Ausführungen zur Flauschwirkung kann ich nur zustimmen und Flauschverbot lag mir nicht im Sinn. Flauschen und Loben wir also weiter. Aber bitte Joachim Lottmann nix verraten.

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  8. Pingback: Esoterik-Geschwurbel mit Taschentuch-Zipfelchen | Ich sag mal

  9. Aber Niggemeier, lieber Zyklop, flauscht nur sehr unregelmässig, sein letzter Flausch am Sonntag datiert nun auch schon vom 30. Oktober. Da müssen auch andere flauschen dürfen, wo doch der Flausch eines der schönsten Wörter der deutschen Sprache überhaupt ist. Bei Nennung oder Lesung des Wortes Flausch steigt die gefühlte Innentemperatur gleich um mindestens zwei Grad, da kann kein Glühwein mithalten.
    Zugegeben: Flausch-Storm ist nicht einfach auszusprechen und mixt deutsches und englisches, aber das allein wäre noch nicht schlimm:
    – da Flauschstorms vorrangig bei Twitter stattfinden werden, werden sie weniger gesprochen als vielmehr gelesen, und das geht mit dem Flauschstorm ganz gut
    - Begriffsbildungen aus mehreren Sprachen sind zwar selten, aber deshalb nicht unbedngt schlecht, siehe das griechisch-römische Automobil oder die englisch-deutschen downloadbaren Bestsellerlisten.
    Natürlich bin ich für Alternativen jederzeit zu haben, aber für den Vorschlag der “Flauschattacke” kann ich mich nicht erwärmen: Die “Attacke” ist zu hart, es soll ja gerade nicht attackiert werden. Ähnliches könnte man zwar auch über den -storm sagen, aber der dient ja in erster Linie dafür, den Bezug zum negativen Original Shitstorm herzustellen.

  10. ..schst–: wortistisch – naja, lautistisch – neenee.

    Bei “shitstorm” sind ja beide Wortteile importiert. Könnte Flausch hier auch übersetzt werden? Vielleicht ist das Ergebnis mit ..storm dann wohlklingend? Alternativ würde ich die Flauschattacke vorschlagen. Das klingt besser und es dürfte die in der Sache (zu Recht) verbotene Ironie wenigstens in dem Begriff zu Ehren kommen.

    P.S.: “Flausch am Sonntag” gibt es doch eigentlich beim Kollegen Niggemeier. :-)