Gemütsterrorist

Disclaimer: Ich kenne Christian Jakubetz nicht persönlich und hatte bis vor drei Wochen auch noch überhaupt nichts von ihm gehört. Dann hat Stefan Niggemeier einen unsäglichen Jakubetz-Text verrissen, in dem dieser meinen ehemaligen Lehrer Wolf Schneider verrissen hat, dessen Verhältnis zur deutschen Sprache und ihrer Weiterentwicklung ich in diesem Blog mehrmals verrissen habe. Jakubetz’ frühe Kritik an den Gauck-Bashern hat mir hingegen deutlich besser gefallen. Ein Bedürfnis, ihn deshalb näher kennenzulernen oder mich gar inhaltlich mit ihm abzustimmen, habe ich aber nicht.

Disclaimer II: Der Sermon hier oben steht nur deshalb da oben, weil Horden von geistig minderbemittelten Twitter-Akrobaten sich Verschwörungstheorien basteln, wie welche Medien, Konzerne oder Seilschaften agieren, um Bundespräsidenten oder andere Menschen zu stürzen oder neu zu installieren. Und weil die Aufmerksamkeitsspanne der Twitterati so furchtbar begrenzt ist, muss man alles, was sie zur Kenntnis nehmen sollen, ganz ganz oben hinschreiben.

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Christian Jakubetz kritisiert im Tagesspiegel den “netzlichen Absolutheitsanspruch schmallippiger Gemütsterroristen”, der völlig außer Acht lasse, “dass es neben Schwarz und Weiß auch noch Grau gibt”. Eine inhaltlich durchaus akzeptable Kritik an den Gauck-Quenglern (vor allem, wenn man sie im Kontext des gesamten Artikels liest), allerdings grammatisch wie wortistisch ziemlich hanebüchen. Was ein “netzlicher Absolutheitsanspruch” sein soll, hat sich mir auch nach längerem Grübeln nicht erschlossen. Falls es sich darum handeln sollte, dass Menschen meinen, dass das ganze Netz der gleichen, nämlich ihrer Meinung sein sollte, wüsste ich gerne, wer solchen Blödsinn von sich gibt, falls etwas anderes gemeint ist, wüsste ich gerne, was denn.

Und dann die “Gemütsterroristen”! Rechtsterroristen stehen rechts und wollen durch Terror Gegner ihrer rechten Ideologie eliminieren. Linksterroristen genauso, nur eben mit links, und für Ökoterroristen oder religiös motivierte Terroristen gilt das gleiche: Der Wortbestandteil vor den -terroristen gibt an, wo der Terrorist ideologisch steht. Auf den Gemütsterroristen angewandt hieße das, er hätte eine Gemütsideologie und möchte durch Terror Gegner seines Gemüts eliminieren.

Hä??

Oder ist doch das gemeint, was der gleiche Christian Jakubetz vor ziemlich genau sechs Jahren als Gemütsterrorist bebloggte?

Radio ist am allerwenigsten mein Medium. Und ich verstehe auch nicht wirklich viel davon. In meiner laienhaften Sicht sind Frequenzen vollgestopft mit unerträglichen Gemütsterroristen, deren Wortschatz durchaus überschaubar ist.

Womit also das Wort vor den -terroristen deren Waffe bezeichnen würde: Bombenterroristen werfen Bomben, Giftgasterroristen versprühen Giftgas, und Gemütsterroristen greifen uns mit ihrem Gemüt an?

Macht auch keinen Sinn? Eben. Da ist es doch wohl besser, man packt die Terrorkeule wieder ein oder gar nicht erst aus.

 

 

Kommentare (3)

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  1. Wer Bohnen, Erbsen, Linsen isst,
    wird “Gemüseterrorist ”

    (Hatte mich verlesen)

  2. Das interessante an dem Artikel ist doch “Schwierige Tage also, wenn man als bloggender Journalist (oder umgekehrt) einen blogartigen Text für eine Zeitung schreiben soll, der für eine bestimmte Haltung Position beziehen soll …”

    Eine Haltung wird bestimmt, und dann wird jemand beauftragt, einen Artikel zu schreiben, der eine (welche?) Position dazu bezieht. Der Auftrag ist nicht, Fakten bezüglich einer Haltung zu recherchieren und dann die gewonnenen Erkenntnisse mitzuteilen.

  3. Ich glaube, er meinte die Morning-Shows und all die Wellen mit ihrer notorisch guten Laune. Doch die Wortwahl dafür ist natürlich bäh. Terroristen sind mediensprachlich schnell bei der Hand: Als “Amoklauf eines Geschmacksterroristen” wurde Stuckrad-Barres erstes Buch seinerzeit vom “Spiegel” tituliert…