Archive for März, 2012

23.03.2012 von Detlef Guertler
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Demokratiewunder

von Detlef Guertler

Es ist eher ungewöhnlich, dass Bundespräsidenten in ihrer Antrittsrede neue Begriffe prägen – insbesondere, wenn es dabei darum geht, einen anderen Begriff zu verdrängen. Joachim Gauck hat das heute gemacht. “Ich empfinde mein Land vor allem als ein Land des Demokratiewunders”, sagte er, als er bei seinem historischen Exkurs gerade in Nachkriegswestdeutschland angekommen war. Das war ein bewusster Angriff darauf, die Nachkriegszeit in erster Linie als “Wirtschaftswunder” zu erinnern.

Man kann das als Vergangenheitsfixierung begreifen, wie es insbesondere die Gauck-Gegner in der “Netzgemeinde” (auch dieser Begriff tauchte in der Antrittsrede auf, sehr positiv konnotiert) sofort aufgenommen haben, die augenverdrehend sofort abschalten wollen, wenn Gauck Worte wie 1989, Freiheit oder Demokratie verwendet.

Man kann es aber auch anders begreifen, nämlich als Statement in einem hoch aktuellen und wohl noch mehrere Jahre akuten politischen Konflikt. Nämlich dem um die Entwicklung der Vereinigten Staaten von Europa. Hier hat sich… weiter lesen

22.03.2012 von Detlef Guertler
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Wörtergate

von Detlef Guertler

Der Sprachblogger-Kollege Anatol Stefanowitsch hat eine neue Verschwörungstheorie in die Welt gesetzt. Wenn Linguisten immer wieder tapfer behaupten und belegen, dass Eskimos gar nicht so viele verschiedene Wörter für Schnee kennen, wie es der Volksmund behauptet,

könnte ja sein, dass es sich bei den Auskünften der Fachleute um eine Verschwörung handelt, um sich von staatlichen Forschungsgeldern ein faules Leben zu gönnen, so eine Art Wörtergate.

Das macht zwar so herum eigentlich keinen Sinn, weil eigentlich die Linguisten nur dann auf üppige Forschungsgelder hoffen könnten, wenn es auch üppige Wortschätze gäbe, die es zu heben gälte, aber das macht die Verschwörungstheorie natürlich nur noch charmanter: Eine zu einfach gestrickte Verschwörung würde ja sofort auffliegen, nur komplexe Verschwörungen sind gute Verschwörungen.

Und Wörtergate ist nun wirklich ein zu allerliebster Begriff, als dass ich an ihm einfach vorbeigehen könnte.

Allerdings sollte man bei dieser Gelegenheit darauf hinweisen, dass Stefanowitsch… weiter lesen

20.03.2012 von Detlef Guertler
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Schandstoff

von Detlef Guertler

“Wie heißt der flüssige Blutbestandteil und nenne die Aufgabe?”

lautete die Zusatzaufgabe in Clemens’ NaWi-Test über Blut und Blutkreislauf. Seine Antwort (mit 1 von 3 möglichen Punkten bewertet):

Blutplasma: Wegspülung von Viren und Bakterien (Schandstoffe)

Das ist nicht wirklich die Aufgabe des Blutplasmas, auch nicht auf den Kenntnisstand eines Berliner Fünftklässlers heruntergebrochen, deshalb ja auch nur ein Punkt für die richtige Namensnennung, und Viren und Bakterien würde man ja wohl auch eher als Krankheitserreger denn als Schadstoffe bezeichnen, aber, hey, da steht ja auch gar nicht Schadstoffe – da steht Schandstoffe.

Wenn Schadstoffe Stoffe sind, die einen Schaden verursachen können, dann könnten analog dazu Schandstoffe Stoffe sein, die eine Schande verursachen. Was hin und wieder auch auf Viren oder Bakterien zutreffen kann: auf Treponema pallidum zum Beispiel, den Syphilis-Erreger, oder auf das Aids-Virus HIV. Aber natürlich auch etwas ganz anderes bezeichnen kann. Latex beispielsweise (im Vatikan) oder Alkohol (in Scharia-Ländern)… weiter lesen

18.03.2012 von Detlef Guertler
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Freiheitspräsident

von Detlef Guertler

“Heute wird der “Freiheitspräsident” gewählt!” hat Markus Falk auf seiner Facebook-Seite gepostet. Wobei die Anführungszeichen wohl nicht für ein Zitat stehen (zumindest gibt er keine Quelle an, und ich finde auch keine), sondern die eigene Wortschöpfung kennzeichnen.

