Target-Krise

Es mag vielleicht ein bisschen verfrüht scheinen, wenn ich hier den Namen für eine Krise vergebe, die es noch gar nicht gibt. Aber erstens ist sie eigentlich schon da, zweitens wird sie sich nach meiner Einschätzung mit Herdentriebsdynamik in den nächsten Wochen entwickeln, und drittens ist der Jahresanfang ohnehin eine gute Zeit, um das eine oder andere vorwegzunehmen, was in diesem Jahr noch so passieren wird. In diesem Fall also die Prognose, dass es im ersten Quartal, also ab jetzt, zum Endgame um den Euro kommt, weil die Banken auf Teufel komm raus auf den Zusammenbruch der Eurozone spekulieren und am Ende Deutschland mit ein paar hundert Milliarden Euro oder D-Mark Verlusten hängen bleibt. Es sei denn natürlich, man verstaatlicht vorher eurozonenweit die Banken…

Kurz zusammengefasst, was ich anderswo deutlich länger aufgeschrieben habe: Die Kapitalmärkte im allgemeinen und die Eurozonen-Banken im besonderen spekulieren in rapide steigendem Ausmass auf einen Kollaps der Eurozone, indem sie so viel wie möglich Guthaben im Norden der Eurozone anhäufen, damit diese im Kollaps-Fall in D-Mark o.ä. verwandelt werden. Mit denen man wiederum seine Peseten-und Lire-Schulden im Süden bezahlt und Währungsgewinne von 40 bis 70 Prozent einstreicht.

Das Startsignal zum Endgame um den Euro gab am 18. Dezember eine Studie des Goldman-Sachs-Analysten Dirk Schumacher, das Spielgeld, um ins Target-Spiel gross einsteigen zu können, kam kurz vor Weihnachten von der EZB: 489 Milliarden Euro, drei Jahre zur freien Verfügung, nur ein Prozent teuer.

Der Einsatz im Target-Spiel ist gering (eine Zeitlang Null- oder Negativzinsen für Einlagen kassieren), der potenzielle Ertrag ist gewaltig, und die Verluste, die auf der Gegenseite dieses phänomenalen Deals entstehen, werden ziemlich ungebremst vom „Eurosystem“ über die Bundesbank bis zum deutschen Steuerzahler durchgereicht. Dessen Risiko wird sichtbar in den sogenannten Target2-Salden der Notenbanken der Eurozone, wo für die Bundesbank derzeit etwa 500 Milliarden Euro an Forderungen gegen den Süden auftauchen – kein Problem, solange der Euro besteht, aber eben ein dreistelliger Milliardenverlust, wenn der Euro kollabiert. Und da sich in diesen Target-Salden am ehesten das Ausmass der Bedrohung und deren Beschleunigung zeigen wird, wäre Target-Krise sicherlich der passende Name dafür.

 

Disclaimer: Ein deutscher Ökonom, zu dem ich mich nicht weiter äussern möchte, weil ich ihn wegen seines Sprechers boykottiere, hat vor etwa einem Jahr wegen dieser Target2-Salden Alarm geschlagen. Allerdings mit einer grotesken Fehl-Interpretation: Es handle sich hierbei um einen Mechanismus, mit dem gutes deutsches Geld in böse Südstaaten fliesst, dieser Kreditfluss Richtung Süden müsse gestoppt werden. (Meine Interpretation geht umgekehrt: Es handelt sich um einen Mechanismus, mit dem die Banken auf einen Zerfall der Eurozone spekulieren – der Geldfluss Richtung Süden müsste notfalls auch an den Banken vorbei wieder in Gang gesetzt werden.) Da er sich von seinem Irrtum nicht abbringen liess, keiner wissenschaftlichen Diskussion zugänglich war und Widerspruch in dieser Angelegenheit mit Unterstellungen und Verunglimpfungen quittierte (wie zum Beispiel von Olaf Storbeck dokumentiert), fühle ich mich sehr wohl damit, auch weiterhin diesen gemeingefährlichsten aller deutschen Ökonomen zu boykottieren.

