29.04.2012 von Detlef Guertler
Eine total süße Idee aus dem Umfeld des spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy:
- Wenn Nicolas Sarkozy nächste Woche in Frankreich abgewählt wird,
- Wird es ziemlich lange dauern, bevor die traditionelle Achse Berlin – Paris wieder so reibungslos wie bisher läuft,
- Weshalb Angela Merkel dann einen neuen verlässlichen und konservativen Partner in Europa braucht,
- Wofür sich niemand so anbietet wie der gerade eben erst mit absoluter Mandatsmehrheit gewählte Konservative Rajoy,
- Woraus sich als neues Kürzel statt des alten “Merkozy” ein “Merkajoy” ergeben würde.
Nun ja: Rein biometrisch wäre Rajoy sicherlich eher mit Merkel auf Augenhöhe als der Zwerg Sarkozy, aber das war’s dann auch schon. Als Ministerpräsident eines Landes, das in den nächsten Monaten etwa 200 Milliarden Euro aus welchen Töpfen auch immer braucht, um seine Banken und seine Wirtschaft zu retten, beziehungsweise das, was davon bei 25% Arbeitslosigkeit noch übrig geblieben ist, eines Landes,… weiter lesen
27.04.2012 von Detlef Guertler
Für einen Journalisten versteht Paul Krugman ziemlich viel von Ökonomie, und für einen Ökonomen kann Paul Krugman ziemlich gut schreiben. Man könnte zwar auch umgekehrt sagen, dass er in beiden Disziplinen den eigentlichen Experten deutlich unterlegen ist, weil er für beides zu sehr (keynesianischer) Ideologe und (US-demokratischer) Politiker ist, aber das sagen wir heute mal nicht, wir wollen ihn ja schließlich loben; loben für ein frisches Wort für ein altes politisches Übel. Und das geht so:
So we’re now living in a world of zombie economic policies — policies that should have been killed by the evidence that all of their premises are wrong, but which keep shambling along nonetheless.
Krugman bezieht das auf den Glauben an die “Confidence Fairy”, jenes überirdische Wesen, das eines Tages vom Himmel herab jene Politiker belohnen wird, die auf Sparpolitik setzen, den Gürtel enger schnallen, Investitionen und Sozialleistungen kappen, um nicht unter… weiter lesen
25.04.2012 von Detlef Guertler
“Apple stärkelt”, meint Peter Glaser heute. Nachdem gestern im Vorfeld der Quartalszahlen ganze Horden von Analy- und Journalisten über ein mögliches Schwächeln des Apple-Konzerns geunkt hatten, nur um dann wortreich zurückzurudern, ist das Verb “stärkeln” ein dezenter, geradezu österreichischer Kommentar zur Apple umgebenden Bubble-Manie.
Und es ist wohl auch eine ebenso dezente Distanzierung von der hier beschriebenen Stärke. Denn natürlich kann hier irgendwas nicht stimmen, oder zumindest nicht mehr lange gut gehen, und zwar sowohl bezogen auf den Aktienkurs als auch auf die Gewinnsituation des Unternehmens. Wer jetzt (wie Henry Blodget) mit Bullen-Metaphern den Apple-Höhenflug beschreibt, muss sich möglicherweise in Kürze mit dem Vorwurf auseinandersetzen, in unverantwortlicher Weise die Aktie in wahnwitzige Höhen getrieben zu haben. Dann doch lieber stärkeln.
21.04.2012 von Detlef Guertler
von Wolfgang Wilhelm aus dem Allgäu:
„Physiker kriegen eben alles kaputt“ heißt es in einem interessanten Artikel in der Welt. Und weiter:
“Plötzlich scheinen sich Partikel nur mit Spin und solche nur mit dem Orbitalmoment des Elektrons unabhängig voneinander und mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten zu bewegen. Die Physiker tauften die „Sub-Elektronen“ auf Spinon und Orbiton. [...] Bereits vor 15 Jahren war es Forschern gelungen, in einem sogenannten Nanodraht – der einen Durchmesser von nur einigen Atomen besitzt – Ladung und Spin von Elektronen zu separieren. Das Quasiteilchen für die Ladung wurde damals Holon getauft. [...] Holon, Spinon und Orbiton wird man wohl nie als freie eigenständige Teilchen beobachten können.”