Ich mag das Wort. “Freiheit” ist der zentrale Begriff in Joachim Gaucks Vita und in seiner politischen Philosophie. Freiheit wird auch der zentrale Begriff seiner Amtszeit werden. Wenn Gauck das erfüllt, was seine Anhänger von ihm erwarten, wird er ein Freiheitspräsident für ganz Deutschland werden. Und Markus Falk hat das Wort dazu erfunden.

Seine Verächteraus der digitalen Bohème dürfen sich derweil gerne weiterhin damit beschäftigen, unter Freiheit das Jailbreaken von Handys und das Umgehen von Kopierschutzmaßnahmen zu verstehen.

17.03.2012 von Detlef Guertler
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Bundeszustand

von Detlef Guertler

“Das ist doch mal eine Wortneuschöpfung”, twittert Pirat Simon Stützer. Und weiter:

»Mein Name ist @GefionT ich bin Mitglied im Bundeszustand«

In der Tat: Bundeszustand ist neu. Sogar als Versprecher oder Verschreiber ist es extremst selten anzutreffen. Aber was ein echter Pirat ist, legt daraufhin natürlich sofort einen neuen Twitter-Account unter dem Namen @Bundeszustand an. Gerade eben hatte er bereits 14 Follower.

Und irgendwie, also irgendwie könnte das ja tatsächlich mehr als nur ein Versprecher sein. Ein Versprechen zum Beispiel. Schließlich treibt es (nicht nur) die Piraten ja ziemlich um, wie man sich im Großen organisieren kann, ohne in die alten hierarchischen Strukturen zu fallen. Mitgliederoffene Versammlungen statt Delegiertenkonferenzen, Liquid Democracy statt Bullshit Castle etc. pp. Da wäre es ja nur folgerichtig, wenn man auch den Vorstand abschaffen würde, zumindest dem Namen nach, da Vorstand ja so klingt, als ob da die säßen, die bestimmen wo’s… weiter lesen

15.03.2012 von Detlef Guertler
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Spontanwahlkampf

von Detlef Guertler

“Die NRW-FDP ist finanziell solide und gut aufgestellt für diesen Spontanwahlkampf”, behauptet FDP-Generalsekretär Patrick Döring heute in der Welt. Nun wollen wir uns an dieser Stelle nicht mit dem Wahrheitsgehalt dieser Aussage befassen, sondern nur mit ihrem Neuwortgehalt – und in der Tat, das Wort Spontanwahlkampf ist mir trotz einer Vielzahl von miterlebter vorgezogener Neuwahlen noch nie begegnet.

Und auch Google findet hierzu nicht wesentlich mehr als ein zehn Tage altes BamS-Interview von – Patrick Döring. Natürlich nicht zu den Neuwahlen in NRW, sondern im Saarland, aber auch da das gleiche Pfeifen im Walde: “Der Spontan-Wahlkampf im Saarland beinhaltet zwar einige Unwägbarkeiten, aber wir werden dort im Landtag gebraucht.”

Ich bin gerne bereit, diese Wortschöpfung auf Dörings geringe Erfahrung in der Führung von Wahlkämpfen und Parteien zurückzuführen: Man muss die Wahlkämpfe feiern, wie sie fallen, und ob von langer Hand geplant oder kurzfristig eingeschoben spielt dabei… weiter lesen

12.03.2012 von Detlef Guertler
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egoamazoneln

von Detlef Guertler

“Gibt es ein Verb für Den-eigenen-Namen-bei-Amazon-suchen?”, fragt Alexander Neubacher seine Facefreunde. “Ego-amazoneln” lautet sein eigener Vorschlag.

