Archive for Januar, 2012

30.01.2012 von Detlef Guertler
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Babbeltee

von Detlef Guertler

Nein, natürlich bin ich überhaupt nicht beleidigt, dass Sprachblogger Anatol Stefanowitsch meinen Vorschlag “Haircut” für die Wahl zum Anglizismus des Jahres mit 0 von 5 Sternchen bewertet hat (grmpf).

Und nochmals nein, es hat natürlich überhaupt keinen Zweck, sich jetzt ökonomisch mit seiner Behauptung auseinanderzusetzen, dass der “Schuldenschnitt” als deutsches Ersatzwort den Anglizismus nach 15 Minuten Ruhm verdrängt hat – es geht hier ja um die Verwendung von Wörtern, und da sehen es die meisten Schreiber wohl ähnlich wie der Hamburger Anglizistikprofessor (grmpf) Stefanowitsch.

Deshalb steht es natürlich in überhaupt keinem ursächlichen Zusammenhang, dass ich mich hier für “Babbeltee” als Eindeutschung jenes “Bubble Tea” ausspreche, den Stefanowitsch im gleichen Blog-Beitrag mit 4 von 5 Sternchen bewertet hat. Vorgeschlagen hat den Babbeltee eben dort in der Kommentarspalte ein etwas nerviger Sprachschützer, und zwar nach einem fast putzigen Streit über die (Un-)möglichkeit, Bubble Tea mit “Blasentee” zu übersetzen.… weiter lesen

24.01.2012 von Detlef Guertler
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Geschreib

von Detlef Guertler

“Wenn Worte meine Sprache wären”, seufzt Tim Bendzko. Und “Ich hab die Worte nicht, dir zu sagen, was ich fühl.”

Ja so etwas gibt es. Schön, wenn man das so lösen kann, dass man ein Lied schreibt.

Es gibt aber natürlich auch andere Fälle. Fälle, in denen man mit jemand redet, und feststellt, dass dieser Jemand durch und durch unfähig ist, sich zu dem Problem zu äußern, das der Anlass des Gesprächs war. Oder Fälle, in denen der gut gemeinte Ratschlag, ein Problem durch ein Gespräch aus der Welt zu schaffen, nur zu einem weiteren Desaster führen kann. Oder Fälle, in denen die Kommunikationsebenen so weit voneinander entfernt sind, dass eine Verständigung schlicht unmöglich ist. Und manchmal natürlich auch Fälle, in denen das alles zusammen kommt.

Wenn also das Gespräch keine Lösung ist – kann man es ja mal mit einem Geschreib versuchen. Wie sagte schrieb doch weiter lesen

22.01.2012 von Detlef Guertler
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wulffen

von Detlef Guertler

Gerade in der Diskussion bei Günther Jauch: Was ist die korrekte Bedeutung des Verbs wulffen? Zur Auswahl stehen:

a) Anrufbeantworter vollquatschen

b) nicht wirklich lügen, aber auch nicht wirklich die Wahrheit sagen

c) irgendetwas mitgehen lassen, ohne dafür zu bezahlen

Das ist doch nun wirklich keine Frage, meine Damen und Herren. NUR b) kann die richtige Antwort sein. Denn das mit dem Anrufbeantworter ist sehr speziell und bald vergessen, das mit dem Klauen braucht kein neues Wort, da gibt’s schon genügend; aber die Konsequenz und Penetranz, mit der sich unser Noch-Bundespräsident sich an der Wahrheit vorbeilaviert hat, ist ziemlich einzigartig, sogar für Politiker.

Und Einzigartiges hat schon mal ein eigenes Wort verdient. Und wenn Wulff unbedingt an seinem Stuhl kleben bleiben will, sollte man ihm gleich noch sein eigenes Verb dazukleben.

16.01.2012 von Detlef Guertler
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Massendowngrade

von Detlef Guertler

Ist es nicht jedesmal wieder schön, wenn ein deutsches Wort sich in fremdsprachige Texte einschleicht!? Und noch dazu in der Überschrift! So wie gerade heute bei meinem Lieblings-Analysten Edward Hugh: The Massendowngrade Effect – wie schon irgendeiner dieser Kauders bemerkte, wird in Europa endlich wieder Deutsch gesprochen.

Ach: Sie meinen, Downgrade sei gar kein deutsches Wort? Doch, natürlich ist es das, verwendet doch jeder in diesen Tagen, und versteht doch auch jeder, wäre damit sogar ein prima Kandidat für die Wahl zum Anglizismus des Jahres gewesen, hat aber wieder mal keiner vorgeschlagen; nicht mal der Wortist, von dem stammt diesmal der Vorschlag “Haircut”.

Und unabhängig davon, wie deutsch man den Downgrade empfindet: Der Massendowngrade ist total deutsch. “Wollt Ihr den totalen Downgrade??” Und das begeisterte “Jaaaaa!!!!” kommt diesmal nicht aus dem Berliner Sportpalast, sondern aus der New Yorker Wall Street, wo ja… weiter lesen

13.01.2012 von Detlef Guertler
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Inaktivismus

von Detlef Guertler

“Bist du eigentlich auch bei Twitter?”, frage ich Kollegin Anja beim Arbeitsessen. “Angemeldet schon”, sagt sie, “aber mehr auch nicht. Einige haben mich wegen Inaktivismus auch schon wieder ungefollowt.” Kurzes Stutzen. “Sagt man eigentlich ungefollowt?”, fragt sie mich dann. “Kann man schon”, antworte ich, “es sieht nur geschrieben ziemlich doof aus. Aber Inaktivismus sagt man eigentlich nicht. Man sagt Nichtstun oder Faulheit, oder allenfalls Inaktivität.” – “Das ist dann allerdings ein eher zufälliges oder unbewusstes Nichtstun – man könnte genausogut auch etwas tun, man macht es nur nicht. Aber wenn man ganz bewusst etwas nicht tut, oder gar überhaupt nichts tut, dann ist das doch eigentlich nicht mehr Inaktivität, sondern eben schon Inaktivismus.”