Kommentare (6)

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  3. @Christian Kurzer: Der grösste Teil dieser 489 Mrd. Euro liegt derzeit, völlig unverdächtig und verständlich, zwischengeparkt bei der EZB, für 0,25% Zinsen. Wenn man als Bank kurz vor Weihnachten solche Geldbrocken für drei Jahre gereicht bekommt, kann man ja vor allem erst mal beruhigt in Weihnachtsurlaub fahren. Die Aussagen spanischer Banken, Unternehmer und Analysten (das Mittelmeerland, das ich am intensivsten beobachte), deuten allerdings sämtlich darauf hin, dass jetzt nicht einfach die Kreditvergabe wieder anspringt, sondern weiterhin darnieder liegen wird. Und heute z.B. hat sogar die Bezirksregierung von Valencia nur mit Staatsbürgschaft eine Anleihe platzieren können (ohne die Valencia einen heute fälligen Kredit der Deutschen Bank nicht hätte zurückzahlen können), und in Italien musste Unicredit mehr als 40 Prozent Abschlag auf den aktuellen Kurs hinnehmen, um eine Kapitalerhöhung platzieren zu können.
    Wie gesagt: Im sehr flauen Marktumfeld zwischen den Jahren sind das alles eher anekdotische Indizien als schon eine Tendenz, aber Indizien, die m.E. zu meiner These passen. Alles weitere sind ohnehin Äusserungen, die die Zukunft betreffen, von der ich genauso wenig weiss wie Sie – aber eben eine Prognose abgegeben habe, wie sie aussehen wird.

  4. Sie schreiben in einem anderen Kommentar: „Und genau das ist es, was die Kapitalanleger derzeit tun. „Flight for Safety“, Flucht in die Sicherheit, heißt ihr Begriff dafür, und er kann perfekt begründen, warum auch die fast 489 Milliarden Euro, die die Europäische Zentralbank EZB kurz vor Weihnachten an Europas Banken vergaben, ihren Weg nicht in die darbenden Kreditmärkte des Südens gefunden haben – und auch weiterhin nicht finden werden.“
    Woher wissen Sie bereits, dass die 489 Mrd. € nicht für Investitionen in Italien, Griechenland und Co. genutzt wurden, sondern nur weitere Spekulation gegen den Euro oder Kapitalflucht nährten? Die BuBa-Bilanz ist doch für Dezember noch nicht veröffentlicht.

  5. @egghat: Bezüglich der „Angst vor großen Verlusten“ stimme ich gerne für die ersten 400 Milliarden Euro Target2-Salden zu. Die Flucht ins Sichere ist sicherlich ein wichtiges Motiv seit Ausbruch der Finanzkrise, wie auch immer man gerade das „Sichere“ definiert. Doch derzeit kommt eben als zweites, potenziell sehr dynamisches Motiv die Spekulation auf den Euro-Kollaps dazu – wie mir mehrere Banker dieser Tage bestätigten.
    Es handelt sich dabei übrigens NICHT so sehr darum, dass der Süden sein Geld in den Norden bringt: Chart 6 der Goldman-Studie (s. Link oben) zeigt deutlich, dass nur in Griechenland die Einlagen bei den nationalen Banken schrumpfen, nicht hingegen in den anderen Südstaaten. Logische Konsequenz: Es sind die Banken, die ihr Geld in den Norden bringen, und zwar die Nord- und die Südbanken gleichermassen – und die vom Rest der Welt natürlich auch.

  6. Der Grundthese stimme ich zu: Target II ist keine Kreditvergabe des Nordens an den Süden. Die Target II Salden sind das Ergebnis einer Flucht des Geldes in den Norden. Das entsteht aus zwei Gründen:
    a) Der Norden gibt dem Süden kein Geld mehr, die einzige Finanzierung des Südens kommt über die EZB (und schlägt sich damit in den Target II Salden nieder)
    b) Der Süden zieht sein Geld ab und bringt es in den Norden. Was würde ich als Grieche auch anderes machen?

    Und dann kommt auch der Punkt, in dem ich nicht übereinstimme: Das ist keine böse Spekulation, sondern jeder von uns, sei er Grieche im Süden oder Bankmanager im Norden, würde das Gleiche machen. Das ist viel mehr Angst vor großen Verlusten als Spekulation auf große Gewinne.