Holon, Spinon und Orbiton – diese drei Wörter sind sehr interessant, jedoch schon nicht mehr ganz so neu. Aber ein Wort fiel mir noch auf – in einem Kommentar unterhalb des Artikels steht:
„Das dürfen diese Teilchen doch… weiter lesen
18.04.2012 von Detlef Guertler
Schon mal gehört? Ich bisher auch nicht. Ist auch ein für Ökonomen-Verhältnisse noch sehr junger Begriff – nämlich 2003 erstmals von einem gewissen F. Osborne Brown verwendet, und erst Anfang 2011 zu einer gewissen Verbreitung gekommen. Kurz, und mit Wikipedia, gesagt, ist “Biflation das gleichzeitige Auftreten inflationärer und deflationärer Effekte”. Und wem das zu unklar ist, dem erklärt es Al Lewis im Wall Street Journal sehr deutlich:
Everything you already own — a house, a car, a stock portfolio — has rapidly declined in value. Everything you actually need to buy — food, gasoline, medicine, education — is going up.
Was im ersten Fall insbesondere passiert, wenn die Banken den Kredithahn abdrehen, und im zweiten Fall insbesondere, wenn die Zeltbanken den Geldhahn aufdrehen: Hohe Liquidität treibt die Preise für Rohstoffe, Lebensmittel und Dienstleistungen, niedrige Kreditvergabe (oder platzende Blasen oder eine Rezession) drückt… weiter lesen
14.04.2012 von Detlef Guertler
Ich werde mich natürlich hüten, den Shitstorm zu attackieren. Weil es ein mittlerweile eingeführtes Wort ist, weil es kürzlich erst zum Anglizismus des Jahres gekürt wurde, und weil man sich sonst womöglich selbst einem Shitstorm aussetzt, und wer will das schon?
Weshalb ich auch dem Vorschlag von @TeraEuro nicht folgen möchte, der den Shitstorm durch einen Twitterrorismus ersetzen will, der noch viel viel schlimmer sein soll. Möglicherweise fehlt mir schlicht die Fantasie, wie auf Twitter etwas aussehen könnte, das schlimmer als ein Shitstorm sein sollte. Auch wenn sich das ganze Internet verschwören würde, um, sagen wir, auf @TeraEuro einzutwittern, wäre das für mich immer noch ein Shitstorm.
Schon besser hingegen gefiele mir der Begriff “Twitterrorist”. Das wäre nämlich ein praktischer Spezialname für Streitsucher auf Twitter. Also zum Beispiel diejenigen, die sich ständig Shitstorms einfallen lassen, oder mit selbstausgedachten Memen wie #wasimhandelsblattfehlt Säue durchs Global… weiter lesen
10.04.2012 von Detlef Guertler
Da hätt ich ja wirklich auch gleich drauf kommen können, als ich hier vor drei Tagen über die Minimaldemokratie schrieb, die Paul Nolte hier in der taz ad acta legen wollte. Denn, logisch, wenn die nicht mehr zeitgemäß ist, sollte man es mal mit dem inhaltlichen und wörtlichen Gegenteil versuchen: der Maximaldemokratie eben.
Sorry, es hat dann doch diese paar Tage gebraucht, aber jetzt hat es die Maximaldemokratie in meine Lobrede auf die Piratenpartei in der aktuellen “Welt” geschafft:
Bekommt die Piratenpartei ihre Grabenkämpfe in den Griff, hat sie gute Chancen, die erste genuin europäische Partei zu werden und einer Maximaldemokratie in Europa den Weg zu bereiten.