Zum Beispiel, wenn man wie Anja einen Twitter-Account anmeldet, damit niemand anders sich unter dem eigenen Namen anmelden kann, aber diesen dann selbst nicht nutzt. Oder auch, wenn man sich wie der Finanzinvestor Blackstone dutzendweise Domain-Namenweiter lesen

07.01.2012 von Detlef Guertler
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Europa-Populismus

von Detlef Guertler

“Dieser bedingungslose Europa-Populismus von Herrn Brandenstein widert mich an”, kotzt sich Sebastian Bethge auf der Facebook-Seite eben jenes Philipp von Brandensteins aus. Und das nur, weil Brandenstein sich erdreistete, auf eine “weitere Verschärfung des europapolitischen Kurses der CSU” hinzuweisen, “die nun ziemlich genau das Gegenteil von Merkels “mehr Europa” vertritt”.

Europa-Populismus, soso. Als ob irgend jemand in irgend einem Land Europas damit populistisch auf Stimmenfang gehen könnte, “mehr Europa” zu versprechen. Als ob nicht vielmehr in fast jedem Land Europas derzeit der Europa-Populismus darin bestünde, gegen Europa Stimmung zu machen. Anti-Europa-Populismus sozusagen.

Ach, wie sehr würde ich mir es wünschen, dass es wirklich und wahrhaftig so etwas wie einen Europa-Populismus gäbe! Dass die Parteien sich geradezu darin überschlügen, mehr und mehr und mehr Europa zu fordern, ob das nun gerade geht oder nicht. Wenn ich mich recht erinnere, gab es so etwas schon mal: vor mehr als… weiter lesen

05.01.2012 von Detlef Guertler
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bemakeln

von Detlef Guertler

Heribert Prantl in der Süddeutschen über den Noch-Präsidenten und sein heutiges Interview:

“Man kann daher Mitleid haben mit Wulff; man muss Mitleid haben mit dem Amt, das er nicht ausfüllt. Das Amt, das bis vor kurzem ein Glücksfall war in der bundesdeutschen Geschichte, ist bemakelt und blamiert.”

Bemakeln kenne ich als Verb bisher nicht, nur das ganz andere Makeln. Genau wie vermakeln ist es mit dem Beruf des Maklers verbunden, den viele zwar für einen Makel halten, der aber sprachlich eine ganz andere Herkunft hat als eben jener Makel. Makler kommt sprachgeschichtlich aus dem Niederdeutschen und bezeichnet einen Unterhändler, der Makel hingegen vom lateinischen macula, was Fleck bedeutet.

Bemakelt ist demnach befleckt, und bemakeln ist beflecken. Das kommt zwar ein bisschen sehr getragen daher, aber, ja doch, in diesem Zusammenhang ist ein Griff in die Pathos-Kiste völlig gerechtfertigt. Man wird ja nun wirklich nicht… weiter lesen

02.01.2012 von Detlef Guertler
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Target-Krise

von Detlef Guertler

Es mag vielleicht ein bisschen verfrüht scheinen, wenn ich hier den Namen für eine Krise vergebe, die es noch gar nicht gibt. Aber erstens ist sie eigentlich schon da, zweitens wird sie sich nach meiner Einschätzung mit Herdentriebsdynamik in den nächsten Wochen entwickeln, und drittens ist der Jahresanfang ohnehin eine gute Zeit, um das eine oder andere vorwegzunehmen, was in diesem Jahr noch so passieren wird. In diesem Fall also die Prognose, dass es im ersten Quartal, also ab jetzt, zum Endgame um den Euro kommt, weil die Banken auf Teufel komm raus auf den Zusammenbruch der Eurozone spekulieren und am Ende Deutschland mit ein paar hundert Milliarden Euro oder D-Mark Verlusten hängen bleibt. Es sei denn natürlich, man verstaatlicht vorher eurozonenweit die Banken…

Kurz zusammengefasst, was ich anderswo deutlich länger aufgeschrieben habe: Die Kapitalmärkte im allgemeinen und die Eurozonen-Banken im besonderen spekulieren in rapide steigendem Ausmass auf… weiter lesen

01.01.2012 von Detlef Guertler
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Nahseher

von Detlef Guertler

“Nichts los hier im Nahsehprogramm”, quengelt Leonie, 16, gerade. Mindestens fünf Minuten lang ist niemand mehr durch jene kleine Gasse Calle Buitrago in Marbellas Altstadt gelaufen, die man vom Esstisch in unserer neuen Wohnung so gut im Blick hat – vor allem, wenn man direkt vor dem Kamin sitzt.

Nach zwei Wochen mitten in der Altstadt bekommen wir langsam ein Gefühl für den Rhythmus der Gasse. Jeden Morgen gegen acht Uhr fegt die städtische Reinigungskraft hier entlang; eine gute Stunde später stellen die Jungs von der Churreria ihre Stühle raus, bald danach donnert der erste Fußball an das Gitter unseres Wohnzimmerfensters (in der Schulzeit hoffentlich erst später), und das alte Ehepaar von nebenan schlurft spazieren. Das Abendprogramm schließlich läutet David ein, wenn er sich gegen 21 Uhr zur Arbeit in seine Bar „Barbella“ begibt (Es kann gar nicht illegal sein, wenn ich ihn dort mit unseren minderjährigen Kindern besuche, weil… weiter lesen