Ich verstehe zwar sein Anliegen: Da heute sein allererstes Buch erschienen ist, und da dieses Buch auch noch mit einer hervorragenden Platzierung gestartet ist (gerade eben Platz 43 im Amazon-Ranking), ist es geradezu zwangsläufig, dass er eigentlich stündlich nachschauen muss, wie sein Buch gerade so bei Amazon steht. Und ob es erste oder weitere Rezensionen gibt, und wie viele Leute diese Rezensionen hilfreich oder unhilfreich finden, und alles, was Amazon noch so an Service bietet. Das kann man amazoneln nennen, oder eben egoamazoneln, allerdings ohne Chance, daraus wirklich ein Wort zu machen, das es in den allgemeinen Sprachgebrauch schaffen wird.

Was hingegen gebraucht werden dürfte, ist ein Begriff, der das Selbstgoogeln und das Egoamazoneln und Facebookmeldungen und Twitterinteraktionen und und und zusammenbringt – Self-Tracking wäre da wohl der… weiter lesen

08.03.2012 von Detlef Guertler
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Vertröter

von Detlef Guertler

Vom “vertröteten Zapfenstreich”, schreibt ftd.de, was mir als Beschreibung für den gerade beendeten Abschied Christian Wulffs deutlich besser gefällt als etwa Spons “Mit Pauken und Vuvuzelas” oder gar Bilds “Zapfenstreich mit Vuvuzela-Lärm”. Ich finde nicht, dass die Verwendung des Begriffs Vuvuzela dem Anlass angemessen ist – Vuvuzelas gelten mir immer noch als zwar laut, aber eher fröhlich. Tröte passt besser.

Und die, die Wulff den Abschied vertrötet haben, sind dann ja wohl Vertröter, oder?

04.03.2012 von Detlef Guertler
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Schwanzhund

von Detlef Guertler

“Ihr habt einfach einen zu kleinen Wortschatz”, sagt Mechthild in Loriots “Ödipussi”, als ihr beim Scrabble-Spiel nicht erlaubt wird, das Wort “Schwanzhund” zu legen. Allerdings musste man ihren MitspielerInnen wohl recht geben: “Schwanzhund” gibt’s nicht; gerade weil so gut wie jeder Hund einen Schwanz hat, ist Mechthilds Erklärung, dass ein Hund mit Schwanz ein Schwanzhund ist, nicht schlüssig. Ein Haus mit Dach nennt man ja auch nicht Dachhaus.

Dass nach so vielen Jahren (24!) jetzt doch noch der Schwanzhund zu Neuwort-Ehren kommt, hat die deutsche Sprache Peter Glaser zu verdanken, der nämlich mit diesem Begriff ein Foto in seinem Glaserei-Blog betitelt hat.

Zurecht. Sollte es jemals eine Neuverfilmung von Ödipussi geben – diese Szene müsste umgeschrieben werden. Den Schwanzhund gibt es wirklich.

Doch was nur eine Hommage an Loriot (und ein kleiner Gag) werden sollte, könnte sich zu einem veritablen Problem für Facebook entwickeln.… weiter lesen

03.03.2012 von Detlef Guertler
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Gauckie

von Detlef Guertler

Bernhard Hopfner, Rosenschulleiter aus Wiesbaden, grummelt über das, was er gerade so in seiner Twitter-Timeline findet: “Nazis, Hirntod und Gauckies, die jubelnd aus der FAZ über Klarsfeld und die DDR vorlesen.”

Gauckies?

Vermutlich sind damit ja wohl Menschen gemeint, die sich unreflektiert und unkritisch über den Bundespräsidentschaftskandidaten Joachim Gauck freuen. So eine Art Gauck-Fanclub eben. Aber obwohl ich zu Gauck komplett anderer Meinung bin als Kleingärtner Hopfner – Gauckie gefällt mir. Erstmals ist aus dem Morast des notmypresident-Gejammers ein hübsches Neuwort gewachsen, das sofort einleuchtet und hervorragend als Kampfbegriff gegen Gauck-Anhänger eingesetzt werden kann.

Es sei denn natürlich, diese würden den Begriff “Gauckie” als Ehrentitel für sich akzeptieren. Ich fang schon mal an, drüber nachzudenken,