Mehr muss hier glaube ich nicht verraten werden. Nur eins noch: So gerne ich für mich den Ruhm geltend machen würde, den Begriff Maximaldemokratie geprägt zu haben – er ist nicht von mir. Ich habe doch tatsächlich… weiter lesen
08.04.2012 von Detlef Guertler
Wolf Biermann über Günter Grass:
Keinem wird in diesem Land die Meinung verboten. Einem Nobelpreisträger wie Grass schon gar nicht. Er muss nicht darum kämpfen, dass ihm kein Maulkorb vor das Gebiss gelegt wird, sondern darum, dass etwas aus seinem Mund kommt, dass sich lohnt, gesagt zu werden. Da hat er genug zu tun.
Dieses Biermann-Zitat ist nicht von heute, sondern von vor elfeinhalb Jahren. Von heute hingegen ist unter anderem:
Wenn dem Künstler keine originellen Ideen mehr kommen, versucht mancher sich an einem künstlichen Tabubruch wie Grass.
Biermann hat es sich nicht einfach gemacht mit Grass’ Israel-Gedicht (er nennt es, sehr schön, “Gedacht”). Was zum einen daran liegt, dass er Grass einen Teil seines Weltruhms verdankt (wie von Biermann selbst vor ebenfalls elfeinhalb Jahren im Spiegel verraten); und zum anderen daran, dass er sich mit ihm “zerfreundet” fühlt. Ein Wort, das bislang nur… weiter lesen
07.04.2012 von Detlef Guertler
Ein interessanter Ansatz von Paul Nolte gerade eben im taz-Interview:
Der Wandel weg von Parteiendemokratie, repräsentativer Demokratie und Parlamenten ist ein langfristiger Trend. Das hat mit unseren gewachsenen Ansprüchen zu tun. In der Nachkriegssituation war man in der Bundesrepublik zufrieden, eine „Minimaldemokratie“ – wie sie etwa Joseph Schumpeter klassisch definierte – zu sichern. Also: Wir dürfen unsere Vertreter wählen und sie alle vier Jahre abwählen oder im Amt bestätigen. Heute wollen wir dauernd genau hinschauen. Das ist Ausdruck eines gewachsenen Anspruchs auf Transparenz und Mitgestaltung.
Leider ist mir Schumpeters klassische Definition nicht geläufig (sachdienliche Links bitte in den Kommentaren einwerfen), aber ich würde mal vermuten, dass sie hier auch nicht so wichtig ist – weil zu Schumpeters Zeiten bei weitem weniger technische Möglichkeiten vorhanden waren, um Demokratie anders als durch Wahlen alle paar Jahre stattfinden zu lassen. Um diese Möglichkeiten jedoch geht es heute in erster Linie, wenn… weiter lesen
06.04.2012 von Detlef Guertler
“Meinten Sie: Netzgemeinde” fragt Google, wenn man nach “Hetzgemeinde” sucht. Und spuckt dann doch vor allem zwei Quellen aus: einen Meedia-Text von Stefan Winterbauer vor zwei Monaten und einen Sprachlog-Beitrag von Anatol Stefanowitsch gerade eben.
Beiden gemeinsam ist die direkte Ableitung vom Begriff Netzgemeinde. Bei Winterbauer ganz platt und direkt:
“Die Netzgemeinde ist leicht erregbar. Drückt man die richtigen Knöpfe, wird sie schnell zur Hetzgemeinde.”
So als gäbe es tatsächlich so etwas wie eine Netzgemeinde, und nicht nur eine mediale Wahrnehmung davon. Stefanowitsch hingegen hält Hetzgemeinde offenbar für genauso schräg wie Netzgemeinde und verwendet den Begriff gerade deshalb als Etikett für diejenigen, die sich die nicht existente Netzgemeinde als Gegner ausgesucht haben: die Contentindustrie.
Ich werfe euch bei meiner Antwort munter in einen Topf — Kunstproduzentinnen und Kunstverkäufer, Sänger, Schauspielerinnen, Autoren, Komponistinnen usw. Zum einen, weil ihr das selbst tut — euch zu einer… weiter lesen